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Rendsburg Tagebuch erzählt aus Kriegszeit in Felde
Lokales Rendsburg Tagebuch erzählt aus Kriegszeit in Felde
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06:55 19.03.2018
Von Torsten Müller
Hans-Heinrich Kühl aus Ranzel in Felde begleitete Ende der 30er-Jahre seinen Vater bei den ersten Fahrten mit dem neuen Deutz-Trecker. Der Bruder schaut vom Anhänger aus zu. Quelle: Torsten Müller
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Felde

„Tag der Arbeit?“ Die Einträge beginnen am 1. Mai 1945 mit einer kritischen Frage. 1933 hatten die Nazis den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärt. „Mein Vater war eher monarchistisch gesinnt und nicht in der Sturmabteilung SA wie andere Bauern“, erläutert Hans-Heinrich Kühl. Demonstrativ schritt der Altbauer am 1. Mai zur Arbeit: bearbeitete Land und walzte im Krainholz (kurz vor der heutigen Brücke über die Autobahn 210) den Boden. Doch die abendliche Maifeier in Brandsbek ließ er sich nicht nehmen. „Die bessere Schicht ist nur da, weil sie muss“, notiert er danach in sein Tagebuch.

Das Tagebuch protokolliert die je nach Jahreszeit wiederkehrenden Arbeiten auf dem kleinen, 18 Hektar großen Hof: Rübenacker pflügen, Jauche fahren, Klee mähen, Honig schleudern, Roggen fahren, Weizen mähen, Ferkel verkaufen und Küken aus einer Brüterei in Kiel-Hasseldieksdamm holen.

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Am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, mischt sich Sorge zwischen die Notizen über den ländlichen Alltag: „Kriegsgefahr, Stoppel bearbeitet“. Eine Woche später ist zu lesen: „Mist (gefahren), feindliche Flieger in großer Höhe über uns“.

Gleichzeitig hält die Technisierung auf dem kleinen Hof Einzug: Ein Selbstbinder für die Ernte wird angeschafft, und ein Trecker, ein Deutz-Bauernschlepper mit 11 PS, fährt plötzlich über den Hof – die beiden Pferde haben künftig weniger zu tun. 1938 kauft sich Wilhelm Kühl das erste Auto, einen gebrauchten Adler. Im Krieg wird der Wagen allerdings konfisziert.

Dafür gibt es mit Dimitri und Maruschka Unterstützung bei der Arbeit. „Bauern konnte sich aus dem Lager Jägerslust einen Russen holen“, schildert Hans-Heinrich Kühl die Situation der Zwangsarbeiter. Die zunehmende Bombardierung Kiels durch britische Flugzeuge bedroht auch das Umland. „Tommy wirft Brand- und Sprengbomben“, notiert der Vater am 17. März 1941. Drei Monate später ist zu lesen: „Jede Nacht Fliegeralarm.“ Am 23. Juli steht dort: „Bomben, aber dicht bei“.

Kühl ist bereit, einige Bücher an Interessierte abzugeben. Für die Buchveröffentlichung ergänzte der Sohn die Aufzeichnungen um hilfreiche Erläuterungen sowie persönliche Fotos aus der Zeit.

Hans-Jürgen Jensen 18.03.2018
Hans-Jürgen Jensen 18.03.2018