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Segeberg 20 Jahre mit einem neuen Herzen
Lokales Segeberg 20 Jahre mit einem neuen Herzen
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20:15 27.12.2013
Von Detlef Dreessen
Weihnachten ist für Otto und Elfi Kutzschbach auch aus privatem Grund ein ganz besonderes Fest: Vor 20 Jahren rettete eine Herztransplantation das Leben des Bornhöveders.
Bornhöved

„Am 23. Dezember um 15.30 Uhr rief eine Ärztin aus Kiel an“, erinnert sich der 74-Jährige Bornhöveder. „Ich sollte sofort kommen, sie hätten ein Spenderherz.“ Was ihn erwarten würde, wusste er nicht. „Man kannte Zeitungsberichte über den südafrikanischen Herzchirurgen Professor Christiaan Barnard. Und sein erster Patient war schnell gestorben.“

 Trotzdem überlegte Kutzschbach nicht lange. Die Verzweiflung machte Mut. Seit vier Jahren war es mit ihm gesundheitlich bergab gegangen. Der Herzmuskel war aufgrund einer unerkannten Diabetes schwächer und schwächer geworden. Sein Arbeitgeber, die Bahn, schickte ihn in Frühpension. „Ich konnte nicht mal mehr über die Straße zum Schlachter gehen“, berichtet er. Seine Frau Elfi hatte ständig furchtbare Angst um ihren Mann und musste mit ansehen, wie es ihm von Woche zu Woche schlimmer ging.

 Als das Herz nur noch 10 Prozent seiner Leistung hatte, kam der Anruf. Kutzschbach weiß noch heute, wie er sich ins Taxi setzte - mit der Aussicht auf eine Operation am entscheidenden Organ mit unbekanntem Ausgang. Es ging schnell an jenem Tag. Um 22.30 Uhr, sieben Stunden nach dem Anruf, schoben ihn die Krankenschwestern in den Operationssaal. Eine Viertelstunde später setzte die Narkose ein. Um 2.30 Uhr, am frühen Morgen von Heiligabend, waren das kranke und das gesunde Herz ausgetauscht.

 Als Otto Kutzschbach zum ersten Mal kurz aufwachte, war er auf der Intensivstation. Es war Heiligabend um 14.30 Uhr, als andernorts die Glocken zu den ersten Gottesdiensten erklangen. Wenige Stunden später, als die Narkose überstanden und Kutzschbach wieder richtig bei Bewusstsein war, spürte er schon die Kraft des neuen Herzens. „Ich wollte gleich aufstehen, die Pfleger konnten mich kaum halten“, sagt er und freut sich noch heute über die ersten Stunden, in denen er nach langer Zeit wieder Zuversicht und Lebensmut verspürte.

 „Endlich war mein Körper wieder voll durchblutet.“ Prompt rief er zu Hause an und erklärte der Familie, wie das Filet Wellington zuzubereiten sei, für das die Zutaten bereits im Kühlschrank lagen.

 „Natürlich hatten wir Angst, dass das Spenderherz vom Körper abgestoßen würde“, berichtet Elfi Kutzschbach von den folgenden Wochen und Monaten, die zwar glücklich, aber nicht unbeschwert waren. Mit Mundschutz liefen beide im Haus herum. Die Medikamente, die Otto Kutzschbach nehmen musste, um die Abstoßung des fremden Gewebes zu verhindern, senkten auch die Immunkräfte. Jeder, der hinter ihm hustete, konnte ein tödliches Bazillus übertragen.

 Doch schon im Sommer war das Schlimmste überstanden. Bei einem langersehnten gemeinsamen Urlaub in Sachsen der erste Leistungstest: 92 Stufen einer Treppe zur Ferienwohnung stieg Otto Kutzschbach hoch. Mit mehreren Pausen, aber immerhin.

 Zu Sachsen verbindet ihn seit der Operation nun etwas Besonderes. „Das Herz stammt wahrscheinlich von einer jungen Frau aus Sachsen“, das habe ihm ein Gespräch mit seinem behandelnden Arzt signalisiert. Dass sein Glück auf dem Unglück eines anderen Menschen beruht, ist für ihn keine Belastung. Die Frau sei ja nicht gestorben, damit er ihr Herz bekommt, betont Otto Kutzschbach, sondern aus einem anderen Grund. Und anschließend konnte er ihr Herz bekommen.

 Solche Gedanken und Informationen weiterzugeben, ist für Otto Kutzschbach seit seiner Operation eine Berufung. Es sei nicht immer leicht, Verständnis zu erhalten, weiß der Bornhöveder, besonders wenn mit Organspenden Schindluder getrieben wird, wie es jüngst durch die Presse ging.

 Es muss nicht ein Herz sein. Auch eine Niere kann Leben retten. Darum Otto Kutzschbachs Appell: Nicht nur Geld spenden, sondern auch Organe. Damit im Falle des eigenen Unglücks wenigstens ein anderer glücklich werden kann.

 Auch für gesunde Menschen hat er sich mit seiner neuen Kraft seit der Operation engagiert: Als Gemeindevertreter und im Einsatz für das Jugendhaus in Bornhöved, das wesentlich auch durch seinen Einsatz im Verein Treffpunkt Realität wurde. Und seine Frau Elfi ist glücklich. „Ohne das Spenderherz wäre ich seit 20 Jahre Witwe.“ So aber freut sie sich darauf, in zwei Jahre mit ihrem Mann die goldene Hochzeit feiern zu können.