Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Segeberg Dramatik am DDR-Grenzzaun: Ich war Wachsoldat
Lokales Segeberg Dramatik am DDR-Grenzzaun: Ich war Wachsoldat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:33 07.11.2019
Von Christian Detlof
Den alten Personalausweis der DDR, der er im Spätsommer 1989 den Rücken kehrte, hat der damalige Gorbatschow-Fan Jörg Lange noch. Quelle: Christian Detlof
Schmalensee

Anfang der 1980er Jahre hatte er 18 Monate uniformierten Dienst zu leisten – bei den Grenztruppen der DDR.

In diese Zeit fällt ein beklemmendes Erlebnis, das Jörg Lange bis heute nicht loslässt: Der Tod des Grenzsoldaten und Postenführers Eberhard Knospe am 5. Mai 1982, erschossen von seinem Kameraden Klaus D.. D. war in jener Nacht in den Westen geflohen. Die Gelegenheit war günstig, weil der Grenzabschnitt Wirpke bei Sommersdorf wegen Arbeiten an den Sicherungseinrichtungen gute Voraussetzungen bot.

Kamerad schoss, um fliehen zu können

Knospe, so hat es Lange aus der Erinnerung und aus Quellen im Internet zusammengetragen, lag gegen 2 Uhr in einer Mulde und überwachte die Grenze, als D. ihn mit seiner Kalaschnikow von hinten erschoss und sich anschließend über den Zaun in den Westen absetzte.

In der Dunkelheit den Toten nicht gesehen

Die nächste Streife, die den Postenpunkt 63 passierte, bildeten Jörg Lange und sein Postenführer Andreas H. „Wir hatten keine Schüsse gehört. Offenbar hatte der Täter den Lärm eines vorbeifahrenden Kohlenzuges ausgenutzt“, sagt Lange. Wegen der Dunkelheit übersahen er und H. den Toten.

Einer – logischerweise – missglückten Verbindungsaufnahme zum Trupp Knospe konnten beide nicht nachgehen: „Wir wurden zum Führungsturm gerufen, um dort die Böden zu wischen.“

So bekam Lange aber die Meldung mit, die gegen 4.20 Uhr aus dem Funkgerät drang: „Grenzdurchbruch DDR-BRD, im Zaun hängen noch die Fetzen!“ Das waren Reste der Kleidung von D.

Es wurde eine lange Nacht

Für Jörg Lange und seinen Postenführer, die da noch an eine Flucht von Zivilpersonen geglaubt hatten, begann eine lange Nacht. „Ich muss ein paar Mal an dem Toten vorbeigekommen sein, ehe mir klar wurde, dass es der Eberhard war und wo er lag“, sagt Lange, der zunächst den Dienst fortsetzen musste.

Mit Knospes Waffe in der Hand hatte er das Vorgehen sogenannter Grenzaufklärer zu überwachen, die, unter den Augen des Bundesgrenzschutzes auf der Westseite, unmittelbar am Zaun Spuren sicherten. Dann ging es in stundenlange Verhöre: „Erst immer und immer wieder Fragen zur Tatnacht. Dann immer wieder die Aussage, D. sei der Feind, Knospe ein Held.“

Schließlich musste Jörg Lange am 13. Mai 1982, dem Tag der Bestattung Knospes mit militärischen Ehren, in dessen Zimmer, das als Kondolenzraum diente, Totenwache stehen. 

Gelegenheit zum Grenzdurchbruch nicht genutzt

Ein Mal bot sich auch Jörg Lange die Chance, im Zuge von Arbeiten am Grenzzaun durch eine Lücke zu entkommen. „Das Herz klopfte wie wild. Wahrscheinlich dachte ich an die Eltern und Geschwister und die Folgen für sie.“ Lange floh nicht. Aber er wusste: „Irgendetwas muss ich in meinem Leben ändern.“

Fotostrecke: Der Fall der Mauer begann vor 25 Jahren in Sopron

Das war dann zunächst der Beruf. „Ich fand eine Stelle als Heimerzieher und absolvierte ein Fernstudium. Im Heim konnte ich viel freier arbeiten als im Kombinat.“ Doch auch hier holte Lange Mitte 1989 die Realität der DDR ein. Ein Gorbatschow-Button an der Jeansjacke erregte die Aufmerksamkeit des Bezirksamtes. Lange wurde strafversetzt.

Die Stasi vor der Tür

Zeitgleich kamen Erzieherkollegen aus dem Urlaub in Ungarn zurück und erzählten vom geöffneten Grenzzaun nach Österreich. Die damalige Lebensgefährtin und Berufskollegin stellte einen Ausreiseantrag. Von da an saßen zwei Männer in Lederjacken in einem weißen Lada vor dem Wohnhaus, erinnert sich Lange – vermutlich die Staatssicherheit.

In den ARD-Tagesthemen sahen Lange und seine Partnerin am 30. September die Bilder aus der Prager Botschaft und die Ansprache von Bundesminister Hans-Dietrich Genscher, wonach die DDR-Flüchtlinge aus der bundesdeutschen Botschaft in den Westen reisen dürften.

Am 2. Oktober traf ein Einberufungsbescheid (Dienstantritt 1. Dezember) beim Grenz-Reservisten Jörg Lange ein. „Das war für uns der Startschuss zu gehen.“ Rasch wurde tags darauf Geld abgehoben. Es ging in den Zug von Leipzig nach Prag. „Unglaubliche zwölf Stunden später waren wir in Bayern!“

Schleswig-Holstein brauchte Erzieher

Über Hannover, wo eine Weiterverteilung nach Berufen erfolgte – „Schleswig-Holstein brauchte Erzieher“ – ging es weiter nach Eckernförde und schließlich Bad Bramstedt. „Nach vier Wochen hatten wir Arbeit in unserem Beruf und eine Wohnung“, zeigt sich Jörg Lange noch heute beeindruckt.

Als Wachsoldat an der DDR-Grenze

Die Wartezeit wurde unter anderem mit einem „Begrüßungsprogramm“ wie der Butterfahrt überbrückt. Vom Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 erfuhr Jörg Lange irgendwo auf der Ostsee

Freiheit hatte Jörg Lange fortan als Pädagoge und Gruppenleiter. Aber die Selbstbestimmtheit fand er zunächst auch im Westen nicht. Also suchte er erneut einen Ausweg. „Ich hatte viel mit Berufsbetreuern zu tun. 2009 bot sich mir die Chance, selbst auf diesem Feld tätig zu werden.“

Jetzt ehrenamtlicher Helfer für Afrika

Nicht nur hierzulande setzt sich der ehemalige DDR-Grenzer für die Schwächeren ein. Im Förderkreis Wandumbi ist er seit 2006 neben vielen Mitstreitern in der Hilfe für Kinder mit Behinderungen in Kenia tätig. „Angefangen hat es damit, dass ich für den dortigen Pastor 30 Rollstühle besorgt habe. Mittlerweile kann unser Verein stolz von sich sagen, in 20 Jahren weit über 500000 Euro gesammelt und zwei Schullandheime errichtet zu haben“, strahlt Jörg Lange. „Wir haben über 50 Patenkinder in unserem kleinen Förderkreis.“

Jörg Lange hat sich im beschaulichen Schmalensee niedergelassen, wo er mit seiner Ehefrau ein Haus gekauft hat. Als selbstständiger Betreuer in sozialen und Berufsfragen hilft er Menschen, denen es schwerfällt, sich gegenüber Behörden, Versicherungen und anderen „da oben“ durchzusetzen.

"Zustände hatten mich eingeschnürt"

Für den früheren Betriebsschlosser, DDR-Grenzsoldaten und Heimerzieher erfüllt sich, wonach er immer gestrebt hat: „Ich leiste eigenverantwortlich Hilfe zur Selbsthilfe. Das wollte ich erreichen. Ich hatte aus Zuständen, die mich eingeschnürt hatten, meine Konsequenzen gezogen und das Beste daraus gemacht.“

In der Rückschau wirkt Jörg Lange mit sich zufrieden: „Durch Fleiß kann man weit kommen. Ich war nie ein Vorzeigeschüler. Als sogenannter „Ossi“ muss man immer ein wenig mehr machen. Tatsächlich lebe ich heute in einem Land, das mir sozialer vorkommt, als es die damalige DDR war. Ich führe ein selbstbestimmtes Arbeitsleben, und ich kann reisen, wohin ich will.“

Lesen Sie auch

Heutiger Kieler floh 1973 aus der DDR

Erfahrungen einer Geflüchteten

Lesen Sie hier weitere Nachrichten aus dem Kreis Segeberg

„Wenn es in Hamburg nach Mandeln, Plätzchen, Lebkuchen und Glühwein duftet, kann es sich nur um den Winterdom handeln, der am Freitag um 15 Uhr die dunkle Jahreszeit überwindet,“ beschreibt Franziska Hamann von der Wirtschaftsbehörde den Auftakt des größten Jahrmarktvergnügens Norddeutschlands.

Nicole Scholmann 07.11.2019

Das Denkmalamt und die Stadt Bad Bramstedt haben das verfallene Haus Maienbeeck 31 zum Abriss freigegeben. Die Entscheidung der Stadt fiel im Bauausschuss einstimmig. Bedingung: Der Eigentümer muss einen Neubau zu errichten, der der typischen Bebauung in dieser Straße entspricht.

Einar Behn 06.11.2019

Nächste Runde in Sachen Amtsleiter Bigott: Der Amtsausschuss Itzstedt wird am kommenden Montag diskutieren, ob Andreas Bigott seinen Job als Amtsleiter behält. Amtsvorsteher Bernhard Dwenger rechnet damit, dass die Mehrheit für die Abberufung stimmen wird.

Nicole Scholmann 06.11.2019