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Segeberg "Aryan Circle": Anhängerin leitete Kinder-Sportgruppe
Lokales Segeberg "Aryan Circle": Anhängerin leitete Kinder-Sportgruppe
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18:30 05.03.2020
Von Gerrit Sponholz
Beamte eines Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei hatten am Dienstag in Bad Segeberg und anderen Orten in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen zwölf Wohnungen von mutmaßlichen Rechtsextremisten durchsucht. Die Bewohner sollen sich, laut Staatsanwaltschaft, zur kriminellen rechtsradikalen Vereinigung "Aryan Circle Germany" zusammengeschlossen haben. Quelle: Markus Scholz/dpa
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Kreis Segeberg

Außerdem existiert beim Staatsschutz über den Bernd T. offenbar ein vertrauliches Dossier, das 77 Ermittlungsverfahren auflistet. Darüber berichtete kürzlich das Nachrichtenmagazin Spiegel.

Und noch nicht ausgewertet ist die große Polizeiaktion am Dienstag. Das Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein hatte Wohnungen von zwölf Beschuldigten im Alter von 19 bis 57 Jahren in mehreren Bundesländern durchsucht.

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Rechtsextreme in Bad Segeberg hatten viele verunsichert

Die Beschuldigten werden verdächtigt, sich mit anderen im Juli 2019 in Bad Segeberg zur rechtsextremen Gruppierung Aryan Circle Germany zusammengeschlossen zu haben, hatte LKA-Sprecher Uwe Keller berichtet. Ziel der Gruppe soll sein, fremdenfeindlich motivierte Körperverletzungen und Sachbeschädigungen und Straftaten nach dem Waffengesetz zu begehen. Wegen ähnlicher Straftaten waren einige der Verdächtigen bereits aufgefallen.

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Dazu zählte Bernd T. Der 45-Jährige hatte früher bereits mehrere Körperverletzungen begangen und war an einer Tötung eines Menschen beteiligt gewesen. Im Herbst hatte es Unruhe in Bad Segeberg und Sülfeld gegeben.

"Aryan Circle": Anhängerin trainierte Kinder 

Besondere Sorge hatte Behörden, Schulen und Eltern bereitet, dass die Gruppe um Bernd T. versuchte, Schüler für einen „Aryan Circle Nord“ zu rekrutieren. Auch fühlten sich Menschen bedroht, die sich für Klimaschutz, Demokratie und Menschenrechte einsetzten.

Zu der Gruppe um Bernd T. gehörte offenbar auch Melanie P. Die Lehramts-Studentin hatte vor einigen Monaten in Bornhöved gelebt, sich auch im TV Trappenkamp engagiert. Sie war Schriftführerin einer Sparte und offenbar mit einem anderen Gruppenmitglied rund um Bernd T. liiert.

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„Schriftführerin war sie bis vor etwa einem halben Jahr“, sagt TVT-Vorsitzender Hans-Henning Uhde von Reichenbach auf Anfrage von KN-online. „Außerdem hatte sie eine Kindergruppe im TVT trainiert.“ Da sei sie aber nicht auffällig geworden.

Melanie P. war auch Schriftführerin im TV Trappenkamp

Im Herbst vorigen Jahres sei der TVT „von außen angesprochen“ worden. Melanie P. würde zu dem Kreis der Rechtsextremen zählen. Daraufhin habe der Verein sie angesprochen. Der Verein habe ihr Hilfe angeboten, um sich von der Gruppe zu lösen, sagt von Reichenbach. Dies habe sie aber abgelehnt.

Sie habe versichert, dass sie sich von der Gruppe losgesagt habe. Sie sei, quasi ungewollt, dort hineingerutscht und habe all das nicht gewollt. TVT und die Frau hätten sich dann im beiderseitigen Einvernehmen getrennt, sagt von Reichenbach.

Melanie P. beendete ihre Arbeit im Sportverein. Sie sei, so der TVT-Vorsitzende, erst nach Sülfeld gezogen, später zu ihrer Mutter nach Lübeck.

Sportverein hatte reagiert: Die Frau lehnte Hilfe ab

In Sülfeld, wo es ebenfalls Unruhe wegen der Rechtsextremen gegeben hatte, hatte offenbar ihr Freund Marcel S. gewohnt. Er wird ebenfalls der Gruppe um Bernd T. zugerechnet und sitzt seit Ende 2019 in Untersuchungshaft. Marcel S. soll in Bad Segeberg einen Gleichgesinnten aus Hamburg klinikreif geschlagen haben.

Zu Übergriffen der Gruppe um Bernd T. wie in Bad Segeberg soll es in Trappenkamp zu Zeiten von Melanie P. nicht gekommen sein. Auch dem Spartenleiter des TVT, der ungenannt bleiben will, war nach eigenen Angaben nichts Außergewöhnliches zu Ohren gekommen. „Sie hat die Kindergruppe geleitet. Da ist nichts passiert.“

Schule in Trappenkamp hatte auf Alarm geschaltet

„Wir hatten seinerzeit im Herbst gleich auf Alarm geschaltet“, sagt Renate Holfter, Leiterin der Richard-Hallmann-Schule (RHS) in Trappenkamp. Sie hatte damals erfahren, dass Melanie P. im Sportverein tätig sei.

Die Schüler seien aufgeklärt worden und hätten Tipps erhalten, wie sie sich möglichen Annäherungsversuchen der Rechtsextremen erwehren könnten. „Es gab dann aber keine Anwerbeversuche.“ Holfter ist stolz darauf, dass die RHS zur Gruppe der „Schulen ohne Rassismus“ gehört.

Melanie P. war für KN-online nicht erreichbar. Von Beobachtern der Szene wird nicht ausgeschlossen, dass sie durchaus zum Kern der Gruppe gezählt hat oder noch zählt.

Auch ihre neue Wohnung in Lübeck durchsucht?

Ob ihre neue Wohnung auch zu den am Dienstag von der Polizei durchsuchten gehört, konnten oder wollten weder LKA-Sprecher Uwe Keller sagen noch Ulrike Stahlmann-Liebelt, Leitende Oberstaatsanwältin der federführenden Staatsanwaltschaft in Flensburg. Bestätigt wurde lediglich, dass eine Wohnung in Lübeck durchsucht worden sei.

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Derzeit würden die Durchsuchungsergebnisse ausgewertet, sagt Stahlmann-Liebelt. Mit Ergebnissen sei nicht vor Anfang nächster Woche zu rechnen. In Haft genommen sei nach ihrer Kenntnis keiner der Beschuldigten.

"Aryan Circle": Staatsschutz hat wohl langes Dossier zu Bernd T.

Mit welchen Kalibern es die Behörden zu tun haben, lässt sich aus einem Staatsschutz-Dossier zu Bernd T. erahnen. Aus diesem hat das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet. Darin werde vor dem Bad Segeberger gewarnt.

Er sei Sexual- und bewaffneter Gewalttäter. Die Polizei in Hessen führe ihn demnach als sogenannte relevante Person im rechten Spektrum. Das sei eine Kategorie unter der eines Gefährders.

77 Ermittlungsverfahren soll er schon angehäuft haben, darunter Verstöße gegen das Waffengesetz, versuchte Vergewaltigung, Betrug und mehrere schwere Gewaltdelikte.

Angeblich werden in dem Dossier auch großflächige Tätowierungen an seinem Körper beschrieben: Drei Hakenkreuze, eines davon auf der Brust.

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Einar Behn 05.03.2020
Nicole Scholmann 05.03.2020
KN-online (Kieler Nachrichten) 05.03.2020