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Segeberg Auch Winnetou braucht Helfer
Lokales Segeberg Auch Winnetou braucht Helfer
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08:25 19.07.2012
Von Nora Saric
Komparsen-Alltag: Kim, Pia und Silja (v.l.) gönnen sich noch einen Kaffee in der WG-Küche. Quelle: Uwe Paesler
Bad Segeberg

Das gibt’s nur hinter der Kulisse: Ein Soldat, eine Apachenfrau und ein Cowboy wohnen in einer Karl-May-WG zusammen – in Groß Rönnau. Für die Proben- und Spielzeit der Saison 2012 haben sich Silja Blechschmidt (19) aus Barmissen, Pia Timmer (20) aus Bad Bramstedt und Kim Gutowski (20) aus Pülsen für wenig Geld eine Dachgeschosswohnung gemietet und teilen sich Küche und Bad. Die Mädchen sind Reiter-Statisten bei den Festspielen und haben wechselnde Rollen im aktuellen Stück Winnetou II. Jede hatte schon länger den Wunsch gehabt, einmal mitzureiten. Alle drei stehen vor ihrem Studium und haben nun ihre Chance ergriffen, erstmals eine von 45 Komparsen bei den Karl-May-Festspielen zu sein.

Winnetou und seine Komparsen

„Wir Statisten machen ganz viel zusammen. Und wenn wir nicht ins Kino oder in die Kneipe gehen, treffen wir uns auch oft hier in der Wohnung“, berichtet Silja. Ihre Verpflegung für den Tag haben die Reiterinnen schon vormittags vorbereitet und verpackt. „Das ist auch Essen für die Falkner, wir machen ab und zu mal Gemeinschaftskochen“, erklärt Kim. Denn es wird ein langer Tag, der erst um 23 Uhr zu Ende geht – zwei Vorstellungen inklusive.

Die drei jungen Frauen hüpfen um halb zwölf in Kims blauen VW-Bus und fahren zu ihrem Arbeitsplatz, dem Kalkberg. Dort geht es als Erstes zu den Stallungen, denn neben den Statistenrollen versorgt jedes der Mädchen zwei der insgesamt 23 Pferde, die der Kalkberg GmbH gehören. Auffällig ruhig geht es dort zu, die Reiter striegeln, bürsten und waschen ihre Pferde – mit großer Umsicht, denn es ist eng, die verbleibende Zeit auf die Minute verplant. Neben den 23 Kalkberg-Pferden stehen hier auch drei Pferde des Stuntteams.

12 Uhr, Dienstbeginn: Der Schmied ist gerade da. Michael Millermann lebt eigentlich auf Rügen, beschlägt aber ein Mal wöchentlich die Pferde vom Kalkberg. Es qualmt, als er das glühende Eisen auf den Huf eines nervösen Stuntpferdes drückt. Es riecht nach verbranntem Horn. „Ich mache das schon seit 18 Jahren“, ruft der große Mann in der grünen Schürze mit ein paar Hufnägeln zwischen den Zähnen durch den Dunst hindurch. „Er macht das schon genau so lange wie ich“, ergänzt Sylvia Kassel (45) und lacht. Sie sitzt nur einen halben Meter entfernt auf einer Holzbank und betrachtet Millermann bei seiner Arbeit. Sie ist die Reittrainerin und Chefin von Silja, Pia und Kim. „Ich mache hier das ganze Pferdemanagement. Das ist die Auswahl der Reiter, die Auswahl und der Einkauf der Pferde, eigentlich die gesamte Organisation.“ Während der Festspiel-Saison stehen die Pferde am Kalkberg, erklärt Sylvia Kassel. In der vorstellungsfreien Zeit dürfen sie allerdings auf eine Weide, „wo sie sich drei Tage so richtig den Kopf freimachen können. Das ist ein Idyll ohne Menschen.“

Nicht jedes Pferd eignet sich für den „Job“. Es muss kopf- und nervenstark sein. „Pferde sind Fluchttiere, und wir arbeiten hier viel mit Explosionen oder Schüssen. Deshalb lassen wir sie immer in Bewegung, damit sie laufen dürfen. Auch an die Menschenmassen im Publikum müssen sie sich gewöhnen.“ Vertrauen spielt eine große Rolle: „Die Pferde lernen, dass ihnen hier nichts passiert. Sie werden nach und nach immer stärker eingesetzt.“

Ein paar Schritte hinter den Ställen sitzen die Greifvögel auf dicken Holzklötzen. Falknerin Claudia Fischer (27) ist mit ihrer Assistentin Laura Carell (20) zum zweiten Mal bei den Festspielen dabei. Die beiden Frauen kommen mit ihren vier Greifvögeln aus dem 600 Kilometer entfernten Wildpark und der Greifvogelstation Hellenthal bei Köln, der von Claudia Fischers Vater betrieben wird. „Ich bin mit Greifvögeln groß geworden“, erzählt sie. „Im Alter von zehn hatte ich schon den ersten großen Adler auf der Hand.“ Sie haben die afrikanische Schreiseeadler-Dame Oka dabei. Außerdem im Team: das drei Monate alte Virginia-Uhu-Mädchen Shadow sowie die Lanner-Falken-Dame Noa (3) und der Saker Falke Benny (2).

Bald ist es 14 Uhr. Die Reiter satteln nach und nach ihre Pferde. Einem der Schecken muss Silja noch schnell den Nasenrücken sauber machen. „Ich weiß auch nicht, wie der das jetzt schon wieder geschafft hat“, sagt sie, lässt aber keine Hektik aufkommen. Auch der Kutscher ist nun eingetroffen. Maik Sommer fährt seit 2009 die Kutsche, ist Reiter und spielt Captain Rogers, eine kleine Sprechrolle. Er ist schon seit 1984 bei den Spielen dabei. „Soldatenrollen sind irgendwie meine Spezialität, man sagt, das passt zu mir“, sagt er lachend.

Neben der Zuschauertribüne gelangen Pferde und Reiter über einen steilen, sandigen Weg hinter die Kulissen. Eine laute Fanfare ertönt. Das Signal, dass die ersten Zuschauer im Theater sind. Jetzt darf sich draußen niemand mehr blicken lassen. Die Schauspieler – rund 15 sind es, die 17 Rollen verkörpern – ziehen sich um. Die Fuß-Statisten haben ihren Bereich, genauso wie die Reiter ihre Ecke haben. Silja, Pia und Kim waren schon in der Maske und haben jetzt einen knackig-braunen Teint. Waffenmeister Horst Lipsius poliert noch schnell die Gewehre, Büchsen und Revolver, die natürlich nur knallen und rauchen, aber nicht scharf geladen sind. Trotzdem zielt hier niemand auf die anderen – eine Regel, die alle kennen. Katja Paprzik, die Requisiteurin, rückt die letzten Dinge zurecht. „Besonders Spaß machen mir die Sonderanfertigungen, die ich alle selbst baue“, sagt die 44-Jährige, die ihren Beruf an der Oper Kiel gelernt hat. Für Winnetou II habe sie zum Beispiel eine große Registrierkasse gebaut, mit der ein Statist über die Bühne rennt.

Die Fanfare ertönt zum zweiten Mal: noch eine halbe Stunde. Gelassenheit hinter der Bühne. Dafür der ein oder andere zweifelnde Blick zum Himmel. Es wird immer dunkler – und plötzlich prasselt Regen auf das Wellblechdach des Unterstands der Akteure. Die Pferde lassen die Köpfe hängen, bekommen Decken übergeworfen. Keine gute Ausgangssituation für Winnetou und sein Abenteuer.

Direkt am Kalkberg entlang gibt es einen verdeckten Gang. Den nutzen Schauspieler und Statisten, um sich ungesehen an verschiedene Positionen zu bewegen, von der Bühne zu schlüpfen, sich umzuziehen und in anderer Gestalt die Bühne wieder zu betreten. Schummrig wie im Bergwerk ist es in dem Gang, kühl, aber trocken. Draußen pladdert es immer noch. Trotzdem nehmen Schauspieler, Statisten und Pferde ihre Plätze ein – Pia als Soldat, Kim als Apache und Silja hockt lässig als Cowboy auf einer Kutsche. Wieder ertönt die Fanfare. 15 Uhr, die erste Vorstellung für heute geht los. Und plötzlich reißt der Himmel auf.

So geht’s zum Winnetou-Spektakel

Das Stück Winnetou II wird noch bis zum 2. September im Freilichttheater auf dem Kalkberg gespielt. Die Vorstellungen sind donnerstags, freitags und sonnabends um jeweils 15 und 20 Uhr sowie sonntags um 15 Uhr. Das Spektakel dauert etwa zwei Stunden, es gibt eine Pause von 20 Minuten.

Die 7500 Sitzplätze im Freilichttheater sind in verschiedene Preisgruppen unterteilt. Für einen Bühnenplatz ganz vorne zahlen Erwachsene 25 Euro und Kinder 19 Euro. Ein Sperrsitz direkt dahinter kostet für Erwachsene 21 Euro und für Kinder 16 Euro. Die Platzgruppe 1 dahinter kostet für Erwachsene 18 Euro und für Kinder 13 Euro. Und für die Platzgruppe 2 dahinter zahlen Erwachsene 14 Euro und Kinder 10,50 Euro.

Familien ab vier oder Gruppen ab 21 Personen bezahlen 11,50 Euro für Erwachsene und 9,50 Euro für Kinder. Bei Gruppen ab 51 Personen kosten die Tickets für Erwachsene 11 Euro und für Kinder 8,50 Euro.

Die Tickets können im Internet unter www.karl-may-spiele.de bestellt werden, per E-Mail unter bestellung@karl-may-spiele.de oder telefonisch unter der Tickethotline 01805/952111 (0,14{eurosign}/Min./Mobilfunk max. 0,42{eurosign}/Min.), die montags bis mittwochs von 8.30 bis 18 Uhr, donnerstags bis sonnabends von 8.30 bis 20 Uhr und sonntags von 8.30 bis 15 Uhr besetzt ist. Das Karl-May-Büro ist unter der Nummer 04551/95210 zu erreichen.

Die Kassen sind montags bis mittwochs von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis sonnabends von 10 bis 21 Uhr und sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet.sno

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