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Segeberg Den Beruf nie als Arbeit empfunden
Lokales Segeberg Den Beruf nie als Arbeit empfunden
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12:19 26.01.2019
Von Einar Behn
Pastor Bernd Hofmann vor "seiner" Maria-Magdalenen-Kirche. 37 Jahre hat er hier gewirkt. Quelle: Einar Behn
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Bad Bramstedt

War Pastor schon immer ihr Traumberuf?

Bernd Hofmann: Nein, ich wollte mal Bauer werden. Ich bin in Dithmarschen aufgewachsen und komme vom Bauernhof. Aber der war zu klein, um wirtschaftlich überleben zu können. Mein Vater hat ihn aufgegeben und wurde Schiffbauer. Meinen Kinderglauben habe ich sehr schnell aufgegeben, als ich Bilder von Auschwitz gesehen habe. Ich habe mich schon als Schüler mit marxistischer Religionskritik auseinandergesetzt und wollte es genau wissen.

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Sie haben dann ein Theologiestudium in Berlin begonnen.

Mein Vater war so großzügig und hat gesagt: „Jung, Du musst weten wat du wusst.“ Er war selbst im Kirchenvorstand. Ich hatte das Glück, die evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer und Friedrich-Wilhelm Marquardt in Berlin kennen zu lernen. Die Gottesdienste in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, wo auch schon Dietrich Bonhoeffer gewirkt hatte, waren wie ein Bekehrungserlebnis. Ich habe wieder angefangen, zu beten.

Der Pastorenberuf ja mit hohen psychischen Belastungen verbunden ist. Morgens, jemanden beerdigen, nachmittags eine Trauung. Wie bekommt man diesen Gefühlsspagat hin?

Anstrengend sind für mich die Beerdigungen und sie wurden mit den Jahren auch immer schwerer.

Gewöhnt man sich nicht irgendwann daran?

Im Gegenteil. Im Laufe der Jahre habe ich die Menschen hier immer näher und besser kennen gelernt. Dann fällt es schwer, sie zu beerdigen. Durch meine Arbeit in den Kindergärten habe ich auch sehr viel Kontakt zu jungen Familien und habe viele Kinder beerdigt.

Wie viele?

17. Und 26 Jugendliche. Das vergisst man nicht.

Wenn Sie nach einer solchen Beerdigung am selben Tag eine Hochzeit hatten, konnten Sie umschalten und wieder fröhlich sein?

Nein, das konnte ich nie. Ich habe gelernt, mich auf meine augenblickliche Aufgabe zu konzentrieren. Aber abends, wenn beides zu Ende war, bin ich in ein Loch gefallen.

Welches war Ihr einschneidendstes Erlebnis?

Das AKN-Zugunglück 1994. Ich habe danach eine meiner Konfirmandinnen und ihren Vater, einen Lokführer, beerdigt. Es war furchtbar, als die Särge von Vater und Tochter vor mir standen. Da sind mir die Tränen gekommen.

Und Sie mussten reden, obwohl Ihnen wahrscheinlich die Worte fehlten.

Ein bekannter Theologe hat mal gesagt, der Pastor ist derjenige, der reden muss, wenn alle schweigen. Meine Aufgabe ist es, der Situation Worte zu geben. Denn wer etwas beschreiben kann, kann damit in der Regel besser umgehen. Die Bibel ist dazu da, die Situation zu deuten, einen anderen Blick darauf zu geben. Ich hoffe, dass ich damit Menschen helfen konnte. Manchmal, glaube ich, ist es gelungen.

Aber es gab in den 37 Jahren Ihres Berufslebens sicherlich auf viel Erfreuliches.

Die Kindergartenarbeit auf jeden Fall.

Das ist ja auch eine gute Nachwuchsarbeit für die Kirche.

Das ist es. Unsere Kindergärten sind voller junger Familien.

Aber die kommen ja nicht wegen des Glaubens zur Kita. 

Wichtig ist: Sie sind da. Und wir müssen etwas daraus machen. Es geht nicht darum, die Kinder zu indoktrinieren. Die biblischen Geschichten sind ein riesiger Schatz. Sie den Kindern nicht zu erzählen, wäre ein großes Versäumnis.

Hatten Sie damals als junger Pastor vor Ihrer ersten Predigt Lampenfieber?

Das habe ich heute noch. Aber sobald ich in der Kirche bin, ist das Lampenfieber vorbei. Ich feile vorher jede Predigt Wort für Wort aus. Wenn ich das fertig habe, kann ich den Text im Gottesdienst auch weglegen und frei sprechen.

Haben Sie eigentlich eine feste Arbeitszeit?

Nein, ich habe meinen Beruf auch nicht als Arbeit erlebt.

Die Kirchengemeinde Bad Bramstedt steht mit ihren 8600 Mitgliedern immer noch recht gut da. Wie erklären Sie sich das?

Das muss man vorsichtig betrachten. Wir haben unsere Mitgliederzahl zwar einigermaßen halten können, aber die Wohnbevölkerung hat erheblich zugenommen. Der Rückgang an kirchlicher Orientierung ist hier also genauso feststellbar wie überall.

Merken Sie in Ihrem Beruf, dass die Kirche immer weiter an gesellschaftlicher Bedeutung verliert?

Vergleichen Sie nur mal die Segeberger Zeitung von vor zehn Jahren mit der heutigen. Wie viele Todesannoncen haben noch ein Kreuz? Viel weniger. Aber entscheidend ist nicht, ob die Kirche Bedeutung hat, sondern ob das Wort Gottes gehört wird, ob die Inhalte der Kirche Bedeutung haben. Wir müssen uns deshalb fragen, warum es uns nicht gelingt, deutlich zu machen, wie wichtig die Texte der Bibel zur Lebensbewältigung sind.

Ihnen ist es also wichtig, dass die Menschen glauben, aber sie müssen nicht in der Kirche sein. 

Das habe ich nicht gesagt. Der Glaube braucht eine Gemeinschaft, deshalb ist die Kirche so wichtig. Die biblischen Texte wollen gemeinsam gelesen und besprochen werden. Aber gerade in Norddeutschland hat sich der Glaube sehr individualisiert.

Werden Sie weiterhin rege am Gemeindeleben teilnehmen?

Natürlich gehe ich in Gottesdienste. Aber es ist wichtig, dass allen klar ist, ich bin jetzt im Ruhestand.

Als Pastor können Sie auch weiterhin Gottesdienste leiten. Haben Sie das vor?

Nein. Das wäre auch den Kollegen gegenüber nicht fair. Ende ist Ende und das muss deutlich sein. Ich brauche das auch. Ich bin erschöpft und freue mich auf die Enkelkinder und das Wohnmobil.

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