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Segeberg Die „Waldhuren“ von der B 206
Lokales Segeberg Die „Waldhuren“ von der B 206
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08:00 24.07.2014
Von Gerrit Sponholz
Mit Flatterband hat die Gemeinde Bark die Zufahrten in ihren Wald an der B206 versperrt. Sie will nicht, dass die Prostituierten mit ihren Kunden dort hineinfahren.
Kreis Segeberg

Neu ist das Phänomen an der Bundesstraße 206 nicht. Schon seit Jahren locken Frauen Freier in Wohnmobile auf Parkplätzen. In diesem Sommer gesellten sich nun Prostituierte dazu, die auf den Parkplätzen im Freien auf Kundschaft warten und Männer ansprechen. Auch wenn Frau und Kinder mit im Wagen sitzen. „Da gab es schon Beschwerden von Autofahrern“, heißt es aus der Kreisordnungsbehörde. Vorbeugend verbieten lässt sich da nichts: „Es ist nicht verboten, Autofahrer anzusprechen“, sagt ein Kreisordnungsamtsmitarbeiter.

 Barker Bürger protestieren gegen die sogenannten „Waldhuren“ und sprachen auch schon in Gemeindevertretersitzungen vor. „Drei Familien sind besonders auf den Barrikaden“, sagt Bürgermeister Hartmut Faber. Was manche besonders ärgert: Haben die Frauen einen Kunden gewonnen, fahren sie mit dessen Wagen in Waldstichwege.

 Nun haben die Barker, gemeinsam mit dem Revierförster, reagiert. Weil es sich in weiten Teilen um Gemeindewald handelt, konnte Bark die Zuwegungen mit Flatterband kurzerhand absperren. Feste Schranken sind allerdings nicht erlaubt. Denn Rettungsfahrzeuge müssen jederzeit passieren können.

 Die Kreisordnungsbehörde weist außerdem darauf hin: Es ist allgemein für keinen Autofahrer erlaubt, in einen geschützten Wald hineinzufahren. Das Prostitutionsgewerbe verbieten lasse sich dagegen nicht: „Im Kreis Segeberg gibt es keinen Sperrbezirk.“ Die sexuellen Dienstleistungen fallen unter die Gewerbefreiheit. Das Gewerbe müsse noch nicht einmal angemeldet werden.

 Zoll, Ordnungsämter und Polizei hätten die Frauen schon mehrfach kontrolliert, heißt es aus der Kreisordnungsbehörde, unter anderem wurde geprüft, ob die Papiere in Ordnung sind. Die neue Gewerbefreiheit für Bürger aus EU-Ländern im Osten erlaubt den Frauen die Prostitution in Deutschland.

 Die Polizei Segeberg hat bislang keine Hinweise auf Straftaten, sagt Pressesprecherin Sandra Mohr, auch nicht auf Zwangsprostitution oder Menschenhandel. Die Frauen stammen aus der EU. Auch gewerberechtlich gebe es keine Probleme. „Die Polizei hat das Geschehen im Blick.“ Zugestoßen ist den Frauen nach Erkenntnis der Polizei bislang nichts.

 Auch das Kreisgesundheitsamt hatte bei den Frauen schon vorbeigeschaut, allerdings nicht zur Kontrolle, sondern aus Gründen der Gesundheitsförderung, um etwa vor der Ausbreitung von HIV/AIDS zu warnen. Sozialpädagogen des Kreises unterhielten sich mit zwei Frauen, sagt Dr. Sylvia Hakimpour-Zern vom Kreisgesundheitsamt. Es seien Osteuroäperinnen gewesen. Eine habe bereitwillig ihre Handtasche geöffnet und ihre Kondome darin gezeigt. Vorsichtshalber hatten die Sozialpädagogen welche mitgebracht, damit die Frauen sich schützen können. Auch fremdsprachige Broschüren hatten die Kreismitarbeiter im Gepäck.

 Zwangsuntersuchungen bei einem Gynäkologen (in Jargonsprache: „Bockschein“) nach dem früheren Bundesseuchengesetz gebe es nicht mehr, sagt Hakimpour-Zern. Sexarbeit sei mittlerweile liberalisiert. Die Prostituierten könnten sich, müssten sich aber nicht untersuchen lassen.

 Nach dem Eindruck von Hakimpour-Zern gehen die Frauen freiwillig ihrem Gewerbe nach und werden offenbar nicht dazu gezwungen. Sorgen bereitet der Kreisärztin, dass die Frauen keine Waschgelegenheiten und keine Toilette an den Parkplätzen haben. „Das ist keine schöne Situation für die Frauen.“

 Machtlos sind die lokalen Ordnungsbehörden. Ein Bürger habe bereits nachgefragt, sagt Dirk Herwig vom Amt Leezen. „Ordnungsrechtlich können wir das Gewerbe dort nicht untersagen.“

 Das gilt auch für den Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV). Zwar stehen die Frauen auf den Parkplätzen, die zur Bundesstraße und damit zum LBV-Dienstbereich gehören. Doch Parkplätze seien, wie es etwas doppeldeutig heißt, „dem öffentlichen Verkehrswesen gewidmet“ ,also für jeden frei zugänglich, heißt es aus der Behörde.

 Die Prostituierten hätten zuvor wohl in Neumünster gearbeitet, vermutet Barks 2. stellvertretender Bürgermeister Gerd Lienau. Vor einigen Monaten seien sie aber von dort verdrängt worden. Die Stadt Neumünster bestätigt: Ende 2013 hatte sie zum „Schutz des öffentlichen Anstands und der Jugend“ sechs Rumäninnen und einer Bulgarin das Prostituieren erschwert. Sie standen erst am Friedhof und dann an einer Schule, berichtet Stadtpressesprecher Stephan Beitz. Auf angrenzenden Flächen seien benutzte Präservative und Hygienetücher gefunden worden. Das Treiben habe die Stadt nicht geduldet. Daraufhin seien an Schulen und in Wohngebieten Sperrgebiete erlassen worden. Freie Zonen habe die Stadt nur in entlegenen Gewerbegebieten gelassen. Dort habe sich aber wohl keine Kundschaft für die Frauen eingefunden.

 Den ganzen Stadtbereich zum Sperrbezirk zu erklären, sei für Kommunen mit über 50000 Einwohnern, wie Neumünster, nicht möglich, erklärt Beitz. Das schränke die Arbeitsfreizügigkeit ein und komme einem Berufsverbot für Prostituierte gleich.

 Thema sind die Segeberger „Waldhuren“ an der B 206 auch schon im Internet, stellte Barks Bürgermeister Hartmut Faber bei Recherchen fest. Im Netz werde etwa über die Qualität der gebotenen Dienstleistungen diskutiert. Er sieht die Sache mit kritischen Augen. Ihm wäre es deshalb lieber, wenn weniger über die Prostituierten an der B 206 berichtet würde. „Das ist doch Werbung für die.“