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Segeberg Weil er Schutzmaske trägt: Todkranker wird ausgelacht
Lokales Segeberg Weil er Schutzmaske trägt: Todkranker wird ausgelacht
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11:05 12.03.2020
Von Nicole Scholmann
Svenja und Thorsten Steffen aus dem Sülfelder Ortsteil Borstel tragen keinen Mundschutz, weil sie Angst vor Corona haben, sondern weil jeder noch so kleine Infekt die Lebenszeit des schwerkranken Mannes zusätzlich verkürzen kann. Quelle: Nicole Scholmann
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Sülfeld-Borstel

"Diese blöden Blicke, dieses mit dem Finger auf uns zeigen." Thorsten Steffen findet kaum Worte, um das zu beschreiben, was ihm und seiner Frau Svenja in der Öffentlichkeit passiert. Bereits seit der ersten Erkältungswelle im Herbst vergangenen Jahres gehen sie nur noch mit Mundschutz zum Einkaufen und zu anderen Terminen außerhalb ihrer geschützten Wohnung in Borstel. Denn der 56-Jährige ist sterbenskrank. Seine Zeit ist begrenzt. Lungenkrebs, Herzerkrankung, Epilepsie, Diabetes, Gicht - es gibt wohl kaum etwas, was der ehemalige Lkw-Fahrer nicht in seiner Krankenakte stehen hat. Bei ihm geht es nicht mehr um Heilung, sondern um die Verlängerung der kostbaren Zeit, die er mit seiner Familie verbringen darf. Jeder Tag zählt.

Jeder Infekt bedeutet den Tod

Seit Corona ist allerdings alles noch schwerer geworden. Nicht nur, dass es kein Desinfektionsmittel und kaum Mundschutz mehr gibt - er und seine Frau werden von fremden Menschen verhöhnt, ausgelacht, aufgezogen. Aber nicht eine vielleicht übertriebene Sorge um das Coronavirus lässt das Ehepaar Steffen nur noch geschützt nach draußen gehen, jedwede Infektion kann das vorzeitige Ende von Thorsten Steffen bedeuten. Sein Körper ist geschwächt und anfällig für jede Infektionskrankheit, die ein Gesunder locker wegstecken würde.

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Gruppe bedrängte das Ehepaar

In Henstedt-Ulzburg beim Einkauf sei ihnen vor kurzem Fürchterliches widerfahren. "Zuerst waren da nur ein paar junge Leute, dann kamen ältere dazu. Sie haben uns umkreist, angehustet, gelacht und uns gesagt: ,Wartet mal, heute Abend habt ihr Corona'", beschreibt Svenja Steffen das Erlebnis. Geschockt sei das Paar dann nach Hause gefahren. "Wir haben uns gefragt, wie wir dann noch an Lebensmittel kommen, um dem aus dem Weg zu gehen", berichtet Svenja Steffen. Zuhause angekommen kamen die Tränen. "Mir fehlen einfach die Worte." Sie könne gar nicht beschreiben, was für Gefühle sie in diesem Moment gehabt habe. "Und es hört einfach nicht auf", ergänzt Thorsten Steffen hoffnungslos.

Jeder Einkauf ist eine Überwindung

"Wenn ich einkaufe, dann gehe ich nur noch stur durch die Gänge und dann schnell nach Hause", beschreibt Svenja Steffen. Es sei die Hölle, kaum zu ertragen, jeder Einkauf ein Angang, der Überwindung koste. Thorsten Steffen kommt inzwischen gar nicht mehr mit. Dabei sei der Einkauf auch eine willkommene Abwechslung gewesen - nun aber nur noch ein Spießrutenlauf. Sein Kontakt mit anderen Menschen beschränkt sich auf die Familie, Freunde, Mitglieder des Palliativnetzwerkes Travebogen und die Mitarbeiter des Forschungszentrums Borstel, wo er in Behandlung ist.

Desinfektionsmittel fehlt denen, die es brauchen

Der Hype um das Coronavirus regt das Ehepaar auf. Hamsterkäufe, das Horten von Desinfektionsmittel und Mundschutz sei für Menschen, die darauf angewiesen seien, um nicht zu sterben, ein riesiges Problem. "Wir sind doch nicht die einzigen, die darauf angewiesen sind", macht Svenja Steffen deutlich. Ihre Ansprechpartner in der Wald Apotheke Wahlstedt seien selbst in Not und können und dürfen nichts ausgeben.

Nicht an einer Erkältung sterben

Eins steht für Svenja Steffen fest: "Mein Mann soll nicht an einer Erkältung sterben, nicht wegen einer blöden Grippe", macht sie deutlich. Deshalb muss jeder Besucher erstmal zum Behälter mit dem kostbaren Desinfektionsmittel gehen und sich gründlich reinigen. Und sie werde auch weiterhin einkaufen gehen. Mit Mundschutz. Auch wenn es genau das Gegenteil von einem Vergnügen ist, sondern "die Hölle".

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