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Segeberg So flüchtete ein Stadtrat aus der DDR
Lokales Segeberg So flüchtete ein Stadtrat aus der DDR
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16:03 03.10.2019
Von Sylvana Lublow
Stadtrat Dieter Bracke mit einem Stück der Berliner Mauer, das er selbst abgeklopft hat. Quelle: Sylvana Lublow
Kaltenkirchen

Im Interview mit KN-online spricht er über die Nacht seiner Flucht, die Zeit danach und die aktuelle politische Situation in den neuen Bundesländern.

KN-online: Erste Frage, Herr Bracke: Fühlen Sie sich mehr als „Ossi“ oder als „Wessi“?

Dieter Bracke: Ich würde sagen, ich bin Schleswig-Holsteiner.

Sie sind aus dem Osten geflohen. Warum?

Na ja, ich war noch jung, erst 21. Die allgemeine Unzufriedenheit spielte eine große Rolle damals. Ich war außerdem vorbelastet, weil meine Mutter 1953 beim Volksaufstand mitmachte und gestreikt hatte. Sie wurde verhaftet und kam für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis nach Bautzen. Mein Vater kam erst 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Wir waren sechs Kinder und unsere Kindheit in meiner Heimat Sömmerda war geprägt von Nöten und Hunger. Das hatte sich erst gebessert, als ich meine Maurer-Lehre begann. Ich hatte ein bisschen Geld verdient und konnte genug zu essen kaufen. Aber die Unzufriedenheit blieb trotzdem. Ich fühlte mich eingeengt, es war der Drang nach Freiheit.

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Wie haben Sie die Flucht geplant?

Die Entscheidung fiel eigentlich kurzfristig. Erst waren wir drei junge Männer, die fliehen wollten. Dann hatte ich aber entschieden, es allein zu machen, weil ich die Verantwortung nicht übernehmen wollte, falls wir geschnappt werden bei der Flucht. Ich bin damals häufig von Nordhausen nach Wernigerode mit der Harzbahn gefahren und am Abend konnte man bei Benneckenstein auf der Westseite regen Autoverkehr sehen. Und da Autofahren im Grenzgebiet der DDR-Seite nicht möglich war, konnte das ja nur der Westen sein. Und dann habe ich überlegt, dass ich im Falle einer Flucht nach Benneckenstein muss, dort über die Gleise und dann Richtung Autoverkehr. Das ist übrigens die B4, die da längs führt.

Diesen Plan haben Sie dann einfach so ausgeführt?

Ja. Ich bin am Morgen des 10. August 1965 um 9 Uhr los mit dem Fahrrad. Ich bin durchs Kiffhäuser Gebirge, Stollberg, Hasselfelde und dann Richtung Benneckenstein gefahren. Kurz hinter Hasselfelde war schon der erste Schlagbaum, an dem kontrolliert wurde, ob man ins Sperrgebiet durfte. Als ich den sah, bin ich umgedreht und ins nächste Waldstück reingefahren. Da habe ich das Fahrrad abgestellt und bin zu Fuß weiter. Es war schon abends und ich hatte lieber gewartet, bis es dunkel wurde. Kurz vor Mitternacht bin ich in den Grenzbereich gekommen, da habe ich auch Grenzsoldaten gesehen und gehört, die patrouillierten, ein Hund hatte auch angeschlagen. Die Grenzer habe ich dann rechts hinter mir gelassen.

Das klingt gefährlich. Sie wurden nicht erwischt?

Ich hatte Glück. Ich musste noch durch ein Sumpfgebiet, danach waren meine Schuhe so nass und schlurften laut, dass ich einfach barfuß weitergelaufen bin, und zwar durch ein Minenfeld. Dass es eines war, erfuhr ich allerdings erst später von bundesdeutschen Grenzsoldaten. Ich musste auch noch einen doppelten Stacheldrahtzaun bezwingen, aber ich hatte mir dafür sehr viel Zeit gelassen. Dann war ich auf der Westseite, zumindest glaubte ich das.

Sie wussten das nicht?

Genau wusste ich es erst, als ich an einem Hotel vorbei kam, an dem draußen die Speisekarte hing, auf der "Coca-Cola" stand. In dem Moment wusste ich, ich bin richtig.

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Wie ging es weiter?

Im nächsten Ort traf ich einen Holzfäller, der mich mit in seine Unterkunft nahm. Am nächsten Tag hatte mich der Chef der Holzfäller nach Benneckenstein zum Bundesgrenzschutz gebracht. Der Grenzer dort fragte mich, wo ich rüber bin. Von ihm erfuhr ich dann, wie gefährlich der Weg war mit dem Minenfeld.

Wie haben Sie sich nach dieser Flucht-Nacht gefühlt?

Ich war erleichtert, dass ich es geschafft hatte. Und stolz war ich auch ein bisschen. Ich hatte alles richtig eingeschätzt.

Hatten Sie während der Flucht keine Angst?

Nein. Auch später kam nichts nach, keine Alpträume oder so. Das konnte ich als junger Mann gut wegstecken, das hat mir nichts ausgemacht.

Hatten Sie eine Vorstellung vom Leben im Westen?

Nicht so richtig. Ich hatte 400 Ost-Mark und nur das, was ich am Leib trug, dabei. Von dem eingetauschten Geld, 100 D-Mark, und 50 D-Mark Willkommensgeld, habe ich erst mal frische Kleidung gekauft.

Wussten Ihre Eltern, dass Sie fliehen wollten?

Nein, ich hatte zu Hause nichts erzählt, um meine Familie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Mein Vater sagte mal zu mir, dass er mich sofort anzeigen würde, wenn er wüsste, dass ich fliehen will. Er wollte mich lieber im Knast als auf dem Friedhof besuchen. Ich habe meiner ältesten Schwester zwei Tage nach der Flucht eine Karte geschickt. Da war die Stasi aber schon bei meiner Familie. Der private Schriftverkehr ist danach beschlagnahmt worden. Mein Vater musste mich bei der Polizei abmelden.

Wie ging es für Sie im Westen weiter?

Erst kam ich für zehn Tage nach Gießen ins Notaufnahmelager. Von dort aus bin ich nach München geschickt worden, ich wurde nämlich dem Land Bayern zugewiesen. Dann erfuhr ich aber von einem Kumpel, der in Hessen lebte und für mich einen Job hatte. Dort waren wir gemeinsam auf Montage, das war eine schöne Zeit.

Sie waren ja Flüchtling. Haben Sie das je zu spüren bekommen?

Nein, die Leute wussten zwar, dass ich aus dem Osten bin und einige haben auch Fragen gestellt, waren neugierig. Aber beschimpft oder ähnliches wurde ich nicht. Ich hatte keine Probleme und habe mich schnell eingelebt.

Sie sind irgendwann im Westen der CDU beigetreten. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich habe damals in den 1970er Jahren in Kisdorf gewohnt und habe in Kaltenkirchen eine Wahlkampfveranstaltung von Gerhard Stoltenberg besucht. Er war damals Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Der hatte mir so imponiert, dass ich gleich danach in Kisdorf in die CDU eingetreten bin.

In Sachsen und Brandenburg hat die AfD gerade sehr gute Wahlergebnisse eingefahren. Können Sie nachvollziehen, wie im Osten gewählt wird?

Die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung hatte es mich eher gewundert, dass im Osten, gerade in meiner alten Heimatstadt Sömmerda, nach den ersten zwei Bürgermeistern, die aus dem Westen kamen, der dritte und jetzige dann einer von der Linken wurde. Das habe ich nicht verstanden, dass man sich nach der Wende wieder nach Links wendet.

Können Sie denn verstehen, dass ein Drittel der Menschen dort die AfD gewählt hat?

Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich weiß, dass die Gastarbeiter, zum Beispiel aus Vietnam, auch nicht gerade willkommen geheißen wurden zu DDR-Zeiten. Diese Negativ-Stimmung wurde bei vielen beibehalten und noch verstärkt. Aber dass viele heute ihre Vertreter in der AfD sehen, kann ich trotzdem nicht verstehen.

Glauben Sie, dass im Osten nach der Wende alles gut gelaufen ist? Bitte antworten Sie jetzt mal nicht als CDU-Politiker.

Es sind schon Fehler gemacht worden, durch die Treuhand zum Beispiel. Es war nicht gut, dass sich westdeutsche Firmen angesiedelt haben und nach einer gewissen Zeit dann die Betriebe wieder schlossen, nachdem die Steuervorteile weg waren. Die Fehler sind von den Politikern gemacht worden, aber auch von den Bürgern.

Wie meinen Sie das?

Na ja, da musste gleich das West-Auto angeschafft werden. Und viele Ost-Produkte wurden verdammt, die heute wieder gefragt sind. Das war auch für die Wirtschaft nicht gut.

Gibt es Ost-Produkte, die Sie heute noch kaufen?

Ja, zum Beispiel die Thüringer Würste. Und wir trinken auch gerne Rotkäppchen Sekt.

Den "Ossis" wird nachgesagt, dass sie ständig nörgeln. Wie stehen Sie dazu?

Offiziell hatte die DDR ja keine Arbeitslosen. Jeder hatte seinen festen Job, ob der nun produktiv war oder nicht. Und nach der Wende waren diese Jobs alle weg. Wenn die Menschen heute sagen, dass sie früher alle ihre Arbeit hatten und heute im Arbeitsamt sitzen – da kann ich die Unzufriedenheit schon nachvollziehen. Gerade im ländlichen Bereich ist es schwer, wo die Jugend weggezogen ist, die Läden geschlossen werden. Da macht sich vor allem bei den Männern eine große Unzufriedenheit breit.

Ihr Fazit: Sind wir trotz aller Probleme 30 Jahre nach dem Mauerfall ein Deutschland geworden?

Ja, auf jeden Fall. Mit allem Wenn und Aber.

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