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Segeberg Für sie ist die Tafel unverzichtbar
Lokales Segeberg Für sie ist die Tafel unverzichtbar
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11:43 17.12.2018
Von Sylvana Lublow
Für die Tafelvorsitzende Sabine Baumbach ist es wichtig, immer ausreichend Waren für die Kunden aufzutreiben. Quelle: Sylvana Lublow
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Bad Bramstedt

In der Kantstraße decken sich die Rentner, Eltern, Alleinlebende, Migranten und Flüchtlinge jeden Dienstag mit Lebensmitteln ein, ohne die sie sonst nur schlecht, teilweise sogar gar nicht über die Runden kommen würden. Dafür, dass auch immer genügend Waren zum Verteilen vorhanden sind, sorgen Tafel-Vorsitzende Sabine Baumbach und ihr Team jeden Wochentag – alles auf Ehrenamtsbasis. Da die Räume der Tafel zu klein sind und es keine richtige Heizung gibt, wird es im kommenden Jahr einen Umzug ins alte Postgebäude im Landweg geben.

Nicht nur die Versorgung steht im Mittelpunkt der Bramstedter Tafel. Zu ihren Kunden haben die Mitarbeiter auch ein gutes Verhältnis, viele kennen sie schon seit Jahren. Ein Plausch hier und da, nette Worte, ein Ohr für die Probleme ihrer Kunden – auch das gehört dazu. Die Tafel, das ist ein eingeschworener Kreis, könnte man meinen. Denn nach außen geben die Menschen nicht gerne zu, zur Tafel gehen zu müssen. Die Scham und die Angst davor, das Stigma des „bedürftigen Schmarotzers“ aufgedrückt zu bekommen, sorgen dafür, dass die Menschen nicht gerne darüber sprechen. Die beiden Tafelkundinnen Magret Unger und Elke Otto aus Bad Bramstedt haben sich trotzdem dazu bereit erklärt, mit der Segeberger Zeitung zu reden. Sie stehen dazu, die Tafel zu beanspruchen. Niemand muss sich dafür schämen, sagen sie – zu Recht.

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„Ohne die Tafel würde es nicht funktionieren“

Wochentags von 8 bis 14 Uhr kümmert sich Margret Unger als Alltagsbetreuerin um Senioren in einem Pflegeheim, danach ist sie für ihren achtjährigen Sohn da. Seit fast fünf Jahren hat sie die Teilzeitstelle, zuvor war die 48-Jährige einige Zeit arbeitslos, empfing auch Hartz IV. Jetzt verdient sie ihr eigenes Geld, doch über die Runden kommen sie und ihr Sohn, trotz 70 Euro Wohngeld-Zuschuss, damit nicht. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben der kleinen Familie oft nur 45 Euro pro Woche zum Leben. „Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt Magret Unger. Seit knapp neun Jahren ist sie Kundin der Tafel, auf die sie auch jetzt, wo sie in Lohn und Brot steht, einfach nicht verzichten kann. „Ohne die Tafel würde es nicht funktionieren“, sagt sie selbst. So sei gesichert, dass ihr Junge jeden Tag ein Schulbrot bekommt. „Wenn es mal ein großes Glas Nutella gibt, finden wir das richtig toll!“

Es ist viel, was die alleinerziehende Mutter finanziell stemmen muss. Mit einem Gehalt von nicht mal 1000 Euro hat sie kaum Spielraum. „Kleidung für mich und meinen Sohn kaufe ich auf Flohmärkten und Kleiderbörsen“, erzählt sie. Manchmal gibt es auch ein paar Kleiderspenden von Bekannten. Auch die Schulmaterialien sprengen häufig das Budget der Mutter, hinzu kommt die Bezahlung der Nachmittagsbetreuung des Sohnes in der Schule bis 15 Uhr und sein Mittagessen. „Mein Sohn bekommt Förderung, er hat eine Lese- und Sprachstörung“, sagt Magret Unger. Um mehr Zeit für ihn zu haben, könne sie vorerst nicht in Vollzeit arbeiten. Als die 48-Jährige erzählt, dass ihr Bruder sie und ihren Sohn diesen Sommer für ein paar Tage nach Dänemark eingeladen hatte, kommen ihr die Tränen, „allein kann ich mir einen Urlaub nicht leisten.“

Zur Tafel geht die Bad Bramstedterin gerne, nicht nur wegen der unverzichtbaren Lebensmittel. „Man wächst zusammen mit den Leuten, das ist wie eine kleine Familie hier“, sagt sie. Schade finde Magret Unger nur, dass die Menschen, die zur Tafel gehen von manchen so abwertend betrachtet werden. „Warum gehst Du denn da hin?“ oder „Und was holst Du Dir da immer?“ Fragen wie diese müsse sie sich ab und an anhören. „Aber ich stehe dazu. Wenn sich andere darüber mokieren, interessiert mich das nicht.“ Ihre Dankbarkeit zeigt sie regelmäßig mit selbstgebastelten Deko-Geschenken für die Tafelmitarbeiterinnen.

„Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen“

Elke Otto ist eine von vielen Rentnerinnen, die die Tafel in Anspruch nehmen. Altersarmut ist längst kein Nischenproblem mehr. Die 78-jährige Bad Bramstedterin lebt von einer Minirente in Höhe von 700 Euro. „Ich habe nicht viel eingezahlt und muss mir diesen Vorwurf auch regelmäßig anhören“, erzählt sie: „Aber wie sollte ich? Ich habe im Hier und Jetzt gelebt und war froh, das zu schaffen.“

Die ausgebildete Fremdsprachensekretärin hat ihre Tochter allein großgezogen. „Mein Exmann war gewalttätig. Als meine Tochter zwei Jahre alt war, musste ich ihn verlassen.“ Ihren erlernten Beruf habe sie nicht ausüben können, weil sie ihr Kind betreuten musste. Also suchte sie andere Möglichkeiten, um flexibel Geld zu verdienen. Nach mehreren Jobs fand sie ihre Erfüllung auf dem Wochenmarkt, wo sie Textilien verkaufte – auf selbstständiger Basis. „Ich verdient so viel Geld, dass es für meine Tochter und mich reichte, wir eine schöne Wohnung hatten und sie mit auf die Klassenreisen fahren konnte“, erzählt Elke Otto. Sie schaffte es alleine, das war ihr wichtig.

Jetzt lebt sie von ihrer Minirente, aber für Elke Otto ist das kein Grund, sich zu beschweren. „Mir geht es gut, ich komme klar“, sagt sie. Am liebsten fährt die Rentnerin mit ihrem Fahrrad durch die Stadt. Zur Tafel kam sie vor ein paar Jahren durch eine Bekannte, allerdings in erster Linie, weil sie dort ehrenamtlich mitarbeiten wollte. Das tat sie drei Jahre lang, gleichzeitig war sie aber auch Kundin. Doch Elke Otto leidet an einer leichten Demenz, das hinderte sie daran, weiter bei der Tafel mitzuarbeiten. Kundin ist sie geblieben. „Das ist mir wichtig, das ein oder andere könnte ich mir selbst nicht kaufen“, sagt die Rentnerin: „Die Frauen bei der Tafel sind immer so großzügig und geben so viel, da muss ich sie oft bremsen.“ Elke Otto möchte nur so viel haben, wie sie verbrauchen kann: „Ich habe noch nie ein Stück Lebensmittel weggeworfen, das kommt wohl daher, dass ich ein Kriegskind bin.“ Die Hilfe der Tafel gebe ihr ein gutes Gefühl, „auch wenn ich manchmal ein schlechtes Gewissen habe.“ Sie stehe dazu, zur Tafel zu gehen. „Es ist doch toll, was die Kaufhäuser machen, sie geben die Lebensmittel an die Tafeln weiter, statt zu wegzuwerfen, das ist doch ein gutes System.“

Der Verein „KN hilft“ ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für die Tafeln im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Spendenkonto – Stichwort „Gutes tun im Advent“ – bei der Förde Sparkasse eingerichtet. DE05 2105 0170 1400 2620 00. Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Spenden können Sie bis Weihnachten.

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