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Segeberg Muschel hilft auch online beim Trauern
Lokales Segeberg Muschel hilft auch online beim Trauern
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17:10 05.12.2019
Von Michael Stamp
Koordinatorin Ute Drefke vom Ambulanten Kinderhospiz Die Muschel in Bad Segeberg hofft, dass der Verein all seine Angebote auch in Zeiten rückläufiger Spenden aufrechterhalten kann - auch die Online-Trauerbegleitung, die es seit dem vergangenen Jahr gibt. Quelle: Michael Stamp
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Bad Segeberg

Sie machen Familien, denen Schreckliches widerfährt, das Leben spürbar leichter – und fürchten nun, dass ihnen das Geld dafür ausgeht. Die Aktiven des Ambulanten Kinderhospizdienstes Die Muschel haben mit rückläufigen Spenden zu kämpfen. Darunter könnten auch neue Angebote wie die Online-Trauerbegleitung leiden. 

Klinikchefin Marlies Borchert gründete den Verein im Jahr 2004

Im Rahmen der „KN-hilft“-Aktion „Gutes tun im Advent“, die sich in diesem Jahr der Hospizarbeit widmet, stellen wir den gemeinnützigen Verein mit Sitz in Bad Segeberg vor: Im Jahre 2004 wurde Die Muschel von Marlies Borchert, Chefin der Segeberger Kliniken, gegründet. Sie selbst hat einst ihre Tochter durch einen tragischen Unfall im Kleinkindalter verloren und weiß aus eigenem Erleben, welch unsagbares Leid Eltern ertragen, die ihr Kind zu Grabe tragen müssen – umso mehr, wenn vor dem Tod ein quälendes Siechtum ohne Hoffnung auf Besserung liegt. 2006 nahm das Kinderhospiz seinen Dienst auf. Aus der ursprünglichen Idee eines festen Gebäudes wurde eine mobile Organisation, die zu den betroffenen Familien nach Hause geht.

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Etwa 50 Ehrenamtler sind aktuell für die Muschel tätig; wobei nicht alle gleichzeitig arbeiten. Manche nehmen sich, wenn sie eine Begleitung abgeschlossen haben, erst einmal eine Auszeit. Derzeit werden 15 Familien mit erkrankten Kinder und neun Familien mit sterbenden Elternteilen umsorgt. Die Muschel versucht, ein wenig Freude und Zeit zum Durchatmen in den trostlosen Alltag zu bringen – ob mit einem Ausflug, einem Besuch im Kino oder anderen Ablenkungen.

Spendenaktion "Gutes tun im Advent" von "KN hilft": So können Sie helfen

Der Verein „KN hilft“ sammelt Spenden für die Hospizarbeit in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde, Plön, Segeberg sowie in den Städten Kiel und Neumünster. Ein Spendenkonto bei der Förde Sparkasse ist eingerichtet. Unter dem Stichwort „Gutes tun im Advent“ können Sie spenden auf das Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00. Möchten Sie nicht, dass Kieler Nachrichten oder Segeberger Zeitung Sie als Spender erwähnen, so schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Spenden können Sie bis zum Ende des Jahres. Zusätzlich unterstützen die Kieler Nachrichten die Sammelaktion: Von jeder Ausgabe, die der Verlag am 21. Dezember im Einzelhandel verkauft, fließen 20 Cent direkt auf das Spendenkonto. Außerdem geht der Gewinn aus dem Verkauf der KN-Adventskalender-Lose an den Hospizverband. Der Verband wird das Geld an Einrichtungen und Vereine im Verbreitungsgebiet von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung weiterleiten.

Auch die Geschwisterkinder sind im Blick der Helfer

Der Blick der Muschel-Helfer richtet sich nicht nur allein auf das kranke Kind. Auch die Geschwisterkinder werden nicht vergessen. „Wir zeigen ihnen, dass sie wichtig sind“, sagt Koordinatorin Ute Drefke. Bei der Muschel heißen sie „Schattenkinder“ – ein Begriff, der nicht jedem gefällt, der aber äußerst treffend die Situation beschreibt: Sie stehen im Schatten, während sich oft die gesamte Aufmerksamkeit auf das erkrankte Kind konzentriert. 

„Oft werden die Geschwister in den Familien hintenan gestellt, in die Pflege eingebunden und funktionieren nur noch“, schildert Ute Drefke. „Sie verlieren ein Stück ihrer Kindheit. Und sie erleben die Angst und Überforderung der Eltern.“ In die Sorge um Bruder und Schwester mischen sich oft Zorn und Wut, weil deren Krankheit das Familienglück zerstört. „Daraus werden dann wieder Schuldgefühle. Das ist so ein Kreislauf.“

Ausbildung der Ehrenamtler dauert ein Jahr

All diese psychologischen Grundlagen müssen die Ehrenamtler kennen, die zu den Familien gehen – und sie müssen lernen, das Leid zu verarbeiten, das sie bei ihren Besuchen zu sehen bekommen. Daher dauert es ungefähr ein Jahr, bis ein Helfer voll ausgebildet ist. Diese Lehrgänge kosten aber Geld – und daher sind Spenden für die Muschel so wichtig. Die Krankenkassen übernehmen laut Ute Drefke nur einen kleinen Teil des erforderlichen Budgets; und für Trauerarbeit oder neue Projekte außerhalb der Kernaufgaben wird überhaupt nicht gezahlt.

Dazu gehört die Online-Trauerbegleitung. Sie wurde im vergangenen Jahr gestartet und richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene. Auf der Website www.trauerbegleitung-online-sh.de können sich Nutzer ein Konto anlegen und dann anonymisierte Mails an die Muschel schreiben. „Man braucht also noch nicht einmal eine eigene E-Mail-Adresse“, erklärt Ute Drefke. Die meisten jungen Leute in dieser Altersstufe werden allerdings eine haben; sie müssen sie aber nicht preisgeben.

Trauerbegleitung funktioniert auch per E-Mail

„Jugendliche und junge Erwachsene sind oft für Trauergruppen noch nicht bereit“, sagt die Koordinatorin. Dennoch müssen sie ihre Trauer irgendwie loswerden – und dafür können E-Mails genau das richtige Medium sein. Gerade, wenn man einmal mitten in der Nacht von seinen Sorgen und Nöten überwältigt wird und keine Ruhe findet. „Man kann auch mal nachts schreiben. Und sie haben einen ganz anderen Zugang zu diesem Medium.“

Innerhalb von 48 Stunden kommt beim Erstkontakt garantiert eine Antwort. Anschließend vereinbaren Schreiber und Empfänger, ob und wann sie ihre Kommunikation fortsetzen. Manchmal reicht eine einzige Mail, manchmal erwächst daraus ein gutes Gespräch und eine mitunter monatelange Unterhaltung. Der Ansprechpartner bleibt immer derselbe. 

Sieben junge Leute, die allesamt schon selbst einen Verlust erlebt haben, sind in der Online-Trauerbegleitung tätig. Auch hier sei eine fundierte Ausbildung unerlässlich, betont Ute Drefke. Eine Sozialpädagogin leitet die Gruppe. Auch Menschen, die schon etwas älter sind, dürften diese Form der Trauerverarbeitung nutzen – auch wenn die Zielgruppe mit etwa 18 bis 25 Jahren angepeilt ist. Die Nutzer geben sich einen Nick-Name – also ein Alias, mit dem sie angesprochen werden möchten.

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Auch mit Kunst kann man seine Gefühle verarbeiten

Weitere Dienste, die von der Muschel organisiert werden, sind Fahrten – zum Beispiel zu Trauergruppen, aber auch zum Reiten oder einem Ausflug. Der Bus, den die Muschel dank Spenden besitzt, verfügt auch über einen Rollstuhlplatz. Der Fahrer, eine 450-Euro-Kraft, muss aber bezahlt werden; ebenso die Unterhaltung des Autos

Auch mit Kunst- und Musiktherapeuten wird gearbeitet. „Kinder drücken ganz viel mit Kreativität aus“, weiß Ute Drefke. Mit den Therapeuten haben sie Spaß, aber auch die Trauer bricht sich Bahn – so wie bei dem zwölf Jahre alten René, dessen Vater nach zwei Schlaganfällen und Krebserkrankungen starb. Die Zeichnungen des Jungen wurden von einem schwarzen Luftballon beherrscht; je trauriger René in einer konkreten Situation war, desto größer malte er den Ballon. Durch Ablenkungen wie Zeltlager, Urlaub und Knicklauf schrumpfte der Luftballon zu einem winzigen Punkt.

Rückläufige Spenden bedrohen Hilfsangebote

„Es wäre einfach ganz, ganz schade, wenn wir solche Angebote nicht mehr zur Verfügung stellen könnten“, sagt Ute Drefke. „Wir möchten die Kinder aus ihrem bedrückenden Alltag herausholen. Wir würden sehr ungern diese Projekte beenden.“ In der Öffentlichkeit sieht es fälschlicherweise so aus, als ob die Muschel mit Spenden überhäuft wird, denn in der Tat ist das Aufkommen bei den Privatspenden einigermaßen stabil. Weggebrochen sind laut Ute Drefke jedoch größere Zuwendungen von Firmen. Dieses finanzielle Loch muss irgendwie gestopft werden. Wer dabei helfen möchte, kann sich auf der Website www.die-muschel-ev.de informieren. Ute Drefke: "Wir starten diesen Aufruf, damit sich die Menschen an uns erinnern."

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Seit 2004 gibt es den Verein Die Muschel in Bad Segeberg. 2006 nahm das Ambulante Kinderhospiz seine Arbeit auf.
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