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Segeberg Jobcenter: 100 Mio. Euro für Bedürftige
Lokales Segeberg Jobcenter: 100 Mio. Euro für Bedürftige
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12:23 05.11.2019
Von Gerrit Sponholz
Michael Knapp ist Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Segeberg mit über 200 Beschäftigten in drei den Dienststellen Bad Segeberg, Kaltenkirchen und Norderstedt. Quelle: Gerrit Sponholz
Kreis Segeberg

Einen großen Teil der Kundschaft machen inzwischen auch Flüchtlingsfamilien aus.

Ein genereller Trend: „Die psychischen Einschränkungen unserer Kunden nehmen zu“, sagt Michael Knapp, Leiter des Jobcenters Kreis Segeberg mit den drei Dienststellen Bad Segeberg, Kaltenkirchen und Norderstedt. Auf ein Drittel bis 40 Prozent schätzt er die Größenordnung. 

23 Hausverbote erteilt wegen Randale im Jobcenter

Offenbar hadern etliche Kunden mit ihrem Schicksal. 23 Hausverbote hat das Jobcenter gegenüber Kunden verhängt, weitere 17 sind angedroht. „Sie haben unangemessenes Verhalten gezeigt“, sagt Knapp. Mitarbeiter wurden bedroht, beschimpft, mal ein Monitor vom Tisch gestoßen oder ein Stuhl in die Ecke geschmissen. Das seien aber Einzelfälle, sagt Knapp

Bei der Jobvermittlung wünscht er sich auf beiden Seiten mehr Flexibilität, bei den Kunden und bei den Arbeitgebern. Dass die Arbeitssuchenden längere Arbeitswege in Kauf nehmen, und dass mehr Firmen kompromissbereiter bei Personaleinstellungen sind. Die Jobcenter würden viele Maßnahmen fördern. 

Lesen Sie auch: Ohne Förderung gäbe es keinen neuen Job

9600 hoffen auf gut bezahlte Jobs

Allerdings ist auch klar: Die Kunden haben es nicht einfach im Leben, oder machen es sich selbst schwer. Rund 9600 Segeberger betreut die Jobcenter, die erwerbsfähig sind, also einen Job ausüben könnten. 

Doch rund 70 Prozent von ihnen haben aber keine geschlossene Berufsausbildung. 14 Prozent sind Alleinerziehende. 66 Prozent sind schon mindestens knapp zwei Jahre lang auf Leistungen vom Jobcenter angewiesen. 24 Prozent sind Flüchtlinge. 27 Prozent haben zwar einen Job oder eine Mini-Selbstständigkeit, können aber von den Einnahmen nicht leben und benötigen „Aufstocker-Geld“. 

Hilfe zum Leben und für Unterkunft

Rund 37 Millionen Euro zahlt das Jobcenter den 9600 Erwerbsfähigen und ihren rund 4200 Kindern pro Jahr allein als Hilfe zum Lebensunterhalt, und rund 36 Millionen Euro für Wohnungen und Heizung. 17 Millionen Euro kosten die rund 219 Beschäftigten, die die Arbeitsagentur und die Kommunen stellen. Gut 10 Millionen Euro wird in Eingliederungshilfen investiert. Insgesamt fallen also 100 Millionen Euro an Ausgaben an. Den Großteil zahlt der Bund, einen kleinen Anteil die Kommunen. 

Rund 2500 Integrationen in den Arbeitsmarkt, in eine Ausbildung oder eine berufliche Selbstständigkeit gelingen dem Jobcenter pro Jahr, auch für viele Flüchtlinge. Um Leistungsanträge von Kunden zu bearbeiten, benötigen die Mitarbeiter zwischen sechs und neun Tage, falls alle Unterlagen vorgelegt werden. Bundesweit, so Knapp, gelte eine Obergrenze von 14 Tagen. Segeberg liege also weit drunter. 

1244 Widersprüche gegen Bescheide

1244 Mal legen Kunden pro Jahr Widerspruch gegen Bescheide ein. In etwa einem Drittel der Fälle räumt das Jobcenter einen Fehler ein, und korrigiert sich. Etwa dann, wenn nach einem Bescheid ein Kunde fehlende Unterlagen doch noch nachgereicht hat, sagt Knapp. Manchmal aber unterlaufen Mitarbeitern auch Fehler in der Rechtsanwendung. „Das Recht ist schon sehr komplex. Ich wünsche mir, dass es einfacher wird.“ 

Das spürte das Jobcenter auch bei Klagen gegen sich, etwa wenn es Wohnungen, die Kunden angemietet hatten, für zu teuer gehalten hatte, Gerichte die Haltung des Jobcenters aber angezweifelt haben.

Unklare Rechtslage

Das Problem liegt nach Ansicht von Knapp erneut in der unklaren Rechtslage. Jobcenter sollen nur „angemessene Unterkunftskosten“ finanzieren. Doch was sei angemessen? Erschwert wird die Analyse der Wohnraumdaten, weil in Städten wie Norderstedt ganz andere Mieten verlangt werden als in abgelegenen Dörfern. 

Auch die Kreisverwaltung, neben der Arbeitsagentur Träger des Jobcenters, bedauert, dass der Bund als Gesetzgeber die Berechnung der zulässigen Unterkunftskosten nicht genau vorgibt. „Erst nach vielen Jahren Rechtsprechung entwickelt sich langsam ein verbindlicher Rahmen“, heißt es in einem Papier der Kreisverwaltung. Im Kreis Segeberg werde vermutlich Ende 2021 ein neues Konzept vorlegen. 

In den Fällen, in denen das Gericht die Berechnung der Unterkunftskosten durch das Jobcenters angezweifelt hat, soll mit den Kunden ein Vergleich geschlossen werden. 

1870 Mal Leistungen gekürzt

1870 Mal hat das Jobcenter im Laufe von zwölf Monaten Leistungen gekürzt. Oft, weil Kunden Beratungstermine nicht wahrgenommen haben. Dann wird zehn Prozent weniger ausgezahlt. Wer eine zumutbare Arbeit oder Ausbildung nicht wahrnimmt, muss mit mindestens 30 Prozent weniger Regelbedarf („Arbeitslosengeld II“) auskommen. Sanktioniert werden eher Männer als Frauen, eher Jüngere als Ältere. Bundesweit betrachtet ist 2018 etwa jeder elfte Kunde von Jobcentern mindestens einmal pro Jahr sanktioniert worden. 

Jobcenter betreut 13777 Segeberger

Im September betreute das Jobcenter Kreis Segeberg in seinen drei Dienststellen in Bad Segeberg, Kaltenkirchen und Norderstedt 13777 Menschen. Das sind fünf Prozent der Segeberger Bevölkerung. Darunter sind 4241 Nicht-Erwerbsfähige, also Kinder. Die übrigen 9536 Menschen (vor zehn Jahren: 10565) könnten theoretisch arbeiten. Allerdings sind von ihnen fast 5900 nicht dazu in der Lage, weil sie krank sind, sich fortbilden, Kinder unter drei Jahre haben, oder sie haben schon einen Job, verdienen dort aber zu wenig, um davon zu leben (rund 800 „Aufstocker“). So bleiben nur fast 3700 Arbeitslose übrig, die von den Jobcentern in Arbeitsverträge vermittelt werden könnten. Von ihnen ist knapp die Hälfte schon sehr lange arbeitslos. Träger des Jobcenters Kreis Segeberg sind der Kreis Segeberg und die Bundesagentur für Arbeit.

Hier lesen Sie weitere Nachrichten aus dem Kreis Segeberg.

Ohne Hilfe des Jobcenters wäre es für Thomas Saretzki (53) aus Bad Bramstedt sehr schwer auf dem Arbeitsmarkt. Er war zeitweise arbeitslos, ist schwerbehindert. Dank der Förderung hat er einen Vollzeitjob, als Betreuer und Hausmeister der KZ-Gedenkstätte Springhirsch bei Kaltenkirchen.

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