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Segeberg Mangel an Hausärzten droht
Lokales Segeberg Mangel an Hausärzten droht
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07:00 21.07.2018
Von Gunnar Müller
Foto: Die beiden Wahlstedter Hausärzte Dr. Michael Orlowski (Foto) und Holger Damaschke suchen schon seit einigen Jahren Nachfolger für ihre Gemeinschaftspraxis.
Die beiden Wahlstedter Hausärzte Dr. Michael Orlowski (Foto) und Holger Damaschke suchen schon seit einigen Jahren Nachfolger für ihre Gemeinschaftspraxis. Quelle: Gunnar Müller
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Wahlstedt

Eigentlich könnte es so schön wie sein wie in der ZDF-Serie „Der Landarzt“: Ein rühriger Dr. Karsten Mattiesen (Christian Quadflieg) kümmert sich dort um die Wehwechen und Alltagssorgen seiner Patienten im fiktiven Ort Deekelsen. In Wahlstedt gibt es noch fünf solcher Hausärzte. Doch viele von ihnen wollen – wie zuletzt Dr. Rolf Scheuer im April – altersbedingt in den Ruhestand gehen. Längst ist die künftige Hausarztversorgung zum Thema der Wahlstedter Kommunalpolitik geworden.

Sie sind die Wahlstedter Urgesteine: Dr. Michael Orlowski und Holger Damaschke sorgen als praktische Ärzte seit mehreren Jahrzehnten in einer Gemeinschaftspraxis für ihre Patienten. Bereits seit vier Jahren suchen die beiden 69- und 67-jährigen Mediziner Nachfolger für die gut gehende Praxis mit rund 2500 Patienten in der Ostlandstraße – bisher vergeblich.

Neues Lebensgefühl heutiger Ärzte

„Es wurde viel zu spät damit angefangen, Hausärzte-Nachwuchs zu gewinnen,“ sagt Orlowski. Viel Zeit sei so, fast wortwörtlich, ins Land gezogen. Selbst seine eigene Tochter Nicola, die als Oberärztin in einer Klinik in Mecklenburg-Vorpommern arbeitet, konnte der Hausarzt nicht dazu bringen, in die Praxis einzusteigen. „Rund 70 Prozent der kommenden Medizinergeneration sind Frauen.“ Das findet Orlowski an sich gut – allerdings ändere das die Rahmenbedingungen für den Beruf (und die Berufung) eines Hausarztes. „Das Lebensgefühl ist heute ein anderes. Familie und Beruf sollen sich nicht ausschließen.“

Standortnachteil gegenüber Bad Segeberg

Denn neben den üblichen Praxisöffnungszeiten bieten Mediziner wie Orlowski auch besonders späte Sprechstunden für Arbeitnehmer an, machen Hausbesuche und hören bei Nöten zu. Dafür erhalten sie von den Krankenkassen eine Pauschale, die je nach Alter des Patienten um die 20 Euro beträgt. Pro Quartal wohlgemerkt. „Tragbar sind solche Praxen eigentlich nur, wenn Sie ungefähr ein Drittel Privatpatienten haben.“ Und die, vielfach Beamte, finde man eben wegen der Verwaltung und weiterführenden Schulen eher in Bad Segeberg.

"Büsumer Modell" als Vorlage?

„Dabei ist Wahlstedt hochattraktiv zum Leben. Kultur, Natur und ein tolles und vertrauensvolles Miteinander mit meinen Patienten.“ Dennoch – nach 36 Jahren als niedergelassener Arzt – will Orlowski langsam kürzer treten.

Dabei kann er sich viele Modelle vorstellen, zumindest noch ein bisschen in Teilzeit weiter zu machen. „Wir sind ja noch fit, und Spaß macht uns das auch noch.“ Orlowski denkt etwa an das „Büsumer Modell“: Ein Ärztehaus in städtischer Trägerschaft mit angestellten Ärzten.

Schrittweise Planung

Einen ähnlichen Ansatz zeigte Thomas Rampolt in einer Sondersitzung des Wahlstedter Hauptausschusses auf. Der Geschäftsführer der Ärztegenossenschaft Nord versuchte in der Sitzung, die Ausschussmitglieder von der Bestellung einer Machbarkeitsstudie zu überzeugen; denn in Wahlstedt könnte der Hausarztmangel in wenigen Jahren voll durchschlagen. „Wir müssen uns gemeinsam mit den Ärzten Lösungen überlegen.“ Einfach etwas bauen, hinstellen und erst im Anschluss nach Medizinern suchen – das sei nicht denkbar. Fünf Planungsschritte solle diese Studie enthalten. „Und nach jedem einzelnen werden wir uns mit der Stadt zusammensetzen und neu überlegen, ob es Sinn macht, weiter zu gehen.“

Bereits vorab habe er sich mit den Hausärzten in Wahlstedt in Verbindung gesetzt. „Unisono fanden alle, dass dringender Handlungsbedarf besteht.“ Glücklicherweise sei das „Tal der Tränen“ noch nicht erreicht. „Die Zeit des Hausärztemangels steht uns noch richtig bevor.“ Es sei aber schon „fünf nach zwölf“.

Größere Praxiseinheiten

Grundsätzliches Ziel seien größere Praxiseinheiten, in denen sich mehrere Hausärzte zusammentun – junge und ältere. „Das gibt wichtige Synergieeffekte von neuem Wissen und Erfahrung.“ Einstimmig votierten die Ausschussmitglieder für eine Machbarkeitsstudie.

„Wir möchten natürlich auch Ärzte motivieren, eine Praxis zu übernehmen“, sagt Bürgermeister Matthias Bonse. Aber daneben gebe es eine Bandbreite an Möglichkeiten. 640 Wahlstedter seien bereits jetzt älter als 80 Jahre und brauchen Ärzte vor Ort. „Für mich ist das jetzt ein später, aber gerade noch richtiger Zeitpunkt, sich genauer anzugucken, was wir als Stadt tun können.“

Gerrit Sponholz 20.07.2018
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