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Segeberg Licht in ein dunkles Kapitel gebracht
Lokales Segeberg Licht in ein dunkles Kapitel gebracht
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16:23 05.12.2018
Von Einar Behn
Johannes Pfeifer (links) verbrachte seine Jugend als Pastorensohn in Bad Bramstedt. Mit Pastor Bernd Hofmann zeigt er hier ein Banner des Männer- und Jünglingsvereins, das die Kirchengemeinde aufbewahrt. Quelle: Einar Behn
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Bad Bramstedt

 Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es durchaus demokratische, gegen die alte Monarchie gerichtete Bestrebungen in der Bad Bramstedter Kirchengemeinde gegeben. Hofmann berichtete vom staatsbürgerlichen Bildungsverein, dem der damalige Pastor Felix Paulsen gemeinsam mit dem Sozialdemokraten Gustav Schatz – 1918 einer der Mitbegründer des Bramstedter Arbeiterrates –, angehörte.

Der Bildungsverein setzte sich für eine Bodenreform ein, die aber mit der Monarchie nicht zu machen sei. Die begünstige bei der Bodenverteilung nämlich den Adel.

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Die politische Haltung der Gemeinde wandelte sich jedoch in der Weimarer Zeit rasch, stellte Hofmann bei seiner Quellenforschung fest. Pastor Friedrich Wess, der 1924 nach Bad Bramstedt kam, bezeichnete die Weimarer Zeit als eine "des wirtschaftlichen, moralischen und religiösen Sterbens“. Mit dieser wohl in Bad Bramstedt weit verbreiteten deutsch-nationalen Gesinnung war es dann nur noch ein kleiner Schritt, bis der Gemeindesaal im Schlüskamp auch für die NS-Frauenschaft oder die NS-Volkswohlfahrt offen stand. Und nach der Kirchenwahl 1933 erschienen „fast alle neu gewählten Kirchenvertreter im braunen Hemd vor dem Altar“, so Hofmann.

Die Geschichte mit den Glocken stimmt nicht

Er räumt auch mit der weitverbreiteten Geschichte über die Kirchenglocken auf, die auch in der eigenen Kirchenchronik zu finden sei. Die geht so: Im Sommer 1942 trafen Fliegerbomben den Bleeck, es gab zehn Tote. Der damalige Pastor Martin Christiansen wollte für die Opfer eine Trauerfeier abhalten, was aber nicht ins Propaganda-Konzept der Nazis passte. Die Feier fand trotzdem statt. Als Bestrafung dafür wurden die Kirchenglocken eingezogen und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. „Das ist ein Fake“, hat Hofmann nun im Archiv der Segeberger Zeitung herausgefunden. „Die Glocken wurden schon im April 1942 abgehängt, also vor dem Bombenabwurf.“

13 Kinder starben an Unterernährung

Ein besonders unrühmliches Kapitel ist der Tod von 13 Zwangsarbeiterkindern in Wiemersdorf zum Kriegsende, über den lange nicht gesprochen wurde. Nach einem Erlass der Nazis mussten Kinder, die in der Gefangenschaft geboren wurden, in „Ausländerpflegeheime“ gebracht werden. In Wiemersdorf wurden sie in der Ziegelei einquartiert, unter erbärmlichen Zuständen. 13 Kinder überlebten nicht, offizielle Todesursache: „Ernährungsstörung“. Die Leichen, das jüngste Kind war einen Monat alt, wurden auf dem Bramstedter Friedhof „verscharrt“, wie Hofmann vermutet. „Feindliche Ausländer“ habe die Kirchenverwaltung in die Bücher hinter ihre Namen geschrieben. Die polnischen Zwangsarbeiter übten nach ihrer Befreiung Rache: Sie erschlugen den Wiemersdorfer Bürgermeister Hans Schümann – er war NSDAP- und Kirchenvorstandsmitglied in Bad Bramstedt.

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