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Segeberg Von der Stadt hatte ich nie gehört
Lokales Segeberg Von der Stadt hatte ich nie gehört
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18:12 28.06.2019
Von Sylvana Lublow
Pastor Rainer Rahlmeier ist seit 1985 als Pastor in der Maria-Magdalenen-Kirche tätig. Nun geht er in den Ruhestand. Quelle: Sylvana Lublow
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Bad Bramstedt

KN-online: Pastor Rahlmeier, als Sie damals nach Bad Bramstedt gekommen sind, wie haben Sie sich da gefühlt?

Rainer Rahlmeier: Nach dem Vikariat in Hamburg wäre ich gerne nach Kiel gegangen ans Ostufer, weil die Gegend, in der ich in Flensburg aufgewachsen bin, so ähnlich war. Aber dann sollte ich ganz plötzlich nach Bad Bramstedt. Und ich hatte keine Ahnung, wo Bad Bramstedt liegt, hatte von diesem Ort auch noch nie etwas gehört.  Am 31. Oktober 1985, am Reformationstag, war ich dann zum ersten Mal hier und habe mich beim Kirchenvorstand vorgestellt. 

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Wie lief das Gespräch?

Ich wurde gefragt, wer ich bin, was ich gemacht habe und was ich mitbringe. Eine Frage, die heute so nicht mehr denkbar wäre, war die Erkundigung danach, ob ich denn in der Bundeswehr gedient habe, was der Fall war. Die andere Frage war, warum ich denn nicht Philosophie studiert hätte bei meiner Interessenlage. Bei beiden Fragen war ich unsicher, worauf das hinausläuft. Und dann wurde ich gewählt. Ich hatte ein bisschen Angst, dass es nicht klappt. 

Hatten Sie später eigentlich noch erfahren können, warum es so wichtig war, dass Sie gedient haben?

Damals hatten ja viele Leute im Kirchenvorstand Kriegserlebnisse. Ich denke, dass es damit etwas zu tun hatte und es eine Art Anknüpfungspunkt sein sollte. Für mich klang es damals erst scharf. Aber später dachte ich, dass sie wissen wollten, ob ich für sie ein Gesprächspartner sein könnte, für Themen von denen sie vielleicht selber nicht geahnt hatten, wie sehr sie ihnen auf dem Herzen liegen.

Also war es ein Plus, dass Sie gedient hatten.

Auf jeden Fall.

Und warum haben Sie nicht Philosophie studiert?

Mich haben die Fragen nach dem Sinn des Lebens interessiert. Und in der Theologie fand ich das Feld mit dem größeren und weiteren Horizont. 

Ihre Zeit als Pastor in Bad Bramstedt fing dann traurig an.

Ja, das stimmt. Es gab ein Reihe von Beerdigungen. Ich erinnere mich an eine Woche im Juli 1986, da waren es insgesamt acht Beerdigungen. Und die Kollegen waren beide im Urlaub und haben mir das zugetraut. Da gab es zum ersten Mal eine Situation, in der ich die Gemeinde besser kennenlernte. Eines Tages stand eine Frau, deren Namen ich noch genau weiß, vor der Tür, die von den vielen Beerdigungen erfahren hatte. Und sie schenkte mir eine Schallplatte zum Trost. Das war nicht nur eine Geste sondern auch ein Zeichen von Wertschätzung. Darüber habe ich mich gefreut. 

Von der Vergangenheit in die Zukunft: Sie werden Bad Bramstedt noch im Sommer in Richtung Glücksburg verlassen. Warum eigentlich?

Weil mir das so leichter fällt. In diesem Beruf sind Person und Rolle sehr eng miteinander verbunden. Ich habe folgendes Bild: Wenn ich nach meiner Pensionierung privat zur Kirche gehe, dann könnten die Leute sagen, „schade, dass Sie nicht mehr da sind“, oder sie sagen „das war so eine tolle Predigt von ihrer Nachfolgerin, da habe ich endlich mal etwas verstanden“. Beides möchte ich nicht so gerne hören (er lacht). Deshalb sollte dieses Feld einfach frei sein für die Nachfolgerin. Außerdem wohnen wir ja in einem Haus zur Miete und meine Nachfolgerin wird dort einziehen. Und bei der Frage, wo wir dann bleiben, haben wir entschieden, wegzugehen, um die Möglichkeit für einen Neustart wahrzunehmen. 

Warum gerade Glücksburg?

Zufall. Wir hatten ursprünglich am Hamburger Rand gesucht. Da hatte uns aber nichts so richtig zugesagt. Und dann fanden wir dieses Angebot in Glücksburg und haben es uns einfach angeguckt. Und dort hat es dann gleich „Zoom“ gemacht. Es ist ein schönes Haus und so klein, dass wir es bewältigen können. Die Architektin hat auch schon grünes Licht für einen Treppenlift gegeben. Das muss man mit berücksichtigen (lacht).

Haben Sie sich in Glücksburg auch schon die Kirche angeschaut?

Nein, habe ich noch nicht. Aber ich habe mich schon bei der Leiterin des dortigen Posaunenchores vorgestellt. Dort werde ich am Mittwoch, 13. August, zur ersten Probe erscheinen. 

Wann ist denn Ihr letzter Tag in Bad Bramstedt?

Der ist in meinem Urlaub am 23. Juli. Dann fährt der Möbelwagen ab und 34 Jahre Bad Bramstedt gehen zu Ende. Das ist über die Hälfte meines Lebens.

Mit welchem Gefühl werden Sie gehen?

Also es ist aufregend und schön, weil wir uns auf das Haus und die Umgebung freuen. Es gibt aber auch Wehmut, weil mein Leben immer bestimmt war von dieser Struktur, dass jemand anruft und ich gebraucht wurde. Wie das ohne das Telefonklingeln laufen wird, darauf bin ich sehr gespannt. 

Angst haben Sie vor Ihrer Zukunft aber nicht?

Das wäre nicht meine Art. Ich habe schon einige Ideen, zum Beispiel möchte ich Dänisch lernen. Außerdem glaube ich, dass die Menschen in der neuen Umgebung bestimmt auch neugierig sind und viel fragen werden. Gartenarbeit wird auch ein neues Feld sein. Danke an alle, die uns schon mit Gartenutensilien ausgestattet haben! Außerdem darf ich den Beruf des Supervisors in den nächsten Jahren noch ausüben. Es gibt also auch eine berufliche Perspektive. 

Haben Sie in ihrer Zeit als Pastor jemals an ihrer Berufswahl gezweifelt?

Ja, fast durchgehend. Ich habe von mir nicht das Bild, das immer alles klar ist und fest steht. Es geht vielmehr um das, was heute mit diesem Fremdwort Ambiguitätstoleranz beschrieben wird: Die Fähigkeit, von der eigenen Deutung der Lebensumstände einen Schritt zurück treten zu können und zu akzeptieren, dass es so viele unterschiedliche Modelle gibt, wie Menschen ihr Leben leben. Das zu verstehen, ist eine wichtige Aufgabe in meinem Beruf. Damit habe ich mich beschäftigt, das fand ich herausfordernd und schön. Den Zweifel habe ich als Ermutigung zum Nachfragen erlebt. 

Wie sieht es mit Zweifeln an Gott und dem Glauben aus?

Die gibt es auch, natürlich. Zum Beispiel im Bereich der Notfallseelsorge oder wenn Menschen vor der Zeit sterben. Ich habe es dann als wohltuend erlebt, dass es nach Beerdigungen auch Konfirmandenunterricht gab. Diese Balance in einer Gemeinde ist toll. 

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Darüber gibt es umfangreiche Untersuchen. Angefangen hat es 1968, als sich überhaupt gesellschaftlich viel verändert hat. Und immer wenn es Veränderungen in der Steuerpolitik gibt, sind Menschen aus der Kirche ausgetreten. Viele Leute kehren der Kirche den Rücken zu, nicht weil sie mit dem Programm unzufrieden sind, sondern des Geldes wegen. Ich dachte damals, wenn wir kommen, meine Generation, mit Wissen über Psychologie, Soziologie und Pädagogik, dass wir der Kirche tatsächlich ein anderes Gesicht geben könnten und die Menschen dann erleben würden, wie toll Kirche ist. Das war aber nicht so. 

Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten, Konfirmationen: Was mochten sie am liebsten?

Am meisten Spaß gemacht haben mir Trauungen. Weil ich immer eine Freude daran hatte, die Muster zu durchbrechen. Zum Beispiel habe ich gerne die Distanz – Brautpaar vorne, Gäste hinten in den Bänken– aufgelöst, in dem ich die Gäste nach vorne gebeten habe, damit alle nah beieinander stehen. 

Gibt es eine Frage, die Sie gerne noch gestellt bekommen möchten?

Ja: Warum haben Sie sich niemals woanders hin beworben?

Okay. Warum haben Sie sich niemals woanders hin beworben?

Ich wäre gerne nach New York gegangen, bin aber nicht genommen worden (lacht). Kein Witz. Ich habe mich dahin beworben. Meine Familie war auch einverstanden. Ich dachte natürlich, wenn ich mich bewerbe, nehmen die mich sofort! Aber es hat nicht gereicht. Später war ich darüber froh.

Interview: Sylvana Lublow

Sylvana Lublow 28.06.2019
Einar Behn 27.06.2019
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