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Segeberg Firmenchefs bewerben sich bei Schülern
Lokales Segeberg Firmenchefs bewerben sich bei Schülern
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08:40 28.02.2019
Beim Projekt Praxis in Schule kamen Firmenchefs persönlich in das Berufsbildungszentrum, um sich bei potenziellen Azubis zu bewerben. Quelle: Nadine Materne
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Kreis Segeberg

Die Idee zu Praxis in der Schule stammt von Frank Tietgen. Der Unternehmensberater aus Kalübbe (Kreis Plön) hörte die Handwerker im Ort stöhnen über den Nachwuchsmangel. „Ich habe sie gefragt, was sie dagegen tun.“ Darauf herrschte Stille.

Betriebe müssen auf heutige Jugendliche einstellen

Die Firmen müssten sich für Schüler attraktiv machen, dazu gehört für Tietgen vor allem eine ansprechende Online-Präsenz, die sich an den potenziellen Nachwuchs wendet. „80 Prozent der jungen Leute informieren sich im Internet.“ Wer hier den Nachwuchs nicht anspricht, verpasse Chancen.

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Dabei gelte es vor allem auch Ausbildungshemmnisse bei den Jugendlichen abzubauen.

So hätten die jungen Menschen den Eindruck es ginge ihnen finanziell besser, wenn sie studieren und nebenbei ein paar Stunden an der Supermarktkasse arbeiten - anstatt auf der Baustelle zu schuften und mit 500 Euro im Monat nach Hause zu gehen, schildert Tietgen.

Unterstützungen für Azubis hervorheben

Dass es für die Auszubildenden aber womöglich auch Tankgutscheine zur Unterstützung gibt und ein Diensthandy, das müsse man ihnen vermitteln.

Tietgen hat sich in den vergangenen Jahren zu dem Thema mit vielen Jugendlichen unterhalten. Zudem seien viele junge Menschen in dem Glauben aufgewachsen: Nur mit einem Studium lasse sich gutes Geld verdienen.

„Darauf müssen die Unternehmer eine Antwort haben“, so Tietgen, der das Projekt Praxis in der Schule am BBZ ehrenamtlich begleitet.

Pilotprojekt mit 40 Schülern am BBZ

Bevor 40 Schüler aus den ausbildungsvorbereitenden Klassen des BBZ auf die Firmenchefs trafen, wurden sie von Tietgen vorbereitet. Neben einer Analyse der Homepages der Unternehmen ging es auch um die Besinnung auf eigene Stärken und Interessen.

„Viele Schüler wissen nicht, welche Stärken und Schwächen sie haben“, so Tietgen. Dabei sei das mindestens so wichtig wie die Schulnote. Entsprechend gut vorbereitet gingen die Schüler in die Workshops mit den Firmenchefs aus dem Bau-, Kfz-, Maler- und Lackierer, Tischler- sowie Heizungs- und Sanitärgewerk.

Vier Tage lang präsentierten sich acht Segeberger Firmenchefs den Schülern, da wurde manch einer richtig nervös in diesem umgedrehten Bewerbungsgespräch.

Modernes Handwerk

„Für mich war das wie eine Fortbildung“, sagt Sven Winkelmann, Meister für Sanitär- und Klimaanlagen aus Tensfeld. „Es war toll die Sicht der Schüler kennenzulernen.“ Und den Schülern ein aktuelles Bild vom Beruf vermitteln zu können.

Gas-Wasser-Sch... – das Bild des Sanitär-und Klimatechnikers sei veraltet. Das sei mehr als ein paar Rohre zusammenzuschrauben. Die Handwerker installieren unter anderem Solaranlagen und smartphone-gesteuerte Heizungen.

Der Einzug moderner Technik ins Handwerk sei vielen jungen Menschen nicht bewusst, zum Beispiel computergesteuerte Fräsmaschinen, sagt auch Tischlermeister Nils Hoffmann aus Nahe.

Im Gespräch mit den Schülern konnten die Unternehmer mit vielen Vorurteilen aufräumen, zudem hatten die Schüler die Möglichkeit Azubis der Betriebe auszufragen – in dieser Zeit mussten die Chefs raus. 

Karrierechance: vom Praktikant zum Firmenchef

Überraschend dürfte für die Jugendlichen die ein oder andere Karrierechance im Handwerk gewesen sein. „Ich habe einen Polier, der hat vor acht Jahren mit einem Praktikum bei mir angefangen“, schildert Lars Krückmann, Obermeister der Sanitär-Heizung-Klima-Innung.

Er soll die Firma einmal übernehmen. „Das ist ein realer Karriereweg.“ Auch müsse man den jungen Menschen klar machen, dass sie durch eine Ausbildung automatisch den Realschulabschluss in der Tasche haben. „Und mit einem Meister den Bachelor.“

Die Argumente der Handwerker scheinen bereits erste Früchte zu tragen.

Vom Projekt direkt in die Ausbildung

Sven Winkelmann hat bei dem Projekt einen Schüler wiedergetroffen, der vor einigen Monaten mal ein Praktikum in seinem Betrieb absolviert hatte. „Der hatte eine Ausbildung eigentlich abgeschrieben“, so Winkelmann. Inzwischen werde ein Ausbildungsvertrag aufgesetzt.

Bei Lars Krückmann wird ein Schüler ein Praktikum beginnen. Mindestens ein Dutzend weitere Praktika sollen nun vermittelt werden – nicht nur in den Unternehmen der acht Firmenchefs.

Viele der Jugendlichen, darunter auch Mädchen, haben Interesse gezeigt, in einen Handwerksbetrieb reinzuschnuppern. 

Deshalb soll das Projekt Praxis in Schule zwischen der Kreishandwerkerschaft und dem BBZ auch wiederholt werden, womöglich auch mit Regelklassen.

Der Erfolg überrascht Ideengeber Tietgen nicht. Seit einigen Jahren ist er mit dem Konzept bereits an der Annette-von-Rantzau-Schule in Rohlstorf erfolgreich. „Jedes Jahr vermitteln wir mindestens zwei Ausbildungsstellen.“ Dazu zahlreiche Praktika.

Von Nadine Materne

Nicole Scholmann 28.02.2019
Michael Stamp 28.02.2019
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