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Segeberg Viele Kinder fallen durch
Lokales Segeberg Viele Kinder fallen durch
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09:00 21.08.2019
Von Nadine Materne
Viele Kinder fallen durch die Fahrradprüfung, weiß Polizist Jürgen Schlichting (57). Seit zehn Jahren nimmt er die Radprüfung bei Viertklässlern ab. Quelle: Nadine Materne
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Kreis Segeberg

Seit zehn Jahren nimmt Polizeihauptkommissar die Fahrradprüfung bei Viertklässlern im Kreis Segeberg ab. „Sie sind motorisch nicht mehr so sattelfest wie noch vor einigen Jahren.“ Kinder, die nicht richtig Rad fahren können, sind oft auch unsicher im Straßenverkehr. „Es gibt Kinder, die nehmen die Hand vom Lenker und fallen um“, sagt Schlichting.

30 von 45 Kindern bei der Prüfung durchgefallen

Einhändig Fahrradfahren zu können ist im Straßenverkehr jedoch unverzichtbar, um die Fahrtrichtung anzuzeigen. „Durch das Anzeigen der Richtung können viele Unfälle verhindert werden. Andere Verkehrsteilnehmer sollen sich ja auf unser Verhalten einstellen“, verdeutlicht Schlichting. Ohne diese Fähigkeit ist die Radprüfung nicht zu bestehen. 

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„Ich habe es in einer Schule erlebt, da sind 30 von 45 Schüler durch die Prüfung gefallen“, nennt Schlichting ein Extrembeispiel aus dem Kreis, den Namen der Schule nennt er nicht. Auch bei der Nachprüfung seien 20 von 30 Kindern durchgefallen.

Es mache keinen Spaß, den Kindern mitzuteilen, dass sie den Fahrradpass nicht erhalten. „Es ist oft die erste Prüfung für die Kinder“, sagt Schlichting. Viele Kinder sind davor richtig aufgeregt und sehr enttäuscht, wenn es nicht klappt. Aber man müsse ihnen auch die Wahrheit sagen.

„Für Eltern ist das oft nicht so schlimm“, so Schlichtings Erfahrung. Immerhin dürfen Kinder auch ohne Fahrradpass Fahrrad fahren. Diese Einstellung ist Schlichtings Meinung nach jedoch falsch. „Für die Kinder bedeutet es etwas.“ Zudem geht es auch um die Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr. 

Unsicherheit auf dem Rad kann gefährlich werden

Wobei viele Kinder Schwierigkeiten haben, sei außerdem das Aufsteigen von der rechten Seite. Also von der Gehwegseite aus. „Das ist reine Übungssache und viel sicherer“, betont der Polizist. Die meisten Kinder nämlich stiegen von der linken Seite auf und stehen dabei mitten auf der Fahrbahn. Zudem machten viele Kinder einen großen Schlenker zur Fahrbahnmitte beim Anfahren. 

Wer selten Rad fährt bewegt sich auch unsicher im Straßenverkehr. „Wir erleben Kinder, die bleiben am Straßenrand stehen, wenn ein Auto von hinten kommt“, berichtet Schlichting. Oder sie warten sehr lange beim Linksabbiegen, obwohl das entgegenkommende Auto weit weg ist. Wartende Verkehrsteilnehmer dahinter werden in solchen Situationen oft ungeduldig, überholen. Das kann gefährlich werden. Mangelnde Rücksichtnahme im Verkehr sei leider auch ein Problem.

Lesen Sie auch: Wie das Kind sicher zur Schule kommt

Die Ursachen für die Unsicherheit vieler Kinder auf dem Drahtesel sind vielfältig. Kinder heute sitzen mehr, spielen früher und öfter mit dem Computer. „Vor zehn Jahren gab es auch noch nicht so viele Smartphones“, sagt Schlichting. Aber auch Eltern führen weniger Rad und entsprechend seltener seien sie mit den Kindern per Fahrrad unterwegs.

Radfahren lernen ist Elternsache

Vor zehn Jahren gab es auch noch Verkehrslehrer bei der Polizei. Heute sind das Präventionslehrer wie Schlichting. 3,5 Stellen davon gibt es bei der Polizei im Kreis Segeberg. Die Fahrradprüfung ist nur ein Bereich von vielen. „Wir haben fünf Stunden für eine Prüfung“, sagt Schlichting. Für die Kontrolle der Räder und die Prüfung im Verkehr. „Da können wir nicht noch üben“, sagt Schlichting. „Das ist Elternsache.“ Auch Schulen können dies nicht kompensieren.

Schlichting ermutigt Eltern deshalb: „Fahrt mit den Kindern Rad.“ Je eher, desto besser. Bis einschließlich siebtem Lebensjahr müssen Kinder auf dem Gehweg fahren, ab 12 auf Radweg oder eben der Straße.

Lesen Sie auch: Fahrradfahren lernen - so können Eltern ihren Kindern helfen

Regelmäßiges Training hilft. Das zeigt auch das Beispiel von der Schule mit den vielen Durchfallern. „Hinterher haben sich die Eltern organisiert“, erinnert sich Schlichting. Regelmäßig übten die Eltern mit den Kindern Radfahren. „Ein Jahr später haben fast alle die Prüfung bestanden.“

20 Kinder bei Radunfällen verletzt

25 Unfälle mit Kindern auf dem Rad registrierte die Polizei im Kreis Segeberg im laufenden Jahr. Das ist jetzt schon mehr als in 2018 mit 19 Unfällen. Dabei wurden bisher 19 Kinder leicht und eins schwer verletzt. Im Vorjahr waren es 18 Leichtverletzte. Betroffen waren jeweils vier Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Bei den Zehn- bis unter 15-Jährigen waren 25 Kinder in diesem Jahr betroffen (2018: 19).

Nadine Materne 21.08.2019
Michael Stamp 20.08.2019
Nadine Materne 20.08.2019
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