Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Segeberg SPD will Straßennamen ändern
Lokales Segeberg SPD will Straßennamen ändern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:50 03.02.2014
Von Thorsten Beck
Dr. Helmut Lemke (1907-1990), nach dem Krieg in Schleswig-Holsein unter anderem Kultusminister, Innenminister, Ministerpräsident und Landtagspräsident, gehört wegen seiner Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 für die SPD zu den belasteten Personen.
Bad Segeberg

Auf ihrer jüngsten Klausurtagung am Wochenende in Kiel haben die Sozialdemokraten einvernehmlich beschlossen, ein Verfahren zur Umbenennung in Gang zu setzen. „Dabei soll aber nicht einfach über die Köpfe der Anwohner hinweg entschieden werden“, verspricht SPD-Sprecher Tobias Gellert.

 Der Vorstoß der Genossen, der vor allem im Fall des früheren schleswig-holsteinischen Regierungschefs und Landtagspräsidenten Dr. Helmut Lemke (CDU) einigen politischen Zündstoff bergen dürfte, kommt überraschend - und war laut Gellert auch nicht von langer Hand geplant. Das Thema sei bei der Zusammenkunft von Fraktion und Vorstand der Orts-SPD in der Sparkassen-Akademie erstmals intensiver diskutiert worden. „Es geht uns darum, im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus historisch belastete Personen nicht auch noch im öffentlichen Raum zu würdigen“, erklärte Gellert, zugleich Mitglied der Bad Segeberger Stadtvertretung.

 Die Initiative ist nach Gellerts Worten nicht unwesentlich von der monatelangen Diskussion in der Landeshauptstadt zur Umbenennung des Hindenburgufers in Kiellinie angestoßen worden, die kürzlich von einer Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken durchgesetzt wurde. Wobei die Rolle des ehemaligen Weltkriegsgenerals und demokratisch gewählten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg beim Aufstieg Adolf Hitlers zur Macht von Historikern noch immer unterschiedlich beurteilt wird. Tatsache ist aber, dass das greise Staatsoberhaupt den Führer der Nationalsozialisten 1933 zum Reichskanzler ernannte.

 Die Sozialdemokraten wünschen sich eine Einwohnerversammlung im Bürgersaal des Rathauses, an der zwar alle Segeberger teilnehmen dürfen, auf der aber vor allem Anlieger der drei zur Umbenennung vorgeschlagenen Straßen zu Wort kommen sollen. Denn ganz neu ist diese Debatte in Bad Segeberg nicht. Bereits 1998 wurde auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Udo Fröhlich (SPD) heftig darüber diskutiert, ob der Dithmarscher Heimatdichter Gustav Frenssen wirklich eines eigenen Straßennamens würdig sei.

 Während der Schriftsteller, dessen auch in der Nazi-Zeit massenhaft verbreitetes Werk rassistische und antisemitische Positionen enthält, andernorts - etwa in Bad Bramstedt - aus dem Straßenbild verschwunden ist, konnten sich die Bad Segeberger Entscheidungsträger seinerzeit nicht zu einem solchen Schritt durchringen. Vor allem die CDU mit der damaligen Vorsitzenden und heutigen Stadtvertreterin Ursula Michalak stemmte sich dagegen. Die Leute hätten jahrelang mit dem Namen gelebt, es sei Zeit für einen Schlussstrich, so die damalige Auffassung. Auch sei der Aufwand einer Adressen-Umstellung für die Anwohner hoch. Im Übrigen gebe es in der Stadt wichtigere Dinge als Straßennamen.

 Das könne man auch heute durchaus einwenden, räumt Tobias Gellert ein. Und dass sie mit ihrem Vorstoß nicht überall offene Türen einrennen werden, sei den Sozialdemokraten durchaus bewusst, erklärt er im Gespräch mit der Segeberger Zeitung. Vor allem im Fall des langjährigen CDU-Ministerpräsidenten Dr. Helmut Lemke erwarte man Widerstand. „Es geht uns nicht um seine Leistungen nach dem Krieg, sondern um seine politische Aktivität zwischen 1933 und 1945.“ Lemke sei nicht nur Mitglied der NSDAP gewesen, sondern habe unter anderem in seiner Funktion als Bürgermeister von Eckernförde ganz entschieden Position für den Nationalsozialismus bezogen.

 Die SPD hofft, nicht nur bei der Löschung der drei aus ihrer Sicht belasteten Namen aus dem Straßenregister einen möglichst breiten politischen Konsens erzielen zu können, sondern auch bei der Neubenennung. Zwei Vorschläge habe man bereits, erklärte Gellert: Sidonie Werner und Klaus Knütter.

 Nach der Hamburger Jüdin und engagierten Sozialpolitikerin Werner, die 1932 kurz vor der Machtübernahme durch die Nazis starb, ist in Bad Segeberg bereits der Kindergarten der Jüdischen Gemeinde am Jean-Labowsky-Weg benannt.

 Mit Knütter würden die Sozialdemokraten gern einen ihrer prominentesten lokalen Genossen würdigen, der von Ende 1993 bis zu seinem plötzlichen Tod im September 1995 Bürgervorsteher der Kalkbergstadt war. In dieser Funktion hat sich Knütter, unter anderem Träger der Heinrich-Rantzau-Medaille, der höchsten Auszeichnung Bad Segebergs, vor allem auf kulturellem Gebiet außerordentlich stark engagiert. Als taktisch versierter Kommunalpolitiker und Strippenzieher für die SPD war er zunächst allerdings nichts überall gleichermaßen beliebt. Doch bei seiner Wiederwahl zum Bürgervorsteher erhielt Klaus Knütter schließlich die Stimmen aller politischen Parteien.

 Willkommen sind der SPD aber auch andere Namensvorschläge: „Wir wollen ja nichts auf Krampf durchsetzen“, betont Gellert, „sondern die Bürger von Anfang an mitnehmen.“ Doch angesichts der Diskussionen in anderen Städten sei es auch in Bad Segeberg an der Zeit, die geschichtliche Aufarbeitung anzupacken.

 Und das möchten die Sozialdemokraten nicht nur auf ihre eigenen Zuständigkeiten beschränken. So sollten die Verantwortlichen in der Verwaltung bei den neuen Eigentümern der früheren Lettow-Vorbeck-Kaserne darauf hinwirken, von der neuen Bezeichnung „LeVo-Park“ für das Gewerbegebiet wieder Abstand zu nehmen. Denn auch der Namensgeber Paul von Lettow-Vorbeck, so die Genossen, sei wegen seiner Vergangenheit als Befehlshaber in den deutschen Kolonien als Aushängeschild wenig geeignet.

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!