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Segeberg Sülfeld steht zusammen gegen Neonazis
Lokales Segeberg Sülfeld steht zusammen gegen Neonazis
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14:18 11.11.2019
Von Sylvana Lublow
Auf dem Ortsschild hat jemand seine Meinung über die Umtriebe der rechten Szene in Sülfeld mit einem Aufkleber dokumentiert. Quelle: Christian Detlof
Sülfeld

Die Gemeinde Sülfeld im Kreis Segeberg mit seinen 3500 Einwohnern ist eigentlich ein ruhiges Örtchen. Und doch ist der Name Sülfeld in den vergangenen Wochen immer wieder landesweit in die Schlagzeilen geraten. Die Tumulte rund um drei junge Neonazis, die hier leben, begannen fast zeitgleich mit der Heimkehr des berüchtigten Bernd T. aus Bad Segeberg, der die vergangenen Jahre im Gefängnis verbrachte. Von sich reden machte Sülfeld vor allem deshalb, weil die Bürger in dieser Situation Flagge zeigten und sich nicht wegduckten. Besuch in einer ganz normalen Gemeinde in Schleswig-Holstein.

Es ist früh am Tag. Ingelore Cabboi ist zum Frühstücken in die Landbäckerei Matthiesen gekommen, die nicht weit vom Marktplatz entfernt ist, dessen Mittelpunkt die beeindruckende alte Kirche bildet. Seit 16 Jahren lebt sie in Sülfeld. „Ich wohne auch immer noch gerne hier und fühle mich nach wie vor sicher“, sagt sie. Von den Unruhen und den Neonazis im Dorf hat sie natürlich gehört: „Das ist hier Thema Nummer eins.“

Zentrale Figur Bernd T.

Es begann Mitte Oktober, als Sülfelder entdeckten, dass Sticker der rechtsextremen Vereinigung „Aryan Circle“ an einigen Stellen im Dorf klebten. Als sie diese wieder entfernen wollten, wurden sie von den im Ort lebenden Neonazis attackiert, es kam zu Handgreiflichkeiten, auch Reizgas soll im Spiel gewesen sein. Das ließen sich die Sülfelder nicht gefallen. Solidaritätsaktionen wie etwa im Vorwege zu einem Handballspiel am 26. Oktober, das auch von Innenminister Hans-Joachim Grote besucht wurde, und ein Spaziergang gegen Rechts folgten. Nach Letzterem wurden bei vier parkenden Autos die Reifen zerstochen. Eine Augenzeugin will einen der Sülfelder Neonazis mit einem Messer in der Nähe der Tatorte gesehen haben.

Verbreitete Unsicherheit

„Ein bisschen Unsicherheit bleibt natürlich“, sagt Ingelore Cabboi nach einiger Zeit. „Man denkt ja auch nicht daran, dass so etwas in einem Dorf passiert.“ Am Tisch nebenan gönnt sich eine junge Mutter eine Kaffeepause. Ihr zweijähriger Sohn hat gerade Eingewöhnungszeit in der Kita. „Ich wohne erst seit zwei Monaten in Sülfeld“, erzählt sie. „Mit meinem Sohn würde ich zurzeit nicht im Dunkeln rausgehen.“ Was ihr besonders aufgefallen ist: „Der Zusammenhalt hier im Dorf ist groß. Der Pastor redet auch mit den Kindern in der Kita ganz toll über die Dinge, die hier passiert sind.“ Die Verkäuferin in der Bäckerei hört den Gesprächen im Laden zu. Watcha heißt sie und stammt aus Thailand. „Sülfeld ist wie eine große Familie“, sagt sie. Angst habe sie keine. „Ich bin noch nie angepöbelt worden.“ Ihr Mann ist Deutscher und Polizist – Watcha fühlt sich sicher.

Namen lieber nicht in die Zeitung

Draußen vor dem Bäckerladen hat sich derweil eine kleine Gruppe zusammengefunden. Drei Rentner warten auf die Fischfrau, die jeden Mittwoch um 10 Uhr am Markt hält. Herbert und Gerd sind Rentner, ihre Nachnamen wollen sie in der Zeitung nicht lesen. „Ich habe keine Lust, dass mein Garten irgendwann zerstört ist“, sagt der eine. Herbert ist 81 Jahre alt. Der ehemalige Landwirt lebt seit 55 Jahren in Sülfeld. Er war im Krankenhaus, als das alles passiert ist. „Ich hätte nie damit gerechnet, ich dachte, Sülfeld ist ein ruhiges Dorf“, sagt er: „Ich habe mich hier immer wohl gefühlt, das alles macht mich sehr betroffen. Das gehört nicht hierher.“

Und fügt hinzu: Man müsse diese Menschen ernst nehmen, nicht einfach als Spinner abtun. Gerd stimmt ihm zu. „Wehret den Anfängen“, sagt er: „So hat das damals auch angefangen.“ Herbert ist der Meinung, dass sachliche Auseinandersetzungen jetzt wichtig sind. „Man muss diese Leute fragen, warum sie dieser Ansicht sind. Sie haben das früher nicht miterlebt, uns geht es doch heute allen gut.“

Erstmal tief durchgeatmet

Auch eine Sülfelderin steht dabei, sie möchte aus Sicherheitsgründen Frau Anders genannt werden. „Es ist kein gutes Gefühl, alle haben die Hosen voll“, sagt sie. „Man ist ja auch mal alleine unterwegs und diese Leute sind nicht einzuschätzen.“ Sie war am Sonntag beim Spaziergang gegen Rechts dabei, „weil es mir wichtig ist“, sagt sie. Da habe sie einen der Neonazis gesehen. „Kahler Kopf, tätowiert und schwarze Sachen an“, beschreibt sie. „Da habe ich erstmal tief durchgeatmet.“

Zwei Strömungen im Dorf

Tief durchatmen muss auch Pastor Steffen Paar derzeit. Er ist zu der Anti-Nazi-Figur in Sülfeld geworden. Sein Standpunkt ist klar, und da macht er auch keinen Hehl draus. Am Fenster des Pastorats steht ein Holzschild mit der Aufschrift „Vielfalt statt Einfalt“, in seiner Hand hält er einen Kaffeebecher, ebenfalls beschriftet: „Liebe für alle, Hass für keinen“. Rund 2000 Kirchenmitglieder gehören seiner Gemeinde an. „Die Angst muss überwunden werden“, sagt Paar. Er hatte den Sülfelder Neonazis ein Gespräch angeboten. Darauf wartet er immer noch.

Es gibt zwei Strömungen im Dorf“, erklärt er. „Die einen haben Angst und sind verunsichert. Die anderen wollen sich das nicht gefallen lassen und gehen dafür auf die Straße.“ Paar gehört zur zweiten Gruppe, am Sonnabend war er auch auf der Demo gegen Rechts in Bad Segeberg dabei. Am Ende findet er es erschreckend, dass drei junge Leute es schaffen, so viel Angst zu verbreiten, „mit Mitteln, die nicht legitim sind“. Durch Zivilcourage und Solidarität müsse man dem entgegentreten.

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