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Segeberg Ungewöhnliche Geschichte eines Dorfes
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05:50 18.12.2013
Von Uwe Straehler-Pohl
Helmut Trede hat in vielen Archiven gestöbert, um seine Regionalgeschichte schreiben zu können.
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Heidmoor

Erst 1951 wurde der Ort, der früher zu Lentföhrden gehörte, eine eigenständige Gemeinde und sollte gut 20 Jahre später schon wieder von der Landkarte verschwinden, um Platz für den Flughafen Kaltenkirchen zu schaffen.

 Ausgangspunkt für Tredes Überlegungen war, warum eine im Grunde schnurgerade Grenze, die seit 1587 auf der Linie Mönkloh – BokelLangelnKaltenkirchen besteht und heute die Grenze zwischen den Kreisen Pinneberg und Segeberg bildet, eine Ausbuchtung in Heidmoor hat. Bokel, Lutzhorn, Barmstedt, Langeln und Heede grenzen auf Pinneberger Seite daran, Mönkloh, Weddelbrook, Lentföhrden, Kampen und Kaltenkirchen im Kreis Segeberg. An dieser Stelle lag früher ein Versuchsgut, die Keimzelle des Dorfes Heidmoor, das die damalige Landesregierung dem Kreis Segeberg zugeschlagen hatte.

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 Ende des 19. Jahrhunderts hatten große Waldbrände in dem Gebiet gewütet. Zur Urbarmachung des dabei entstandenen Brachlandes wurden im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangene eingesetzt, danach auch Zuchthäusler. Das Gebiet des heutigen Heidmoor war das Lager III. In den 1920er Jahren kamen hierher die ersten Siedler, sogenannte Baltikumer. Das waren Menschen, denen das deutsche Kaiserreich Land auf dem Baltikum versprochen hatte. Doch nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg kamen sie nun zurück und wurden in Heidmoor „auf armen Böden“ angesiedelt, wie es Autor Trede beschreibt.

 Weil die weiten Flächen in staatlichem Besitz waren, boten sie gute Voraussetzungen für die Gründung des Versuchsgutes Lentföhrden, was weitere Menschen anlockte. So entstanden unter anderem eine Kirche und eine Schule, in der harte Sitten galten. „Sie haben meiner Tochter Anna vor den Osterferien das linke Ohr beinahe ganz losgerissen“, zitiert Trede aus einem Brief eines Vaters an den Dorflehrer. Die Angelegenheit blieb trotz Einschaltung des Schulamtes folgenlos.

 Das gut 600 Ackerland umfassende Versuchsgut Lentföhrden diente dazu, unter wissenschaftlicher Begleitung moderne Anbau- und Viehzuchtmethoden zu erproben. Noch heute gibt es stumme Zeugen dieser Zeit, etwa ein verfallenes Transformatorenhäuschen oder das rostige Eingangstor zum Gefangenenlager an der Straße von Heidkaten nach Heidmoor. Trede zeigt diese Relikte auf Fotos zwischen vielen historischen Aufnahmen von Menschen und Gebäuden dieser Zeit.

 In den 1960er Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, wurden auf dem Versuchsgut sogar Experimente mit künstlich radioaktiv belasteten Pflanzen durchgeführt. Trede schreibt, es ging darum zu messen, wie sich radioaktiver Niederschlag als Folge von oberirdischen Kernwaffenversuchen auswirkt. Die Pflanzen wurden Kühen als Futter gegeben. Ergebnis des Versuchs: Durch die Verwendung spezieller Futterpflanzen ließ sich die Kontamination der Milch verringern.

 In den 1960er Jahren begannen die Planungen für den Großflughafen Kaltenkirchen. Die Flughafengesellschaft Hamburg, die bis heute der Stadt Hamburg und dem Land Schleswig-Holstein gehört, kaufte 1971 die Flächen des Versuchsgutes und weitere Ländereien, insgesamt 2200 Hektar. Die inzwischen leerstehenden Gebäude des Gutes wurden abgerissen. Das gleiche Schicksal erlitten Bauernhäuser in der Umgebung. Die Bewohner wurden umgesiedelt, zum Teil ins heutige Heidmoor.

 Die Gemeinde Heidmoor war am 1. Juni 1951 von der Landesregierung gegründet worden. Damit einher ging die Neuschneidung auch der Gemeindegrenzen von Mönkloh und Weddelbrook sowie der Kreisgrenze Segeberg/Pinneberg. Erster Bürgermeister wurde der Vorsteher des Versuchsgutes, das nunmehr zu Heidmoor gehörte, Walter Seelbach. Durch die Flughafenplanungen wurde die Entwicklung des Ortes schon bald ausgebremst. Ein Planungsstopp brachte alle Neubaupläne zum Erliegen. Sogar die „Gesamtabsiedelung“ wurde erwogen - also die Aufgabe des Dorfes. „Durch die Tatkraft des Bürgermeisters Edo Menken (Vater des heutigen Bürgermeisters Karl Menken) konnte dies verhindert werden“, schreibt Trede. Erst als die Planung des Flughafens gestoppt wurde, konnte Heidmoor eine normale Entwicklung nehmen.

 Gegen den Bau des „Luftkreuz des Nordens“ hatte es eine Protestwelle in der Region gegeben. Auch Bad Bramstedt fürchtete damals um seine Zukunft als Kurort. Die Euphorie der Flughafenbefürworter ebbte mit der ersten Ölkrise ab. Anstatt den Flughafen für Überschalljets auszulegen, wurden die Pläne zusammengestrichen, die Startbahnen verkürzt. Das Aus kam schließlich am 4. November 1980 mit einem Urteil des Verwaltungsgerichts Schleswig, das den Planern die Schaffung rechtswidriger Überkapazitäten vorwarf. Hamburg wollte nämlich Fuhlsbüttel nicht aufgeben. Es war ein Urteil auf unterster Gerichtsinstanz, gegen das Widerspruch möglich gewesen wäre. Doch der blieb mangels politischem Willen aus, das Urteil erlangte Rechtskraft. Die gesamte Region sähe heute fundamental anders aus, wären die Pläne durchgesetzt worden.

 Autor Helmut Trede, Landwirt im Ruhestand, hat bereits acht Bücher zu geschichtlichen Entwicklungen in der Region geschrieben, darüber hinaus unzählige Beiträge, unter anderem in den Heimatkundlichen Jahrbüchern für die Kreise Pinneberg und Steinburg. Seine Neuerscheinung umfasst 700 Seiten. Über 100 größtenteils historische Bildern und Karten ergänzen den Text. Das Werk ist gespickt mit zahlreichen Anekdoten, Erklärungen und Zitaten von Zeitzeugen – eine wahre Fundgrube für Interessierte an der Regionalgeschichte. ben/osp