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Segeberg Jugendamt räumt Fehler ein
Lokales Segeberg Jugendamt räumt Fehler ein
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00:24 09.02.2015
Von Michael Stamp
40 Stunden lang wurde ein Kleinkind in seinem Gitterbett (Symbolfoto) allein gelassen. Mit diesem Bad Segeberger Fall befasste sich am Donnerstag der Jugendhilfeausschuss.
Bad Segeberg

Die Mutter hatte das 17 Monate alte Mädchen für 40 Stunden allein in der Wohnung zurückgelassen - und das Jugendamt hatte den ersten Notruf komplett ignoriert und war der Sache nach einem erneuten Hilferuf nur unzureichend nachgegangen.

 Die 30 Jahre alte Mutter war am 18. November vergangenen Jahres nach Hamburg gefahren und hatte ihre Tochter im Gitterbett zurückgelassen - ohne Nahrung, ohne ein Getränk. Entsprechend schlecht ging des dem Kind, als es am 20. November gegen 15 Uhr von Polizei und Feuerwehr aus seiner verzweifelten Lage befreit wurde. Laut Stankat wurde das Kind umgehend mit Flüssigkeitsinfusionen behandelt und ins Krankenhaus gebracht. Nach drei bis vier Tagen in der Klinik konnte die Kleine entlassen werden. „Das Kind befindet sich seitdem in einer Pflegefamilie“, sagt der Jugendamtschef. Die psychischen Folgen des Zwischenfalls lassen sich noch nicht abschätzen. Die Kriminalpolizei Segeberg ermittelt gegen die Mutter.

 Im Jugendhilfeausschuss ging es nun darum, mögliche Versäumnisse des Jugendamtes aufzuarbeiten. Anders als beim „Kellerkind“-Fall, bei dem die damalige Landrätin Jutta Hartwieg bereits unmittelbar nach Bekanntwerden jegliche Mitschuld ihrer Behörde zurückgewiesen hatte, räumte Jugendamtsleiter Stankat diesmal ein, dass längst nicht alles optimal gelaufen war. Zugleich gab er aber der Nachbarin, die das über Nacht und auch danach weiter schreiende Kind gehört und sich an die Behörde gewendet hatte, eine Mitschuld. Ihr erster Anruf am Mittwoch Mittag sei eine „diffuse Meldung“ gewesen, sagte Stankat. „Der Anruf war nicht so präzise in seinen Auskünften, dass der Sozialarbeiter eine akute Notlage erkennen konnte.“ Folglich habe es auch „kein Handeln des Jugendamtes“ gegeben. Der Mitarbeiter dokumentierte den Anruf aber noch nicht einmal - wie es vorgeschrieben ist - unmittelbar danach, sondern erst wesentlich später.

 Das Schreien des Kindes war für das Jugendamt kein Alarmsignal. „Kleine Kinder weinen, wenn sie krank sind, wenn sie Hunger haben, wenn sie Schmerzen haben“, referierte Stankat. Das sei nichts Besonderes und kein Grund zum Eingreifen.

 Im Laufe des Tages rief die Nachbarin aber erneut an und teilte mit, dass das Kind noch immer brüllt. Daraufhin schauten zwei Jugendamtsmitarbeiter an dem Haus vorbei, klingelten - und hörten die Klingel durch ein auf Kipp stehendes Fenster. Das Kind war zu diesem Zeitpunkt aber gerade einmal ruhig. Daraufhin zogen die Sozialpädagogen unverrichteter Dinge wieder ab, ohne der Sache näher auf den Grund zu gehen. Danach alarmierte die Nachbarin entnervt die Polizei, die wiederum die Feuerwehr hinzuholte. Wehrführer Mark Zielinski stieg über eine Leiter in die Wohnung ein, entdeckte das Kind und ließ die Krankenwagenbesetzung herein.

 Er habe „den Mitarbeitern gewisse Vorhaltungen machen müssen“, sagte Stankat im Jugendhilfeausschuss. Hinter verschlossenen Türen fügte er dann noch hinzu, dass es keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen gegeben habe. Dafür reichte der Fall nicht aus. Erst wenn noch einmal etwas Ähnliches vorkommen sollte, werde man härter durchgreifen.

 Der Fall habe im Jugendamt „Traurigkeit und Entsetzen“ hervorgerufen, erklärte Stankat. Man könne sich sehr lebhaft vorstellen, wie sich das Kind „in die Einsamkeit weint“.

 Um eine Wiederholung auszuschließen, sollen sämtliche Mitarbeiter des Jugendamtes nun für den Umgang mit Notrufen geschult werden. Stankat hat mit der Polizei Kontakt aufgenommen und lässt den Ausbilder, der die Disponenten sämtlicher Einsatzleitstellen in Schleswig-Holstein auf ihren Job vorbereitet, nach Bad Segeberg kommen. Der Experte soll den Sozialpädagogen unter anderem die berühmten „W“-Fragen nahebringen: Was? Wer? Wo? Wann? Wie? Warum? Stankat: „Solch eine Schulung hat, so weit wir wissen, vor uns noch kein Jugendamt gemacht.“