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Segeberg Unvergessen: Saalschlacht mit Neonazis
Lokales Segeberg Unvergessen: Saalschlacht mit Neonazis
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06:56 27.07.2018
Von Stephan Ures
Die Gaststätte Tannenhof in Lentföhrden gibt es seit 1999 nicht mehr. Die damaligen Gastwirte haben das Gebäude an ihren Sohn vererbt. Quelle: Stephan Ures
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Lentföhrden

Rückblick: Am 22. Juli 1978 leisteten sich rund 100 Neonazis und etwa 60 Polizisten einen rabiaten Schlagabtausch in der Gaststätte „Tannenhof“. Die Rechten hatten eine Adolf-Hitler-Gedenktafel enthüllen wollen. Ein Staatsanwalt ordnete an, die Versammlung aufzulösen. Nach einer Saalschlacht beendeten die Ordnungshüter das Treffen, es gab Verletzte auf beiden Seiten und rund 20 Festnahmen.

Mitwirkende an jenem Tag gehörten oder gehören bis jetzt zu bundesweit bekannten Akteuren der Rechtsaußenszene. Einer der damals Festgenommenen war Christian Worch. Der heute 62-Jährige mischte seither in diversen rechten, zeitweise verbotenen Gruppen mit.

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2012 war er in Hamburg Mitbegründer der Partei „Die Rechte“ mit bundesweit ein paar Hundert Mitgliedern. Worch lebt in Parchim und kann sich gut an die Ereignisse im Tannenhof erinnern: „Wir waren auf das Eintreffen der Polizei vorbereitet“, erzählt er, „und hatten unter anderem durchgesägte Besenstiele und eine Kiste mit leeren Bierflaschen bereit gestellt.“ Für den Nationalisten war und ist die Schlägerei bis heute eine „Aktion des Widerstands“ gewesen.

Gastwirt geriet in die Kritik

Lentföhrdens heutiger Bürgermeister Norbert Dähling war damals 28 und wohnte in Neumünster. Er weiß noch, von den Vorfällen im „Spiegel“ gelesen zu haben. Ein gewisser Rechtsdrall war nach seinen Worten noch über viele Jahre an Wahlergebnissen im Ort abzulesen. Nach dem aus dem Ruder gelaufenen Neonazi-Treffen geriet der Gastwirt in die Kritik und hatte im Ort einen schweren Stand, wie Gemeindechronist Norbert Kirstein schildert.

Organisator der Veranstaltung vor 40 Jahren im Tannenhof war Michael Kühnen, seinerzeit 23 Jahre alt und "Gauführer" der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS). In den 1970er und 1980er Jahren verbüßte er mehrjährige Haftstrafen, unter anderem wegen Volksverhetzung. Er starb 1991 an Aids.

1978: Politisch motivierter Terror hatte viele Facetten

Auch wenn es ursächlich nicht am blutigen Abend in Lentföhrden lag: In jenem Jahr 1978 keimte in der bundesdeutschen Nachkriegspolitik die Überzeugung, dass politisch motivierter Terror nicht nur von Linksextremen wie der RAF verübt wurde, sondern auch von Neonazis.

Wie der Zufall es wollte, stellte nur wenige Tage nach der Prügelei der damalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) den aktuellen Verfassungsschutzbericht vor. Er wies erstmals in größerem Umfang darauf hin: Es gibt auch rechtsextreme Gewalttaten. Daran hat sich – siehe NSU – bis heute nichts geändert.

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