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Segeberg Will Neonazi Jugendliche rekrutieren?
Lokales Segeberg Will Neonazi Jugendliche rekrutieren?
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19:48 15.10.2019
Von Thorsten Beck
Auf rund zehn Personen schätzt die Polizei aktuell die rechte Szene, die derzeit in Bad Segeberg für einige Unruhe sorgt. Quelle: Bernd Thissen/dpa
Bad Segeberg

Die beiden Schülerinnen hatten es sich gerade auf einer Bank am Marktplatz bequem gemacht, als der ihnen bis dahin unbekannte Mann mit der Glatze unaufgefordert ebenfalls Platz nahm und sie sofort in ein Gespräch verwickelte. Dessen Inhalt sei dann eher belanglos gewesen, wie sich eine der beiden erinnert. Erst einige Zeit später wurde den beiden Jugendlichen klar, wer der etwas aufdringliche, aber nicht unfreundliche Mann war: ein bundesweit bekannter Neonazi, der bereits mehrfach im Gefängnis gesessen hatte.

Neonazi nahm Kontakt zu Jugendlichen auf

Diese Art der unerwünschten Kontaktaufnahme war in den vergangenen Wochen offenbar kein Einzelfall, wie Recherchen von KN-online ergaben. Auch andere Jugendliche und Heranwachsende erzählen von ähnlichen Erlebnissen, die sie zwar als nicht unmittelbar bedrohlich, aber doch ein wenig unheimlich empfanden.

Bei dem Mann handelt es sich um den 45-jährigen Bernd T., dessen erneutes Auftauchen in Bad Segeberg derzeit für einige Unruhe sorgt. Denn angeblich soll der Mann versuchen, Nachwuchs für ein rechtsradikales Netzwerk zu rekrutieren – eine Art Ableger der aus den USA stammenden rassistischen Vereinigung "Aryan Circle". Auch in einschlägigen Kneipen soll T. unlängst aufgetaucht sein und großspurig angekündigt haben, sich "seine Stadt" zurückholen zu wollen.

Gebürtiger Bad Segeberger saß im Gefängnis

Der bereits mehrfach verurteilte, gebürtige Bad Segeberger hat in seiner Heimatstadt eine lange Geschichte. Ende der 90er Jahre war er einer der Köpfe der so genannten "Kameradschaft Nordmark". Zeitweilig umfasste die extrem rechte Szene in der Kreisstadt über einhundert Angehörige, die meisten von ihnen allerdings eher Mitläufer. Dennoch kam es wiederholt, auch bei Demonstrationszügen durch die Innenstadt, zu teilweise heftigen Zusammenstößen mit der Polizei

Kontakte zum Lübcke-Mörder?

Später verlegte T. seinen Aktionsradius ins hessische Kassel, wo er den "Sturm 18 e. V." mit ins Leben rief. Die Ziffern 1 und 8 stehen dabei für die Buchstaben A und H im Alphabet. Während dieser Zeit soll er auch Kontakt zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) um Beate Tschäpe gehabt haben. Seit Kurzem wird er von den Ermittlungsbehörden indirekt auch mit dem Attentat auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in Verbindung gebracht. Dabei gehe es um persönliche Bekanntschaften.

Neonazi tötete Obdachlosen in Bad Segeberg

In Bad Segeberg hatte er 1993 mit einem Mittäter in den inzwischen abgerissenen Schlichtwohnungen "Am Wege nach Stipsdorf" einen Obdachlosen zu Tode geprügelt und war dafür zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Später gab es Ermittlungen und Verurteilungen unter anderem wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, gefährlicher Körperverletzungen, Bedrohungen und Beleidigungen. Zudem soll er die Misshandlung einer Jugendlichen in Auftrag gegeben haben. 

Seit Juni ist Bernd T. nun angeblich Chef des deutschen Ablegers des "Aryan Circle" (AC) aus Amerika. Enge Kontakte unterhält der 45-Jährige demnach auch zu einem ebenfalls polizeibekannten Neonazi aus dem Segeberger Umland. 

Darüber sprach der Neonazi mit den Jugendlichen

In Bad Segeberg war der 45-Jährige zuletzt mehrfach in Begleitung einer Frau und eines weiteren Mannes aufgetreten. Bei den Kontaktaufnahmen mit Jugendlichen – zumindest denen, die KN-online bekannt gewordenen sind – ging es nicht um politischen Themen, sondern eher um Geplänkel und Einladungen, doch mal gemeinsam etwas trinken zu gehen. Lehnten die Angesprochenen die Offerten ab, zog der Segeberger, der sich zuvor mit seinem richtigen Vornamen als "Bernd" vorgestellt hatte, in der Regel wieder davon. 

Polizei reagiert mit Präsenz in Bad Segeberg

"Wir haben diese Aktivitäten natürlich im Blick", erklärte Polizeihauptkommissarin Silke Westphal, Sprecherin der Direktion Bad Segeberg, auf Anfrage von KN-online. Die Präventionsmaßnahmen seien zuletzt deutlich verstärkt worden: "Wir fahren verstärkt Streifen, setzen aber auch Fußstreifen ein." All das geschehe in enger Zusammenarbeit mit der Kieler Staatsanwaltschaft und dem Spezialkommissariat 5 in Kiel.

Aus dem Umfeld von Bernd T., zu dem die Segeberger Polizei aktuell eine Gruppe von rund zehn Personen zählt, habe es bereits Straftaten gegeben; laut Sprecherin Westphal in erster Linie Bedrohungen. Die Anzeigen lägen bereits bei der Staatsanwaltschaft

Verstärkter Schutz für Synagoge in Bad Segeberg

Nicht zuletzt nach dem Anschlag eines Rechtsextremisten auf eine Synagoge in Halle hat auch die Segeberger Polizei ein noch intensiveres Auge auf ein mögliches Erstarken der Neonazi-Szene. Schließlich gibt es auch in Bad Segeberg eine jüdische Gemeinde mit einem eigenen Gotteshaus. Dort ist es bislang aber zu keinen Zwischenfällen gekommen.

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"Die Ereignisse von Halle haben auch in Schleswig-Holstein zu einer intensiven Lagebewertung geführt", sagte Polizeisprecherin Westphal KN-online. Die Landespolizei stehe im fortlaufenden Austausch mit den Sicherheitspartnern auf Bundesebene. Die jüdischen Einrichtungen seien ohnehin im besonderen polizeilichen Fokus. "Auch wenn aktuell keine Bezüge des Tatgeschehens nach Schleswig-Holstein erkennbar sind und keine konkrete Gefährdung besteht, wurden vorsorglich die erforderlichen polizeilichen Maßnahmen intensiviert." Dies gelte auch für Bad Segeberg.

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