Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Segeberg Warum darf Chatuma nicht zur Schule?
Lokales Segeberg Warum darf Chatuma nicht zur Schule?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 30.01.2019
Von Sylvana Lublow
Chatuma Mamoyan (rechts) und ihre Familie wurden zwei Jahre lang von Flüchtlingshelferin Annemarie Winter begleitet. Quelle: Sylvana Lublow
Anzeige
Boostedt

Die kurdisch-stämmige Familie ist vor sechs Jahren aus Russland in die Niederlande geflohen. In der Heimat hatte ihr Vater Probleme. „Was genau, darüber reden meine Eltern nicht“, sagt Chatuma. Holland lehnte den Asylantrag ab, die siebenköpfige Familie zog sie weiter nach Deutschland. Sie bekam eine Wohnung in Henstedt-Ulzburg, der Asylantrag lief, die Kinder gingen zur Schule.

Chatuma: Von Henstedt-Ulzburg in die Landesunterkunft nach Boostedt

„Wir haben in anderthalb Monaten Deutsch gelernt“, sagt Chatuma, die nahezu fehlerfrei Deutsch spricht. Sie und ihr älterer Bruder kamen aufs Gymnasium in Henstedt-Ulzburg. Doch vor Sommerferien 2018 sollte sich alles ändern. „Wir bekamen einen Brief von der Ausländerbehörde“, erzählt Chatuma. Da der Asylantrag der Familie auf allen Ebenen abgelehnt wurde, sollten sie ihre Sachen packen und in die zentrale Landesunterkunft nach Boostedt ziehen. 

Anzeige

Eine freiwillige Ausreise hatte die Familie offenbar abgelehnt, die Reisedokumente verloren später ihre Gültigkeit. Nun wartet die Familie in der Landesunterkunft in Boostedt auf neue Dokumente aus Russland, ohne die die Familie nicht abgeschoben werden kann. „Auf die Bearbeitungszeit haben wir keinen Einfluss“, sagt Dirk Hundertmark vom Landesinnenministerium.

Nur DaZ-Klassen in der Landesunterkunft Boostedt

„Höchstens zwei Monate sollte es dauern, bis wir zurück nach Russland geschickt werden“, berichtet Chatuma. „Wir dachten, dass das sehr gut passt, weil in Russland am 1. September die Schule wieder beginnt.“ Doch daraus wurde nichts. Die Familie wohnt immer noch in Boostedt: zu siebt in einem Zimmer.

Die nahegelegenen Schulen in Boostedt oder Neumünster dürfen die Kinder nicht besuchen. „Es besteht eine Kooperationsvereinbarung mit dem Land, dass die Kinder aus der Landesunterkunft nicht bei uns beschult werden“, sagt die Leiterin der Gemeinschaftsschule Boostedt, Dagmar Drummen. Ihre Schule ist allerdings verantwortlich für den Unterricht in der Unterkunft. Dort werden in erster Linie DaZ-Klassen unterrichtet.

Gymnasiastin Chatuma hilft das nicht. „Da könnten wir selbst Lehrer sein“, sagt sie.  „Ich verstehe das nicht. In Deutschland hat doch jedes Kind ein Recht auf Bildung. Sind wir schlechter als andere Kinder? Warum darf ich nicht weiter auf ein Gymnasium? Schule ist für mich sehr wichtig“, beklagt sich das Mädchen. „Es ist ein Einzelfall“, betont Hundertmark: „Aber Chatuma ist so leistungsstark, dass sie in Boostedt tatsächlich unterfordert wäre.“

Im Laufe der Recherche hatte das Innenministerium Schleswig-Holstein ein Einsehen: Die Schulaufsicht werde jetzt dafür sorgen, dass Chatuma (15) adäquat beschult wird, wahrscheinlich in einem Gymnasium in Neumünster.

Der Vater von Chatuma leidet unter Depressionen

Die Situation in Boostedt setze der ganzen Familie zu, erzählt Chatuma. „Mein Vater hat eine starke Depression und 20 Kilogramm abgenommen, meine Mama weint ganz oft“, erzählt sie. Seit sechs Jahren ist die Familie nun aus Russland fort, das jüngste Kind ist in Holland geboren. Jetzt wieder zurück zu müssen, ist nicht leicht für die Familie. „Warum durfte die Familie nicht bis zur Ausreise in Henstedt-Ulzburg bleiben?", fragt Annemarie Winter: „Jetzt lebt sie in einem Zimmer und macht seit Monaten nichts.“

Nicole Scholmann 29.01.2019
Michael Stamp 30.01.2019
Einar Behn 29.01.2019