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00:01 19.03.2020
Die natürliche Mitralklappe wird von Sehnenfäden wie ein Fallschirm gehalten. Quelle: UKSH
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Kiel
Prof. Georg Lutter, Oberarzt an der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie des UKSH in Kiel.

Nötig ist für eine solch europaweite Zulassung eine sogenannte CE-Kennzeichnung, die mit Medizin im Grunde kaum etwas zu tun hat. Vielmehr besagt sie, dass das betre ende Produkt „den geltenden Anforderungen genügt, die in den Harmonisierungsrechtsvorschriften der Gemeinschaft über ihre Anbringung festgelegt sind“. Ob es sich dabei um ein Smartphone oder um eine Herzklappe handelt, spielt im Prinzip keine Rolle. Wichtig aber ist laut Prof. Georg Lutter, Oberarzt an der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie des UKSH in Kiel, dass das auch als „Reisepass für den Europäischen Binnenmarkt“ bezeichnete CE-Zertifi kat bescheinigt, dass es sich um ein sicheres Produkt handelt.

Gerade bei Hilfsmitteln, die in den menschlichen Körper eingesetzt werden, ist dieser Aspekt erst recht von Bedeutung. Wobei die entscheidenden Grundlagen für Funktion und Sicherheit des neuen Verfahrens schon lange vorher geschaffen wurden. Prof. Lutter und sein Team begannen bereits im Jahr 2007 damit, bessere Therapiemöglichkeiten für den häufi gsten Herzklappenfehler, die sogenannte Mitralklappeninsu zienz, zu erforschen. Die Mitralklappe ist eine von vier Herzklappen und übernimmt die Funktion eines Ventils, indem sie Blut aus dem Vorhof in die linke Herzkammer strömen lässt. Von Mitralklappeninsu zienz spricht die Medizin dann, wenn diese Klappe nicht vollständig schließt und das Ventil mithin nicht dicht ist. „Ist die Lücke relativ klein, gibt es in der Regel kein gravierendes Problem, lebensgefährlich werden kann es aber bei einer größeren Öffnung“, erläutert Prof. Lutter. Dann nämlich steigt der Druck im Vorhof unter Umständen enorm an und es droht ein Lungenödem. Was aus Sicht des Arztes und Forschers nicht das einzige Risiko ist, denn eine mangelhafte Durchblutung der Organe droht als weitere Folge einer schweren Mitralklappeninsu zienz. Atemnot, Wasser in der Lunge und starke Müdigkeit können auf diese Fehlfunktion des Herzens hinweisen. „Solche Beschwerden sollten unter keinen Umständen auf die leichte Schulter genommen werden“, mahnt deshalb Prof. Lutter.

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Stents: Kleine Bauteile mit großer Wirkung

Um dagegen etwas zu tun, besannen sich Lutter und Kollegen auf ein kleines Bauteil, das in der Kardiologie schon lange gute Dienste leistet: Stents, die zum Beispiel gern bei Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße eingesetzt werden. Die kleinen Drahtgeflechte weiten die Gefäße und sorgen somit wieder für größeren Durchfluss. Während solche Eingri e am UKSH und anderswo längst Routine sind, stellt sich die Methode bei diesem speziellen Herzklappenfehler deutlich di ziler dar. „Die große Herausforderung bei der Entwicklung des neuen Verfahrens war die Tatsache, dass die Mitralklappe sehr beweglich ist und sich zwischen zwei Herzkammern befindet“, erklärt Prof. Lutter. Dort gibt es nach seiner Beschreibung eine starke Muskelbewegung und eine große Strömung, sodass die neue Mitralklappe einen guten Halt zur Fixierung in diesem Bereich aufweisen muss.“ Inzwischen ist das neue Verfahren allerdings so ausgereift, dass selbst schlecht schließende und stark verkalkte Mitralklappen gut behandelt werden können.

Weltweit zum ersten Mal gelungen war dies der Kieler Gruppe bereits im Jahr 2013 und zwar am schlagenden Herzen und nicht mit Hilfe einer Herz-Lungen-Maschine in Amerika. Dank einer ausgeklügelten Vorgehensweise: Das Implantat wurde und wird in einer etwa ein-einhalbstündigen Operation minimalinvasiv durch einen drei Zentimeter kleinen Schnitt im Brustkorb direkt ins Herz geführt. Möglich ist das dank eines Katheters, der zwischen zwei Rippen zum Herzen verläuft. „Der Rest ist dann recht einfach“, erklärt der Professor, denn wenn er erst einmal an der richtigen Stelle angebracht ist, kann der Stent sofort die Funktion der defekten Mitralklappe übernehmen.

So einfach ist es aber auch nur, weil zuvor viele Detailprobleme bedacht und gelöst wurden. In Laborversuchen zeigte sich zum Beispiel, dass sich das Ersatzteil keineswegs leicht befestigen ließ. Die sonst gebräuchlichen Vorrichtungen waren nicht in der Lage, den Stent dauerhaft in der gewünschten Position zu halten. Auch kapitulierten die frühen Prototypen vor den Druckverhältnissen in der Herzkammer. „Die natürliche Mitralklappe wird ja an Sehnenfäden wie ein Fallschirm in der richtigen Lage gehalten“, erklärt Lutter.

Ein weiter Weg bis zur Praxis

Auch wenn mithin schon vor etlichen Jahren der Beweis erbracht war, dass die in Kiel entwickelte neue Herzklappentechnologie praktikabel ist, mussten bis zur jetzt möglichen Anwendung auf breiter Front noch einige Hürden überwunden werden. Der in der Fachwelt zuweilen „Lutter-Klappe“ genannte Stent wurde vom Jahr 2015 an weltweit bei mehr als 300 Patientinnen und Patienten eingesetzt. Mit dabei waren unter anderem herzkranke Menschen in den USA, Australien, Norwegen und Großbritannien. Dabei zeigte sich, dass das Ventil bei 98 von 100 Betro enen auch noch nach einem Jahr absolut dicht schloss. Die Mehrzahl der Patientinnen und Patienten freute sich außerdem nicht nur darüber, dass ihre Herzfunktion besser geworden war, häufi g feststellen ließ sich auch eine Verbesserung ihrer Nierenfunktion. „Insgesamt nahm die Lebensqualität der Betro enen deutlich zu“, bringt es Prof. Lutter auf den Punkt. Die Patientinnen und Patienten bekamen wieder leichter Luft, konnten sich mehr bewegen und fühlten sich rundum viel wohler. Beschrieben wurden diese für die Erkrankten sehr günstigen Resultate unter anderem in dem renommierten „Journal of the American College of Cardiology“.

So sieht der in Kiel entwickelte Stent für die Mitralklappe aus.

Üblicherweise werden defekte Herzklappen auch heute noch durch herkömmliche chirurgische Eingri e ersetzt oder rekonstruiert. Der Brustkorb wird dabei unter Vollnarkose ganz oder teilweise geö net, eine Herz-Lungen- Maschine muss während der Operation die Lebensfunktionen aufrechterhalten. Der von Lutter und seinem Team entwickelte Klappenersatz mittels Katheter kommt vorrangig dann zum Einsatz, wenn dieses normale chirurgische Vorgehen aufgrund von Nebenerkrankungen medizinisch nicht vertretbar ist.

Schon etwas länger leistet das Katheterverfahren an zwei anderen Herzklappen gute Dienste, an der Lungenschlagaderklappe (Pulmonalklappe) und der Hauptschlagaderklappe der Aorta (Aortenklappe). So können am UKSH seit 2008 neue Aortenklappen unter bestimmten Voraussetzungen minimalinvasiv eingesetzt werden. Mehr als 1800 Patientinnen und Patienten wurden bereits auf diese Weise behandelt. Die ersten positiven E ekte spüren sie dabei in der Regel sofort. Weil für die Implantation nur ein kleiner Schnitt und teilweise noch nicht einmal eine Narkose nötig ist, kann die Operationszeit und die körperliche Belastung für die Operierten deutlich reduziert werden. Sehr häufi g sind sie dementsprechend schon nach kurzer Zeit wieder in guter Verfassung und nach wenigen Tagen zu Hause.

Eingehend beraten und versorgt werden am UKSH in Kiel alle Patientinnen und Patienten, die für eine Herzklappe mittels eines Katheterverfahrens in Frage kommen, durch ein spezialisiertes Team der von Direktor Prof. Jochen Cremer geleiteten Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie sowie der Klinik für Innere Medizin III mit den Schwerpunkten Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin mit ihrem Direktor Prof. Dr. Norbert Frey und der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin mit dem kommissarischen Direktor: Prof. Markus Steinfath.

Ein breites Spektrum rund um Herz und Gefäße

Die Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie ist immer dann gefordert, wenn es zu Störungen oder Krankheiten im arteriellen oder zentral-venösen Gefäßsystem kommt. Innerhalb des im Jahr 2012 gegründeten Universitären Gefäßzentrums Nord und in Kooperation mit der diagnostischen Radiologie werden dabei Gefäßerkrankungen interdisziplinär behandelt. Fachlich und technisch arbeitet die Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie auf sehr hohem Niveau, beispielsweise in Kooperation mit den Allgemeinchirurgen, Urologen und Gynäkologen, die alle den da Vinci-Operationsroboter einsetzen, der minimalinvasive Eingri ffe von äußerster Präzision ermöglicht.

Schwere und schwerste Herzerkrankungen werden in der UKSH-Klinik ebenfalls behandelt. Das reicht bis hin zur Transplantation von Herzen und/oder Lungen und dem Einsatz von Kunstherzen für das rechte und linke Herz. Die Kinderherzchirurgie dieser Klinik genießt ein ausgezeichnetes Renommeé, sodass jährlich mehrere Hundert Eltern aus vielen Teilen Deutschlands ihren Nachwuchs in Kiel behandelt lassen. Die meisten Operationen werden dabei an Säuglingen vorgenommen, die jünger als ein Jahr sind.

Text: Martin Geist
Fotos: UKSH
https://www.uksh.de
Telefon: 0431-500-0

18.03.2020
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