Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Gesundheit Anzeige - Eine pfundige Erfolgsgeschichte
Mehr Gesundheit Anzeige - Eine pfundige Erfolgsgeschichte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:01 17.03.2020
Im Jahr 2015 wurde das Team des Adipositaszentrums als erste deutsche Universitätsklinik als Referenzzentrum zertifiziert. Stehend v.l.: Dr. Jan Henrik Beckmann, Dr. Witigo von Schönfels, Dr. Terbish Taivankhuu (alle Chirurgie), Prof. Dominik Schulte (Ernährungsmedizin) und Nicole Holtschneider (Adipositaskoordinatorin Chirurgie). Sitzend: Dr. Alexia Beckmann und Prof. Matthias Laudes (beide Ernährungsmedizin). Quelle: UKSH/CAU
Anzeige

Sich mal eben schlank operieren lassen. So einfach geht es zwar nicht, doch wenn Übergewicht krankhafte Ausmaße erreicht, kann eine Magenoperation tatsächlich das Mittel der Wahl sein. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) werden solche Eingriffe häufig vorgenommen. Mit oftmals auch langfristig großem Erfolg.

Von Adipositas, also Fettleibigkeit, spricht die Medizin, wenn die überflüssigen Pfunde längst nicht mehr nur ein ästhetisches Problem darstellen. Sehr großes Übergewicht führt häufig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, es kann die Leber und andere Organe schädigen, Diabetes verursachen und viele weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen hervorrufen. „Selber schuld“, heißt es im Umfeld von stark Übergewichtigen nach wie vor immer wieder, doch das ist zu kurz gesprungen. Dr. Jan Beckmann, Leitender Oberarzt in der Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie des UKSH in Kiel, stellt klar: „Zu etwa 50 Prozent ist Adipositas genetisch bedingt, und in den anderen Fällen haben wir es oft mit einem komplexen Gemenge von Ursachen zu tun.“ Deshalb ist es nach seiner Überzeugung aus ärztlicher Sicht dringend geboten, alles zu tun, um Betroffenen das Leben im wahrsten Wortsinn leichter zu machen.

Anzeige

Zahlen:

  • 40 beträgt der BMI, ab dem am UKSH ein operativer Eingriff bei Adipositas grundsätzlich in Frage kommt.
  • 80 Prozent der Betroffenen, die sich operieren lassen, sind weiblich. (Was nicht bedeutet, dass Männer weniger unter starkem Übergewicht leiden, sondern dass sie sich seltener aufraffen, einen Eingriff vornehmen zu lassen.)
  • Magenoperationen bringen fast immer sehr gute bis gute Erfolge und im Durchschnitt 70 Prozent Übergewichtsverlust. Sie führen außerdem zu einer deutlichen Verbesserung von Folge- und Begleiterkrankungen und wirken besonders effektiv bei der Therapie des Typ 2 Diabetes.
  • 18 Jahre oder älter sein muss, – von wenigen Ausnahmen abgesehen –, wer sich wegen Adipositas einer Magen-OP unterziehen will. Die meisten, die sich operieren lassen, sind 30 bis 50 Jahre alt.

Sich einer Operation zu unterziehen, ist dazu nicht unbedingt erforderlich. Konservative Behandlungsformen, die auf ernährungsmedizinische und bewegungstherapeutische Begleitung setzen, können immer wieder kleine Wunder bewirken und zu erheblicher Gewichtsabnahme führen. Anfang 2018 hat am UKSH unter Leitung von Prof. Matthias Laudes zusätzlich eine Tagesklinik ihren Betrieb aufgenommen, um Betroffenen ebenso individuell wie interdisziplinär helfen zu können. Auch dort hat sich bereits Vielversprechendes getan, heißt es seitens des UKSH.

„Wenn aber das alles nicht die gewünschten Ergebnisse bringt und eine psychologische Untersuchung ergibt, dass keine Essstörung vorliegt, kommt die Chirurgie ins Spiel“, erklärt Dr. Beckmann. Los ging es einst mit dem Magenband, das dazu dienen sollte, den Magen zu verengen, sich aber auf mittlere bis längere Sicht meist nicht bewährte. Während diese Technik in Kiel überhaupt nicht mehr angewandt wird, sind die Erfahrungen mit den moderneren Methoden weitaus positiver. Etwa 170 bis 180 Mal im Jahr erhalten die Patientinnen und Patienten der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie einen Magenschlauch oder einen Magenbypass. Der Magenschlauch entsteht dadurch, dass ein großer Teil dieses Organs entfernt wird und tatsächlich nur noch ein schlauchförmiger Rest bleibt. Statt ursprünglich etwa 1,5 Liter Fassungsvermögen kann der Magen – der bei Übergewichtigen nicht zwingend größer ist als bei Normalgewichtigen – nach der OP nur noch ungefähr 150 Milliliter aufnehmen. „Das entspricht einem großen Glas Wasser“, beschreibt Beckmann die Dimension.

Bekommt der Magen hingegen einen Bypass, wird er unterteilt und zum großen Teil stillgelegt. Der obere Dünndarm und Zwölffingerdarm wird dabei vollständig umgangen, sodass die Verdauung erst später einsetzen und der Körper entsprechend geringere Mengen an Nährstoffen aufnehmen kann.

Der Effekt ist jedenfalls bei beiden Methoden ähnlich: Im Durchschnitt verlieren die Operierten nach ein bis zwei Jahren durchschnittlich 70 Prozent ihres Übergewichts, erläutert Chirurg Beckmann. Und das entgegen weitverbreitetem Glauben nicht so sehr wegen des reduzierten Magenvolumens, sondern weil sich dank der OP der gesamte Stoffwechsel positiv umstellt.

Diese Form der Therapie gilt damit zwar laut Beckmann als „äußerst effektiv“, bedeutet aber nicht, dass die Betroffenen plötzlich gertenschlank daherkommen. Eine 40-jährige Frau, die zum Beispiel 1,70 Meter groß ist und einen Body Mass Index (BMI) von 40 vorweist, würde 115 Kilogramm auf die Waage bringen und mithin 45 Kilo Übergewicht aufweisen. Dank eines chirurgischen Eingriffs könnte sie also etwa 30 Kilo abnehmen, würde dann aber immer noch 80 bis 85 Kilo wiegen.

Aus medizinischer Sicht bedeutet zudem selbst eine noch so erfolgreiche Operation keine Heilung, denn die Neigung zum krankhaften Dicksein bleibt bestehen. Ideal ist es laut Dr. Beckmann, wenn Betroffene einige Wochen vor dem Eingriff durch Ernährungs- und Bewegungstherapie vorbereitet werden. Danach wird eine lebenslange ernährungsmedizinische Anbindung dringend empfohlen. Dies bietet das Zentrum am UKSH an. Leider ist die Finanzierung durch die KK bisher nicht klar geregelt, sodass hier Versorgungslücken bestehen. Zum Teil kann der Kontakt zu Selbsthilfegruppen oder Sportvereinen mit entsprechenden Angeboten hilfreich sein.

Text: Martin Geist
Fotos: UKSH/CAU
https://www.uksh.de
Telefon: 0431-500-0