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00:01 20.03.2020
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Kiel

Dass erkrankte oder verletzte Menschen seltener und wenn, dann kürzer stationär versorgt werden, empfi nden sie zum überwiegenden Teil als großen Vorzug. „Wer legt sich schon gern ins Bett, wenn es auch anders geht“, begründet das Dörthe Deutschbein, die als Klinikmanagerin am UKSH Kiel für die Ambulanzen zuständig ist. Ihre Kollegin Nadja Buddrus, die in Lübeck für diesen Bereich Verantwortung trägt, betrachtet zudem die Ursachen für die wichtiger gewordene Rolle der ambulanten Versorgung als für die Patientinnen und Patienten ebenfalls sehr angenehm: „Medikamente sind heute oft wesentlich besser verträglich als früher und haben weniger Nebenwirkungen. Und bei Operationen machen es die minimalinvasiven Verfahren und andere technische Verbesserungen möglich, dass die Leute nicht mehr wie früher eine ganze Woche, sondern oft nur noch ein paar Stunden in der Klinik bleiben müssen.“

Zutre end ist das gerade auch für schwerere Krankheiten wie Krebs. Weniger Chemotherapie, dafür mehr medikamentöse Verfahren oder Immuntherapie, das bedeutet für die Erkrankten ein deutlich besseres Wohlbefi nden und ist eher selten Grund, sich länger im Krankenhaus aufzuhalten. Teilweise, so betont Dörthe Deutschbein, bieten die Ambulanzen sogar Behandlungszeiten in den Nachmittagsstunden an, sodass unter Umständen durchaus auch einer Berufstätigkeit nachgegangen werden kann.

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Mit den umfangreichen Neubauten an beiden Standorten des UKSH haben sich die Hochschulambulanzen, die mit ihrer Arbeit die kürzeren Klinikaufenthalte erst möglich machen, erheblich verändert. Orientiert hat sich das Klinikum dabei an Facharztzentren der niedergelassenen Ärzteschaft, erläutert Dörthe Deutschbein. Helle und freundliche Wartebereiche gehören dazu, wichtig ist außerdem die Trennung des Backo ce, in dem zum Beispiel Termine vergeben werden, von Bereichen, in denen persönlicher Kontakt mit Patienten stattfi ndet. „Wenn die Menschen im Wartebereich mithören, was mit anderen am Telefon besprochen wird, ist das schon vom Datenschutz her problematisch“, erklärt die Kieler Klinikmanagerin.

Ein wichtiger Aspekt ist der Datenschutz ebenfalls beim neuen Aufrufsystem. Zur Untersuchung oder Besprechung werden die Patienten in der Regel nicht mehr namentlich per Zuruf gebeten, sondern ähnlich wie bei der Kfz-Zulassung über eine aufl euchtende Nummer. Wer in welche Ambulanz will und damit womöglich welches Leiden hat, ist damit nicht mehr nachvollziehbar. Wie das neue System funktioniert, zeigt sich im Ende 2019 erö neten neuen Zentralklinikum an der Ratzeburger Allee in Lübeck so: Patienten, Besucher und Beschäftigte gelangen zunächst in die mehr als 400 Quadratmeter große Magistrale im Erdgeschoss. Dort fi nden sie einen Informationstresen vor, aber auch Bistros und Einkaufsmöglichkeiten. Von hier aus gelangt man außerdem zu den Normal- und Intensivstationen und den Ambulanzen samt dem Ambulanz-OP.

In Lübeck wurde das neue Zentralgebäude Ende 2019 erö net, in Kiel bereits ein paar Monate früher. Gemeinsam sind beiden Häusern sogenannte Self-Check-in-Terminals, an denen sich auch die Besucher der Ambulanzen anhand ihrer elektronischen Gesundheitskarte anmelden. „Das ähnelt ein Stück weit der Anmeldung im Flughafen“, beschreibt es Nadja Buddrus, die zugibt, das diese Prozedur für manche Patienten durchaus gewöhnungsbedürftig ist. Anderseits ist Fakt: „Wer häufi ger kommt, hat damit unabhängig vom jeweiligen Alter überhaupt keine Probleme, aber große Vorteile.“

Dörthe Deutschbein managt die Ambulanzen auf dem Campus Kiel.

Entscheidend ist, dass der neue Check-In nicht nur zur Anmeldung gut ist, sondern zugleich ein Tagesprofi l ausgibt. Wann und wo welche Untersuchung entsteht, das können die Patienten einem dezidierten Ablaufplan entnehmen, in dem sogar schon die Wegezeiten von einer zur anderen Stelle einkalkuliert sind. Noch an einem provisorischen Platz im Altbau neben dem neuen Zentrum läuft der Self- Check-In Kiel, Mitte Mai soll das Ganze aber auch im Zentralgebäude stattfi nden, wie das in Lübeck bereits der Fall ist.

Was aber passiert, wenn jemand mit der modernen Technik partout nicht klarkommt? Dann sind freundliche Menschen des UKSH zur Stelle – und zusätzlich junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten und als Kliniklotsen im Einsatz sind. Nachdem klar wurde, dass gerade Erstbesucher doch immer wieder mit der Technik und überhaupt mit der räumlichen Neuordnung Probleme haben, sei gerade dieser Service noch einmal ausgebaut worden, berichtet Dörthe Deutschbein.

Trotzdem sind immer mal wieder Stimmen zu hören, die bedauern, dass nicht alles so geblieben ist, wie es früher war. Dem halten die beiden Klinikmanagerinnen entgegen, dass die Ambulanzen des UKSH hauptsächlich aus den genannten erfreulichen Gründen mehr und mehr Patienten in der gleichen Zeit zu betreuen haben. Allein in Kiel sind die Fallzahlen von 2018 auf 2019 um fünf Prozent gestiegen. Dass sich das so ähnlich fortsetzt, dafür sprechen schon neuere gesetzliche Regelungen, die dem Grundsatz ambulant vor stationär folgen. Der Megatrend zur „Ambulantisierung der Medizin“, wie es Dörthe Deutschbein formuliert, ist aber auch zum Teil dem zwar bedauerlichen, doch zumindest auf die Schnelle kaum zu ändernden Problem geschuldet, dass es in der Pfl ege wie im ärztlichen Bereich schlichtweg an Fachkräften mangelt.

So oder so hat sich das neue System der Ambulanzen aus Sicht der beiden zuständigen UKSH-Mitarbeiterinnen in verhältnismäßig kurzer Zeit recht gut bewährt. Einige (auch bauliche) Tücken stecken noch im Detail, die Abläufe aber greifen schon gut ineinander, stellen sie fest. Das wiederum dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass schon seit dem Jahr 2016 begonnen wurde, das neue Konzept in den alten Ambulanzen zu trainieren.

Klar ist dabei, dass die Modernisierung und damit die Digitalisierung weitergeht. Termine können sich Patientinnen und Patienten bisher per Telefon, Fax oder Mail geben lassen, zumindest als Pilotversuch soll im Lauf des Jahres eine Online- Terminierung mit persönlichem Login auf den Weg gebracht werden.

Auf dem Fuße folgen könnten dann Innovationen von echtem Mehrwert. Kombiniert mit einer App wäre es künftig möglich, die Patienten jederzeit auf aktuellem Stand zu halten, etwa wenn sich ein OP-Termin verschiebt, weil der Chirurg unerwartet noch mit einem anderen Eingri beschäftigt ist. Bis das allerdings läuft, wird das eine oder andere unerwartete Ereignis noch eine gewisse Weile wie gehabt analog daherkommen.

Warum die Menschen zur Ambulanz kommen

Fachärztliche Praxen, so sollte man meinen, gibt es hierzulande eigentlich genug. Doch der Fall liegt komplexer, sodass die Ambulanzen des UKSH in Kiel und Lübeck stark in Anspruch genommen werden. Häufi g waren die Besucher tatsächlich bereits beim Facharzt, wollen sich aber zu dessen Diagnose oder Therapievorschlag eine zweite Meinung einholen. Manchmal verhält es sich nach Erfahrung der Klinikmanagerinnen Dörthe Deutschbein aus Kiel und Nadja Buddrus aus Lübeck allerdings genau andersherum: Es konnte keine Diagnose gefunden werden, sodass die weitreichenden Möglichkeiten und Kompetenzen eines Universitätsklinikums gefordert sind. Dann gibt es noch Fälle, in denen zwar eine Diagnose erstellt wurde, das festgestellte Leiden aber so speziell ist, dass in Sachen Therapie abermals das UKSH ins Spiel kommt. Und schließlich passiert es immer wieder, dass sich etwa bei Rheuma, Multipler Sklerose oder anderen chronischen Krankheiten der Zustand verschlechtert. Das löst entsprechende Ängste aus und führt dazu, dass sich die Betro enen umgehend medizinischen Rat suchen.

Der ist schon rein zahlenmäßig in Hülle und Fülle vorhanden. Am UKSH werden ungefähr 200 regelmäßige Ambulanz-Sprechstunden angeboten, die sich je nach Zählweise auf zwölf bis 14 Ambulanzen verteilen. Das Spektrum ist mehr als vielfältig. Es reicht von der Schwindelambulanz der Neurologie oder der Sprechstunde zur Plastischen Chirurgie der Augenklinik in Lübeck bis zur HIV-Ambulanz oder dem Kinderwunschzentrum in Kiel. Neu ist aktuell eine gemeinsame Transplantationsambulanz für Niere und Leber, sodass die bisherige Trennung nach Organen aufgehoben wird. Wesentliche Angebote wie Ambulanzen für Krebserkrankte oder zu Herzproblemen und vielem mehr gibt es selbstverständlich an beiden Standorten.

In Kiel und in Lübeck befi nden sich zwar mittlerweile die meisten Ambulanzen in den Hauptgebäuden, einzelne Ambulanzen sind aber weiterhin dezentral angesiedelt. Sinnvoll erscheint das unter anderem in der Onkologie, die ohnehin eigene Zentren betreibt und außerdem therapeutisch sehr spezialisiert vorgeht.

Vorbereitende Arbeiten in der Ambulanz.

Unterdessen gestalten sich die Wartezeiten je nach medizinischem Bereich zuweilen äußerst unterschiedlich. Die Spanne erstreckt sich von drei Wochen in der Chirurgie bis zu sechs oder sieben Monaten in der Neurologie. Die sehr langen Fristen in der Neurologie haben laut Dörthe Deutschbein und Nadja Buddrus vor allem strukturelle Ursachen, an denen das UKSH wenig rütteln kann. Besonders die sprechende Medizin sei über Jahre hinweg von der Honorierung her sehr vernachlässigt worden, sodass niedergelassene Ärzte, die sich in den eher psychischen Erkrankungen beziehungsweise die Bewegungsstörungen betre enden Bereiche der Neurologie engagierten, kaum noch Nachfolger fanden, wenn sie sich zur Ruhe setzten. Zugleich nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen immer mehr zu. „Dass es dann am UKSH zu langen Wartezeiten kommt, ist leider kein Wunder“, bedauert Klinikmanagerin Dörthe Deutschbein.

Text: Martin Geist
Fotos: UKSH
https://www.uksh.de
Telefon: 0431-500-0