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00:01 14.03.2020
Prof. Claudia Baldus (rechts) und Oberärztin Dr. Dominique Wellnitz besprechen in der Therapieambulanz des Karl-Lennert-Krebscentrums Nord mit einer Patientin die weitere Vorgehensweise. Quelle: Geist, Hermsen
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Kiel

„In der Immuntherapie von Tumorerkankungen bewegt sich ausgesprochen viel“, beschreibt Claudia Baldus einen wichtigen Aspekt der aktuellen Forschung und zugleich auch der Therapie am Krankenbett. Unterstrichen wird diese Aussage durch die Tatsache, dass der Medizin-Nobelpreis 2018 an zwei Forscher ging, die sich exakt auf diesem Gebiet betätigen. Der US-Amerikaner James P. Allison wurde dafür belohnt, dass er eine Eiweißverbindung entdeckte, die die Immunreaktion gegen Krebszellen bremst und daraus eine Antikörpertherapie entwickelte, die diese Bremse löst. Der Japaner Tasuku Honjo kam derweil dem Rezeptor PD-1 auf die Spur. Dieser Rezeptor hemmt die für die Bekämpfung von Tumorzellen zuständigen T-Zellen und kann nun dank Honjos Forschungen ebenfalls mit einem Gegenmittel bekämpft werden.

Prof. Claudia Baldus ist Direktorin der Klinik für Innere Medizin II, Hämatologie und Onkologie in Kiel.

„Normalerweise verfügt der Körper über ein sehr gut funktionierendes Immunsystem, das immer dann tätig wird, wenn fremde Eindringlinge unerwünschte Prozesse auslösen wollen“, beschreibt Prof. Baldus den Zusammenhang. Jedoch gilt auf der anderen Seite: „Die Tumorzellen sind schlau und legen die Immunzellen lahm.“ Nahe liegt es unter diesen Umständen für die medizinische Forschung, nach Möglichkeiten zu suchen, die Täuschungsmanöver der Tumorzellen zu überwinden und dem Immunsystem wieder auf die Sprünge zu helfen.

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Wie aber schaffen es Krebszellen überhaupt, unter dem Abwehrradar des Körpers hindurch zu schlüpfen? Einerseits, so erklärt der Lübecker Onkologe Prof. von Bubnoff, weisen diese gefährlichen Zellen oft kaum eindeutige Merkmale auf, die sie entlarven könnten. Andererseits sind sie in der Lage, sich schnell zu verändern und können sich im Zweifel von Neuem „unsichtbar“ machen, selbst nachdem sie schon entdeckt worden sind.

Mit ordentlich Vitamin C zur Stärkung des Immunsystems ist es angesichts solch gewiefter Gegner nachvollziehbarerweise nicht getan. „Dazu sind schon äußerst passgenaue Substanzen nötig“, betont Prof. von Bubnoff. Die jeweiligen Baupläne sind dabei zwar unterschiedlich, oft aber läuft es auf Antikörper hinaus, die sehr gezielt in der Lage sind, eine wirksame Abwehr gegen Krebszellen zu reaktivieren. Dass Immuntherapien erfolgreich sein können, zeichnet sich laut Claudia Baldus immer mehr ab: „Erste Langzeit-Daten liegen vor und zeigen, dass die Patientinnen und Patienten deutlich profitieren.“ Sogenannte Checkpoint- Inhibitoren, die in der Lage sind, das gebremste Immunsystem wieder in Fahrt zu bringen, wirken beispielsweise besonders gut gegen Melanome. Auch beim gefürchteten Lungenkrebs bewährt sich die Immuntherapie nach den bislang vorliegenden Zahlen, wobei allerdings Heilung weiterhin schwierig bleibt. Von einem onkologischen Allheilmittel ist die Immuntherapie noch ein gutes Stück entfernt. Bei Darmkrebs profitiert nach Angaben von Claudia Baldus bisher „nur ein ganz kleiner Teil der Erkrankten“ von Immuntherapieverfahren, zunehmend wichtig wird diese Therapie aber bei der Behandlung von Tumoren an Blase, Niere oder im Hals-Nasen-Ohren- Bereich. Bei der Behandlung von Leukämien und Lymphomen bringen neuartige Immuntherapieverfahren zudem klare Fortschritte.

Die Dynamik in Sachen Immuntherapie sei ungebrochen, befinden Baldus und von Bubnoff. Einerseits werden die Verfahren an sich immer weiter verfeinert und ausdifferenziert, andererseits gelten darüber hinaus diverse Formen der Kombinationstherapie als noch lange nicht ausgereizt. Konkret geht es darum, Immuntherapie beispielsweise mit Chemotherapie oder Bestrahlung zu verbinden. Weil es unter dem Stichwort individualisierte Medizin immer besser möglich ist, herauszufinden, welche Wirkstoffe, Dosierungen und Kombinationen dem einzelnen Patienten oder der einzelnen Patientin am besten helfen können, bietet gerade auch dieses Feld erhebliche Potenziale.

Ebenfalls differenziert fällt die Antwort auf die Verträglichkeit von Immuntherapien aus. Zwar gelten die bisherigen Erfahrungen nicht als alarmierend, doch muss das Thema nach Meinung von Claudia Baldus „genau im Blick“ behalten werden. „Grundsätzlich besteht die Gefahr der Aktivierung des Immunsystems darin, dass sich die Immunzellen auch gegen den eigenen Körper richten können“, bestätigt Nikolas von Bubnoff. Hautausschläge oder auch Darmentzündungen können demnach durchaus Probleme bereiten, lassen sich aber auf der anderen Seite etwa durch Behandlung mit Cortison oft recht gut unter Kontrolle bringen.

Zu behaupten, dass angesichts der unterm Strich ganz überwiegend positiven Erfahrungen der Immuntherapie die Zukunft gehört, wäre indes eine Übertreibung. Kaum Zweifel hegt die Medizin aber daran, dass dieses Verfahren ein wichtiger Teil der Zukunft sein wird. Oder wie es Prof. Baldus formuliert: „Es tut sich extrem viel, und es wird immer differenzierter.“

Das Karl-Lennert-Krebscentrum Nord in der Kieler Feldstraße wurde im Frühjahr 2013 eröffnet.

Zelluläre Immuntherapie

Eine besondere Form der Behandlung von Krebs mithilfe des körpereigenen Abwehrsystems ist die zelluläre Immuntherapie. Während sonst Substanzen entwickelt werden, die es schaffen, die von den Tumorzellen vermittelten Bremsen in der Körperabwehr zu lösen, setzt diese Methode an den Zellen selbst an. Die in den USA entwickelte CAR-T-Zell-Therapie ist hierzulande erst seit kurzer Zeit verfügbar und setzt scharfgeschaltete Immunzellen (modifizierte T-Zellen) als Waffe ein.

Hintergrund ist hier ein zugrundeliegender Angriff auf die B-Zellen, die normalerweise im gesunden Körper die Bildung von Antikörpern übernehmen. Werden diese B-Zellen durch den Krebs verändert, so können sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. Ziel ist es deshalb, die Zellen im Labor genetisch scharf zu schalten. Angewandt wird diese Technik auf dem Campus Kiel seit Sommer 2019 bei bestimmten B-Zell-Leukämien oder -Lymphomen. Sie gilt als sehr effektiv, aber auch als sehr teuer und nur für wenige Krebskranke geeignet. Zugelassen ist die CART- Zell-Therapie nur in speziellen Zentren, in Schleswig-Holstein ist das UKSH am Standort Kiel das einzige dieser Art.

Der Aufwand für diese Therapie ist erheblich. Die dem Patienten oder der Patientin entnommenen T-Zellen werden in tiefgefrorener Form in die USA geflogen, dort durch Gen-Modifizierung scharf geschaltet, um dann noch einmal tiefgefroren und schließlich der erkrankten Person per Infusion verabreicht zu werden. Im Idealfall sollen sich die T-Zellen im Patienten eigenständig vermehren und die Krankheit praktisch als „lebendige Arznei“ unter Kontrolle halten.

Bei der gesamten Prozedur ist allerdings größte Vorsicht angesagt. „Die genetisch behandelten T-Zellen können so zerstörerisch werden, dass sie übers Ziel hinausschießen und schwere Nebenwirkungen hervorrufen“, beschreibt Prof. Baldus das Risiko. Praktiziert wird die CAR-T-Zell- Therapie nur in schweren Fällen und selbstverständlich nur bei Erkrankungsformen, die sich dafür eignen. Seit Sommer vergangenen Jahres hat das Uniklinikum acht Betroffene behandelt, darunter zwei an Leukämie erkrankte Kinder. Berechtigte Hoffnungen auf das Verfahren – und auch auf mögliche Ausweitungen des Prinzips über die Behandlung von Krebserkrankungen hinaus – scheinen durchaus angebracht. Die verantwortlichen Fachleute am UKSH halten sich mit Prognosen jedoch zurück, weil schlicht und einfach noch keine Langzeiterfahrungen vorliegen.

Karl Lennert

Das Karl-Lennert-Krebscentrum in der Feldstraße 21 in Kiel verdankt seinen Namen einem berühmten schleswig-holsteinischen Arzt und Wissenschaftler. Prof. Lennert (1921-2012) wurde vor allem bekannt durch die sogenannte „Kiel Classification“, die er ums Jahr 1975 aufzubauen begann. Erfasst und nach einem von Lennert erdachten System klassifiziert wurden darin maligne Lymphknotentumore (Non-Hodgkin-Lymphome). Die „Kiel Classification“ setzte sich in ganz Europa durch.

Seit dem Jahr 2013 erinnert das Karl-Lennert-Krebscentrum Nord an den bedeutenden Wissenschaftler. In dem Gebäude vernetzen sich Einheiten als Portalambulanz die Kliniken für Strahlentherapie, Nuklearmedizin und Diagnostische Radiologie sowie die Interdisziplinäre Chemotherapie-Ambulanz der Klinik für Innere Medizin II. Damit wurde ein interdisziplinäres onkologisches Zentrum geschaffen, das einen wichtigen Baustein in der onkologischen Behandlung am UKSH darstellt.

Text: Martin Geist
Fotos: Geist, Hermsen
https://www.uksh.de
Telefon: 0431-500-0