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00:01 21.03.2020
Quelle: Rechts ist die lagebedingte Deformation des kindlichen Schädels deutlich zu erkennen.
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Kiel

„Dafür können verschiedene Ursachen in Frage kommen“ erläutert Prof. Jörg Wiltfang, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Eine der Hauptursachen ist demnach eine angeborene Schädelverformung, die auf einer vorzeitigen Verknöcherung der sogenannten Schädelnähte beruht. Viel häufi ger ist allerdings die Formveränderung des kindlichen Schädels nicht angeboren, sondern lagebedingt, wie es im Fachbegriff heißt. Das bedeutet: Das Problem ist nicht genetisch verursacht, sondern beruht darauf, dass der Kopf des Kindes falsch beziehungsweise ungünstig liegt oder gelegen hat.

Aufgebaut ist der Schädel aus knöchernen Platten, die durch die sogenannten Schädelnähte miteinander verbunden werden. „Das verhält sich ähnlich wie mit Eisschollen auf dem zufrierenden Meer, die gegeneinander driften können, solange das Meer entlang der „Nähte“ zwischen den Schollen noch nicht gefroren ist“, beschreibt es der Leitende Oberarzt Dr. Henning Wieker, ebenfalls aus der MKG.

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Skaphozephalus
Der Skaphozephalus (Foto links), auch Kahnschädel genannt, ist die häufi gste Form der Kraniosynostose. Das rechte Bild zeigt eine Plagiozephalie, eine asymmetrische Abfl achung des Hinterkopfes.

Ebenso wie die Schädelplatten sind beim Menschen auch die Schädelnähte in den ersten Lebensmonaten noch offen und weich. Aus gutem Grund. Dieses fl exible System gewährleistet, dass sich der Schädel weit genug ausdehnen kann, damit das Gehirn im ersten Lebensjahr rasch wachsen kann, um alle wichtigen Funktionen entwickeln und übernehmen zu können.

Diese weichen knöchernen Platten sollen sich also anpassen und vom Gehirn in seinem Wachstum entlang der Schädelnähte umformen lassen. „Leider kann es daher auch durch sanften, aber steten Druck von außen zu einer Formveränderung des Schädels kommen, die nichts mit einer vorzeitigen Verknöcherung der Schädelnähte zu tun hat“, beschreibt Prof. Wiltfang das Problem, das oft einer erworbenen Deformation zugrunde liegt und aus nachvollziehbarer Ursache gar nicht so selten aufritt. „Seit die Bauchlage als einer der Hauptrisikofaktoren für den plötzlichen Kindstod ausgemacht wurde, werden die Kinder konsequent auf dem Rücken oder etwas seitlich ins Bettchen gelegt“, erklärt der Experte der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Das führt nach seinen Worten zwar glücklicherweise zu einem Rückgang der Fälle von plötzlichem Kindstod, bleibt aber nicht ganz ohne Folgen. Durch eine ganz konsequente – durchaus schützende und richtige – Rückenlagerung kann es dazu kommen, dass sich der kindliche Schädel zumeist am Hinterhaupt etwas abfl acht, häufi g etwas seitlich. Dann entwickelt sich langsam eine „Schokoladenseite“, weil das Kind den Kopf lieber auf die ohnehin schon abgefl achte Seite legt und ihn nur mit einer gewissen Kraftanstrengung aus dieser Position herausdrehen kann. „Es bildet sich ein Kreislauf, der dazu führt, dass die ohnehin fl ache Stelle über eine Bewegung in den Schädelnähten eine zunehmende Asymmetrie des Kopfes, der Ohrenposition und schließlich des gesamten Gesichtes auslöst“, beschreibt Jörg Wiltfang das drohende Verhängnis. Dem können die Fachleute am UKSH allerdings mit unterschiedlichen Methoden entgegenwirken. Allen gemein ist, dass keine Operation nötig ist, also die sogenannten konservativen Verfahren zum Ziel führen. Am einfachsten ist die Vorbeugung einer lagebedingten Schädeldeformität, indem das Kind, etwa unter Anleitung der Hebamme, tagsüber gelegentlich auf dem Bauch zu liegen lernt. Diese „Bauchzeit“ bereitet Säuglingen durchaus Wohlbehagen, und auch gegen ein gelegentliches Nickerchen in Seitenlage haben die Kleinsten gewöhnlich nichts einzuwenden. Tagsüber können die Kleinen außerdem gut im Blick gehalten werden, sodass bei eventuellen Atemaussetzern schnell eingegriffen werden kann. Sollte sich trotz Vorbeugung durch verteilten Druck dennoch eine leichte Schädeldeformität im Sinne einer „Schokoladenseite“ zeigen, so kann der Besuch beim Osteopathen ausreichend sein. „Der kann dann oft wirksame Mobilisations- und Lagerungstechniken vermitteln, damit sich das nach und nach reguliert“, erklärt Wieker.

rofessor Wiltfang, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.
Professor Michael Synowitz ist Direktor der Klinik für Neurochirurgie.

Liegt allerdings eine schwerere Deformität vor oder hat sich diese rasch entwickelt, so ist eine klinische Vorstellung über den behandelnden Kinderarzt zu empfehlen. Eine spezialisierte interdisziplinäre Sprechstunde dazu halten am UKSH Kiel seit Jahren auch die Klinik für Neurochirurgie unter Verantwortung von Direktor Prof. Michael Synowitz und Oberärztin Dr. Gesa Cohrs sowie die Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie und plastische Operationen unter Regie von Prof. Wiltfang und Oberarzt Dr. Dr. Henning Wieker vor. Dank solch vereinter Bemühungen und entsprechender diagnostischer Möglichkeiten kann rasch bestimmt werden, ob es sich möglicherweise um eine schwerwiegendere lagebedingte Schädeldeformität handelt. „Auch die muss nicht operiert werden, sondern man kann sie meist sehr gut konservativ mit einem Helm behandeln“, betont Prof. Synowitz. Eine Helmtherapie oder genauer die Behandlung mit einer sogenannten Kopf-Orthese kommt jedoch für die große Mehrheit der mittelschweren bis schwerwiegenden lagebedingten Schädeldeformitäten in Frage. Nachweislich bewährt hat sich diese Methode in den vergangenen Jahren nach dem Ergebnis zahlreicher Studien, auch aus dem UKSH Kiel. Außerdem wird der Helm von den Kindern gut akzeptiert und von den Eltern als wenig beeinträchtigend empfunden.

Damit der Helm seine Funktion wirksam erfüllt, wird zunächst kurz ein 3D-Foto angefertigt, um daraus die Kopfform des Kindes zu berechnen, dreidimensional zu visualisieren und auszuwerten. Diese als Scan bezeichnete 3D-Fotoanalyse stellt die objektiv-technische Grundlage für die Klärung der weiteren Behandlungsnotwendigkeit und die individuelle Anfertigung der Kopf-Orthese dar. Gewöhnlich wird das Hilfsmittel danach etwa sechs Monate täglich getragen. Der Helm nimmt die Last von den abgefl achten Stellen, bietet dem Schädel Entwicklungsmöglichkeiten und lenkt mit der natürlichen Größenzunahme des Gehirns langsam und stetig das Wachstum des Schädels in die gewünschten Bereiche. Auch optisch sind die Folgen überzeugend. Kopf und Gesicht erscheinen symmetrischer, und das nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv, wie die zur Kontrolle aufgenommenen 3D-Foto-Scans zeigen.

Wenn der Schädel zu schnell zusammenwächst

Hilfreich kann ein Helm unterdessen nicht nur in der konservativen Therapie sein, sondern auch bei der sogenannten Kraniosynostose, die schätzungsweise bei einem von ungefähr 2000 Kindern auftritt. Bei dieser Fehlbildung verknöchern die Nähte des Schädels frühzeitig, und das führt nicht nur zu optischen Beeinträchtigungen. „Viel gefährlicher ist, dass negative Folgen für das Gehirn selbst drohen“, warnt Prof. Synowitz. Konkret können solche Hirnschädigungen je nach betroffenem Bereich Störungen der Sprache, der Motorik, der kognitiven Fähigkeiten oder andere schwerwiegende Beeinträchtigungen hervorrufen.

Damit das nicht passiert, sollten die Kinder frühzeitig in den interdisziplinären Sprechstunden der Kliniken für Neurochirurgie und Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie vorgestellt werden. „Eine Behandlung muss frühzeitig eingeleitet werden, um sich den noch weichen Schädelknochen und das große Wachstumspotenzial des Gehirns zu Nutze machen zu können, begründet Prof. Synowitz den Zeitdruck. Wird dagegen früh genug etwas unternommen, sind die therapeutischen Möglichkeiten erheblich. Am Kieler Uniklinikum hat sich ein interdisziplinäres Team um die Neurochirurgin Dr. Gesa Cohrs und Oberarzt Dr. Hajrullah Ahmeti aus der Klinik für Neurochirurgie und Prof. Wiltfang sowie OA Dr. Wieker aus der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie auf operative Techniken zur Behebung der Kraniosynostose spezialisiert und erzielt damit sehr gute Erfolge. Zu Werke gegangen wird dabei mit dem Endoskop, das an lediglich zwei Stellen unter der Haut ansetzt, um die zu früh verwachsenen Verbindungen zwischen den Schädelplatten wieder zu lockern. „Dank dieser minimalinvasiven Technik ist der Heilungsverlauf meistens sehr gut, und es bleiben auch keine sichtbaren Narben zurück“, erläutert Dr. Cohrs.

Allerdings ist das Problem aber auch nach dieser Operation, die in Deutschland bislang erst von relativ wenigen Kliniken angeboten wird, noch nicht vollständig überstanden. Die betroffenen Kinder müssen ebenfalls im Anschluss genau wie ihre Altersgenossen mit erworbenen Deformationen über mehrere Monate hinweg einen Helm tragen, der dem Schädel die Richtung fürs Zusammenwachsen vorgibt.

Unterm Strich ist aber bei der Kraniosynostose all das nicht zu vergleichen mit den Folgen, die zu langes Abwarten hätte. Dann bliebe nichts anderes übrig, als die bereits fest zusammengewachsene Schädeldecke wieder zu mobilisieren und praktisch wie ein Puzzle in ihre Einzelteile zu zerlegen. Dass das von der Heilung bis zur Vernarbung wesentlich negativere Folgen zeitigen würde, liegt auf der Hand.

Prof. Wiltfang und Prof. Synowitz appellieren deshalb an die Kinderärzte, lieber einmal zu oft als einmal zu wenig auf die interdisziplinäre Ambulanz des Uniklinikums zu verweisen, wenn sie Auffälligkeiten beim Verwachsen des kleinkindlichen Schädels wahrnehmen. Dank der großen Erfahrung mit solchen Phänomenen kann dort oft schon nach purem Augenschein eine Diagnose getroffen werden – um sie anschließend selbstverständlich mit technischer Unterstützung zu konkretisieren.

Text: Martin Geist
Fotos: UKSH
https://www.uksh.de
Telefon: 0431-500-0