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09:20 21.03.2019
Im Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin (hier ein Bild aus einer Therapiekonferenz) erfolgt interdisziplinäre medizinische Versorgung und klinische Forschung unter einem Dach. Quelle: UKSH / CAU

Präzisionsmedizin ist das genaue Gegenteil vom Prinzip Gießkanne. Statt der Hoffnung, dass irgendetwas von einem Medikament schon wirken wird, geht es um das genaue Wissen, welcher Wirkstoff in welcher Dosierung und welcher Kombination für den einzelnen Menschen individuell das Beste bedeutet. Mit diesem Wissen um persönliche Therapiekonzepte hat sich das Universitätsklinikum Schleswig- Holstein internationalen Ruf unter Fachleuten wie Patienten erworben. Und ist trotzdem noch lange nicht am Ziel.

 

Prof. Dr. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I.

Fast genau ein Jahr ist es her, da unterschrieben Prof. Lutz Kipp für die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Prof. Gabriele Gillessen- Kaesbach für die Universität zu Lübeck sowie Prof. Jens Scholz für das UKSH in Kiel die Gründungsurkunde für den Verbund „Precision Health in Schleswig-Holstein“ (PHSH). Welch hoher Anspruch damit für die Medizin im Norden verbunden ist, formuliert Prof. Stefan Schreiber so: „Wir wollen auf dem Gebiet der Gesundheit genauso technologisch führend sein wie es Kiel im Schiffbau vor 100 Jahren war.“

Prof. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I und wissenschaftlich einer der profiliertesten Köpfe am UKSH, schuf mit dem von ihm vor zwölf Jahren mitbegründeten Exzellenzcluster „Inflammation at Interfaces“ (Entzündungen an Oberflächen) die Basis für PHSH. Finanziell und personell sehr gut ausgestattet, erforscht der Cluster mit seinen mehr als 300 Mitgliedern die Ursachen chronisch- entzündlicher Erkrankungen an Barriereorganen wie Haut, Lunge und Darm. Ein wichtiges Anliegen des neuen Zentrums für Präzisionsmedizin ist es, die Forschung noch dichter ans Krankenbett zu bringen als bisher. „Das gelingt uns schon jetzt sehr gut“, betont Prof. Schreiber, der auch Sprecher des Exzellenzclusters ist. Besonders eindrucksvoll sind nach seiner Einschätzung die Erfolge bei der Behandlung von entzündlichen Erkrankungen des Darms und der Haut.

„Das sind Organe, an denen einfach sehr gut zu sehen ist, ob und wie eine bestimmte Behandlung anschlägt“, nennt er einen wesentlichen Grund dafür. Erhebliche Fortschritte wurden laut Prof. Schreiber bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa erreicht. „Die Präzisionsmedizin macht es vorhersagbar, ob an einem bestimmten Patienten ein Medikament wirkt und wie es dosiert werden muss“, erläutert er. „Außerdem können wir viel besser einschätzen, welche Erfolgsaussichten Kombinationen mit anderen Medikamenten bringen würden.“

Was sich erst einmal ziemlich detailversessen anhören mag, hat für die Betroffenen enorme Konsequenzen, sagt der Wissenschaftler: „Sie erreichen unmittelbar nicht nur mehr Lebensqualität, sondern mehr Lebensgenuss.“ Lange Spaziergänge unternehmen, sportlich aktiv sein, etwas mit den Enkelkindern unternehmen, all das kann wieder möglich sein, wenn es dank der maßgeschneiderten Medizin gelingt, die bestmögliche Therapie zu entwickeln. „Das geht über das Maß dessen hinaus, was wir uns vor noch gar nicht so langer Zeit bei chronischen Erkrankungen hätten vorstellen können“, ordnet Stefan Schreiber das bisher Erreichte ein. Zudem ist Präzisionsmedizin nach seinen Angaben sogar kostengünstiger als herkömmliche Therapien, bei denen auch die vielen ungezielten und daher vergeblichen Behandlungen mit den Kosten für die Medikamente samt deren Nebenwirkungen anfallen. Entscheidend fürs Gelingen dieses Ansatzes ist aus Sicht des Experten das Zusammentreffen von sehr viel Wissen und sehr viel Erfahrung.

Weil beides am UKSH in höchstem Maß vorhanden ist, hat Schleswig- Holstein nach Schreibers Überzeugung alle Perspektiven, seine Spitzenposition noch weiter auszubauen. Geforscht wird am UKSH aktuell unter anderem an Therapien, bei denen der Aminosäure-Stoffwechsel im Darm durch molekulare Eingriffe in die Ernährung beeinflusst wird. In Schach zu halten gilt es dabei vor allem Zytokine, die als Botenstoffe das körpereigene Abwehrsystem steuern, aber auch Entzündungen verursachen und unterhalten können. Die Aussichten dieses Ansatzes erscheinen hoffnungsvoll, doch Geduld ist trotzdem weiterhin gefragt, meint Prof. Schreiber: „Um entzündliche Krankheiten wie Morbus Crohn heilen zu können, müssen wir noch ein paar mehr Schritte gehen als nur die jetzigen“.

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