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Nicht jede psychische Belastung ist ein Burnout-Syndrom

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00:01 24.04.2021
Eine eindeutige Beschreibung für Burnout gibt es nicht. Die WHO definiert es als ein „Syndrom, hervorgerufen durch nicht erfolgreich bewältigten chronischen Stress am Arbeitsplatz“.
Eine eindeutige Beschreibung für Burnout gibt es nicht. Die WHO definiert es als ein „Syndrom, hervorgerufen durch nicht erfolgreich bewältigten chronischen Stress am Arbeitsplatz“. Quelle: Pixabay
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Das Wort Burnout ist schnell dahergesagt, trifft aber nicht immer das Problem. Komplex ist die Sache aus Sicht von Prof. Kamila Jauch-Chara schon deshalb, weil dieses Syndrom bislang nicht eindeutig definiert ist. Ziemlich einig ist sich die Fachwelt, dass es sich beim Burnout um einen Zustand der physischen und mentalen Erschöpfung handelt, der sich langsam über einen Zeitraum von andauerndem Stress entwickelt hat und bei dessen Entstehung der Arbeitsplatz eine maßgebliche Rolle spielt. Prof. Jauch-Chara, die als Ärztliche Direktorin für die medizinischen Geschicke des ZIP verantwortlich ist, hält auch eine aus dem Jahr 2019 stammende Beschreibung der Weltgesundheitsorganisation WHO für hilfreich. Demnach ist Burnout ein Syndrom, „hervorgerufen durch nicht erfolgreich bewältigten chronischen Stress am Arbeitsplatz".
Doch was macht dieses Syndrom aus? Zunächst einmal klagen die Betroffenen über Energieverlust und eine Erschöpfung, die einfach nicht nachlassen will. Später, so erläutert Kamila Jauch-Chara, breiten sich oft geistige Distanz sowie eine negative Haltung zu der eigenen Arbeit aus. Und schließlich kommt es dazu, dass das berufliche Leistungsvermögen massiv reduziert wird. In den ersten beiden Stadien sind die Betroffenen aber immer noch in der Lage, Freude zu empfinden, Hobbys nachzugehen und ihrem Leben etwas Positives abzugewinnen. „Nur für den Beruf gilt das eben nicht", erklärt Prof. Jauch-Chara und bezeichnet auch diesen Umstand als einen Grund dafür, weshalb die WHO das Burnout-Syndrom nicht als Krankheit betrachtet, sondern als eine Zustandsbeschreibung mit Krankheitswert, die freilich sehr wohl in einer Krankheit münden kann. Somatische Folge- und Begleiterscheinungen wie Tinnitus oder Bluthochdruck werden am UKSH tatsächlich durchaus regelmäßig beobachtet.
Als äußerst handfest betrachtet werden muss zudem die Gefahr, dass ein Burnout unbehandelt zu einer Depression führen kann – und damit verbunden die Freudlosigkeit in jeden Lebensbereich
einzieht. Interessant ist die Frage, ob die durch die Corona-Krise hervorgerufenen Einschränkungen und Belastungen in einem Burnout-Syndrom münden können. Mit Blick auf die Umstände sieht die ZIP-Direktorin jedenfalls durchaus Parallelen. Beim Homeschooling Aufsichtsperson und Lehrkraft spielen, dazu noch selbst das Wohnzimmer zum Büro umfunktionieren, kaum noch soziale Kontakte, Angst um die Gesundheit und womöglich um die materielle Existenz: All das kann stark auf die Psyche drücken und aus Sicht der Professorin zu andauernder Überforderung führen, die sich zumindest teilweise mit einer berufsbedingten chronischen Stress-Situation vergleichen lässt.
Ähnlich ist außerdem das Grundproblem, nämlich der Umgang mit dauerndem Stress, der durch zu erledigende Aufgaben hervorgerufen wird. Das Fachpersonal vom UKSH beobachtet unter diesem Aspekt, dass Menschen aufgrund der damit verbundenen emotionalen Belastungen immer wieder über Schlafstörungen, Kopf- oder Bauchschmerzen und andere Probleme klagen „Wir nehmen eine größere Zahl von depressiven Symptomen wahr", fasst es die Ärztin zusammen.
Die Situation ist umso vertrackter, als es an Möglichkeiten fehlt, den zusätzlich angestauten Stress abzubauen. Wegen geschlossener Sporthallen und Fitnessstudios fällt für viele die gewohnte körperliche Aktivität aus. Und die Möglichkeiten, Entspannung unter anderen Menschen zu finden, sind ebenfalls eingeschränkt.
Hoffnungslos ist die Sache allerdings keineswegs, denn es gibt vielerlei Möglichkeiten, dem coronabedingten Seelenfrust entgegenzuwirken. „Gerade wer im Homeoffice sitzt, sollte sich eine klare Tagesstruktur aufbauen", rät die Expertin zu regelmäßigen Arbeitszeiten samt eingebauter Pausen. Wer sonst in seiner Freizeit zum Beispiel Handball spielt, könnte außerdem ersatzweise joggen oder sich zu Youtube-Videos bewegen. Eine neue Sprache lernen, öfter mal wieder die alte Gitarre herausholen, einen Kaffee oder gelegentlich ein Gläschen Wein in geselliger Online-Runde trinken, auch sonst bestehen nach Überzeugung von Jauch-Chara viele Gelegenheiten, positive Akzente zu setzen. Und vielleicht stellt der eine oder die andere am Ende der Pandemie fest, dass diese leidige Zeit dem eigenen Leben auch etwas Bereicherndes gebracht hat.

Zum Thema "Wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr leben wollen" gibt es einen Online-Vortrag am 29. April 2021, dieser ist unter www.uksh.de/Gesundheitsforum Vortragsreihe/Wenn Kinder
und Jugendliche nicht mehr leben wollen zu erreichen.

Zentrum für Integrative
Psychiatrie (ZIP)
UKSH, Campus Kiel
Niemannsweg 147
24105 Kiel
www.zip.uksh.de