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Gesundheit „Und ich sah mich wirklich schon im Rollstuhl!“
Mehr Gesundheit „Und ich sah mich wirklich schon im Rollstuhl!“
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13:33 13.02.2017
Foto: Sven Brügmann. Priv.-Doz. Dr. Aldemar Andres Hegewald (re.), Chefarzt der Abteilung Neurochirurgie/Wirbelsäulenchirurgie
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Als Ursula Hagge im vergangenen Sommer in die Ostseeklinik Damp kommt, hat sie eine wahre Odyssee hinter sich. „Seit drei Jahren hatte ich immer stärker werdende Schmerzen im rechten Bein und dem Rücken“, erzählt die heute 80-Jährige. Sie geht vom Hausarzt zum Orthopäden, vom Masseur zum Osteopathen, vom Physiotherapeuten zum Neurologen, schließlich in eine Kieler Klinik. Sie wird eingerenkt, bekommt Spritzen, Massagen und Schmerztabletten. Helfen kann ihr niemand. Gehen, stehen,sitzen – alles tut weh. Schließlich verkrümmt sich ihre Wirbelsäule so stark, dass sie sich nicht mehr aufrichten kann. Der rechte Fuß zeigt Anzeichen einer Lähmung. Laufen ist kaum noch möglich. Die ohnehin zierliche Frau nimmt sieben Kilo ab, weil sie selbst nicht mehr kochen kann und ihr das gelieferte Essen nicht schmeckt. „Ich sah mich schon im Rollstuhl in einem Pflegeheim. Es fühlte sich an, als wäre mein Leben zu Ende“, erinnert sich die gebürtige Husumerin. Schließlich landet sie in der Ostseeklinik Damp und bei Neurochirurgie-Chefarzt Privatdozent Dr. Aldemar Hegewald.

„Hier war sofort alles anders“, erinnert sich ihr Sohn Uwe: „Wo wir vorher waren, wurde uns mehr oder weniger deutlich vermittelt, dass meine Mutter nun mal 80 Jahre alt sei und sich mit den Beschwerden abfinden solle, anstatt dem Gesundheitssystem weitere Kosten zu verursachen“, berichtet der 52-Jährige. „Dr. Hegewald nahm sich Zeit. Er untersuchte meine Mutter, eine kleine Kassenpatientin, setzte sich eine Stunde mit uns hin und hörte genau zu.“

„Um effektiv helfen zu können, muss man den Menschen, seine individuelle Schmerzproblematik, aber auch Dinge wie seine Lebensumstände, seine Persönlichkeit und seinen inneren Antrieb kennen lernen“, sagt Dr. Hegewald. Auch Faktoren wie z.B. die familiäre Unterstützung seien wichtig bei der Entscheidung für eine passende Therapie. „Und das bekommt man eben nicht in fünf Minuten heraus“, so Hegewald.

Nach dem Gespräch steht für den Wirbelsäulenspezialisten fest: „Die Beschwerden waren klar einem Problem zuzuordnen.“ Die ansonsten gesunde und durch jahrzehntelange landwirtschaftliche Tätigkeit gut trainierte Patientin leidet neben der sichtbaren Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, unter einer verschleißbedingten starken Verengung des Spinalkanals im Bereich der Lendenwirbelsäule. Der Spinalkanal ist eine Art knöcherner Tunnel, der die Wirbelsäule durchzieht. In ihm befindet sich das Rückenmark.

„Ich war mir sicher, dass ich Frau Hagge durch eine Operation würde helfen
können“, so Hegewald. Aber natürlich birgt jeder Eingriff gewisse Risiken. Erst recht in höherem Lebensalter.
Und aufgrund der starken Verkrümmung der Wirbelsäule war klar, dass die Operation nicht minimal­invasiv durchführbar wäre. Es stand also ein größerer Eingriff an.
Ursula Hagge entschließt sich gemeinsam mit Ihren Kindern, diesen zu wagen.
In einer mehrstündigen Operation trägt Dr. Hegewald unter dem OP-Mikroskop millimetergenau die Knochen- und Bandstrukturen ab, die den Spinalkanal verengen und das Rückenmark bedrängen. Die Wirbelsäule wird aufgerichtet, mit Abstandhaltern versehen und verschraubt. Das erste Aufstehen am nächsten Morgen wird für Ursula Hagge zu einem überwältigenden Moment: „Ich lief mit meinem Therapeuten am Arm kerzengerade vom Bett zum Balkon.“ Nach zehn Tagen im Krankenhaus geht sie für fünf Tage in eine Kurzzeitpflege-Einrichtung. Um Kraft zu sammeln und sich erstmal von dem Eingriff zu erholen. Dann kommt die große Herausforderung: eine stationäre Rehabilitation.

„Ich bin ja wirklich unverwüstlich, aber die Reha war wirklich sehr anstrengend“, erzählt die engagierte Sängerin des gemischten Chors in Kropp. Die Operationsnarbe, die jahrelang strapazierten und durch die Operation beanspruchten Nerven und fehlbelasteten Muskeln  schmerzen. Doch Ursula Hagge beißt die Zähne zusammen, trainiert und übt, um ihre Muskeln wieder aufzubauen. Erst in der Reha, ab September in ihrem kleinen, improvisierten Fitness­studio zu Hause im Schuppen mit Trampolin und hölzernen Hanteln. Die Gymnastikmatte liegt im Wohnzimmer immer griffbereit. Seit November stehen die Krücken unberührt in der Ecke. Anfang Dezember setzt sie alle Schmerzmittel ab. Sogar ihrer großen Leidenschaft kann sie inzwischen wieder nachgehen: dem Tanzen.

„Zwischen meiner Mutter damals, vor der OP, und heute liegen wirklich Welten“, freut sich Sohn Uwe. „Ich bin Dr. Hegewald sehr dankbar dafür, dass er diesen Eingriff trotz meines Alters gewagt hat“, sagt Ursula Hagge selbst. Und natürlich hat die quirlige Seniorin auch schon neue Ziele ins Auge gefasst: „Im Frühling möchte ich wieder Fahrrad fahren. Und im Garten gibt es eine Menge Schiet vom Winter aufzusammeln…“