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KN hilft Leben retten Hinter die Noten geblickt
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14:00 01.08.2019
Von Ruth Bender
Präzisionsarbeiter mit offenem Ohr: Dirigent Manfred Honeck. Quelle: Axel Nickolaus
Büdelsdorf

Der ausgestreckte Zeigefinger pocht, bebt, rührt in der Luft und hält die Aufmerksamkeit erstmal erbarmungslos auf die Bläser gerichtet. Die schwingen sich auf zur grandiosen Fanfare im Ersten Satz von Peter Tschaikowskys 6. Sinfonie „Pathétique“ h-Moll op. 74 – und werden abrupt gebremst. „Nicht atmen!“, sagt Dirigent Manfred Honeck, der in der ACO Thormannhalle in Büdelsdorf die zweite Probenphase des Schleswig-Holstein Festivalorchesters übernommen hat und neben Tschaikowsky außerdem Dmitiri Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op.107 (1959) einstudiert. Hier „eine Fermate“, da „nonstop“ und „dolcissimo“ fordert er so ruhig wie unerbittlich Präzision ein, schraubt an Längen und Akzentuierung. Und die jungen Musiker hängen sich rein. Umso beglückender nach der vierten Wiederholung, als das Blech endlich blitzt, Honecks knappes „beautiful“.

Nicht einfach technisch herunterspielen

„Ach, keine Sorge“, sagt Honeck, der seit 2008 das Pittsburgh Symphony Orchestra leitet, für eine Schostakowitsch-Einspielung einen Grammy erhielt und schon mehrfach beim SHFO zu Gast war. „Die Streicher kommen schon auch noch dran ...“ Es geht dem Dirigenten darum, das, was hinter den Noten steckt, hervorzukitzeln, die Musiker hinter die Partitur blicken zu lassen. „Was Mahler so schön gesagt hat: Das Wichtigste habe ich nicht in die Partitur hineingeschrieben, sondern zwischen den Zeilen, dass muss ich als Musiker ja auch suchen“, sagt Honeck, „ich möchte nicht, dass sie das einfach technisch herunterspielen.“ Dabei kann der gebürtige Wiener mit Sängerqualitäten den gewünschten Klang vorgeben, lautmalend die Wechselstimmungen der Musik illustrieren oder mit den Händen tanzen.

Manfred Honeck taucht in die Musik des russischen Komponisten, der in seiner 1893 neun Tage vor seinem mysteriösen Tod uraufgeführten Sinfonie allen Schmerz, das Wüten und Hadern seines Lebens hineinkomponiert hat. „Darin steckt Tschaikowskys Drama von Verzweiflung und Tod“, erklärt er ein paar Minuten später, als das Orchester im berstenden Tuttischlag explodieren soll. „Aber es steckt auch Widerstand darin. Deshalb braucht ihr den härtesten Sound, den ihr habt!“ Weinen sollen die Geigen, die Pauke Gewitter und Sturm spielen: „Das ist viel größer, enthusiastischer. Der Donner muss ganz unmittelbar kommen.“

Was hat Musik mit Sachertorte zu tun?

Also schwingen sich die Instrumentengruppen auf im wütenden Gegeneinander – um dann kollabierend zusammenzubrechen. Was danach kommt, soll klingen wie Nebel, unscharf wie eine Erinnerung: „Was ihr spielt, ist aber im Moment noch Regen.“ So schärft sich mit jeder Wiederholung das Bild der widerstreitenden Kräfte der Musik. „Alles, was wir Menschen uns an Gewalt antun, findet sich darin“, sagt Honeck, „im Grunde illustriert die Sinfonie den Menschen.“ Die Frage, so der 60-Jährige, sei immer: Aus welchem Grund hat der Komponist das so geschrieben? Der biografische Anteil, Tschaikowskys Ringen mit seiner Homosexualität oder Schostakowitschs in das Cellokonzert verpackte Abrechnung mit Stalins Diktatur fließt in die Arbeit am Pult mit ein. Und die Musiker sind bei der Sache. Daneben outet sich Honeck als Fan des brasilianischen Fußballs, vergleicht eine Streicherpassage mit einem Bild des französischen Impressionismus oder lenkt das Orchester vom Vibrato ins Pianissimo, indem er den Klang mit einer – natürlich – Sachertorte vergleicht: Mit Gefühl auf den Tisch legen – nicht werfen.“

Und als die Streicher schließlich in die Choralpassage am Schluss des Ersten Satzes hinübergleiten, segelt Honeck mit weit gebreiteten Armen auf dem Klang mit.

Öffentliche Proben Do+ Fr 10-13, 16-19 Uhr. Sbd 10-13 Uhr, 20 Uhr (Generalprobe). Karten nur vor Ort an der Tageskasse. Konzerte mit Solist Kian Soltani (Violoncello): So, 4. August, 19 Uhr, MuK Lübeck, Mo, 5. August, 20 Uhr, Elbphilharmonie Hamburg. Restkarten unter 0431/237070, www.shmf.de

Drei Fragen an den Dirigenten Manfred Honeck

Sie spielen sonst mit großen eingespielten Orchestern. Was macht den Reiz eines so jungen Klangkörpers aus?

Es ist immer ein großes Vergnügen, mit so gut ausgewählten Musikern zu arbeiten, die aus aller Welt nach Schleswig-Holstein kommen. Wahrscheinlich haben noch nicht alle davon Tschaikowskys Sechste Sinfonie gespielt. Aber das Schöne an dem Jugendorchester ist ja, dass sie noch ganz unvoreingenommen an die Musik herangehen. Diese Offenheit und Spielfreude schätze ich in besonderer Weise.

Sie haben als Junge die Zither gelernt. Inwiefern hilft das dem klassisch ausgebildeten Musiker?

Ich war damals 13, 14 Jahre alt. Zur selben Zeit habe ich auch schon Geige gespielt auf der Hochschule. Da musste ich natürlich sehr präzise spielen. Der Zither-Lehrer dagegen kannte kaum Noten. So war das ein Kampf zwischen Genauigkeit und Freiheit. Ich habe die Zither damals nicht sehr geliebt – aber als ich mich mit Strauß und speziell mit Gustav Mahler beschäftigt habe, habe ich mich meines Lehrers, der beim Spielen diese Freiheit einforderte, besonnen. Deswegen bin ich heute dankbar, dass ich so die österreichische Volksmusik und eine Welt, die jetzt verloren geht, entdecken konnte.

Vor Ihren Konzerten beten Sie regelmäßig. Wie ist die Verbindung zur Musik?

Ich bete jeden Tag. Und wenn man sich täglich bemüht, den Sinn des Lebens zu verstehen, dann ist Beten wie Zähneputzen. Es ist eine Notwendigkeit. Alles in die Hände Gottes zu legen, ist mir zum Bedürfnis geworden, entstanden aus der Erkenntnis, dass ich als Mensch nicht alles richten kann. Die Musik begleitet mich dabei – für mich ist sie göttlich, weil sie den Menschen in eine andere Sphäre führen kann.

Lesen Sie mehr unter:

Pittsburg Symphony Orchestra

Dirigent Manfred Honeck geehrt

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