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Lifestyle Appetit auf neue Möbel
Mehr Lifestyle Appetit auf neue Möbel
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20:01 19.08.2016
Essen ist eine Selbstverständlichkeit – inzwischen auch bei der Inneneinrichtung. Von süß-verspielt bis zu nobel und geschmackvoll lässt sich für jede Wohnung das passende Möbel-Menü zusammenstellen. Quelle: Candy Company
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Drei Jahre lang Ananas. Mindestens. Das schreit nach Fruktose-Intoleranz – selbst, wenn man es nur mit einer optischen Übersättigung zu tun hat. Seit die Keramik-Ananas der niederländischen Firma Pols Potten 2013 erstmals von Interior-Blogs und Einrichtungsmagazinen als das Tüpelchen auf dem i geschmackvoller Innenausstattung gefeiert wurde, ist die tropische Frucht beliebtes Motiv für Prints und Deko-Artikel. Ob auf Servietten, Kissenhüllen oder in Form von Lampenständern, Vasen und Keksdosen – die Ananas ist überall da zu Hause, wo schönes Wohnen angesagt ist.

Doch sie bekommt zunehmend Konkurrenz: Das Angebot an stilisierten Viktualien für Heim und Garten wächst fast ebenso beständig wie die Produktpalette großer Supermarktketten. Viele Designer spielen mit Essensmotiven und bedienen damit eine offenbar große Nachfrage. Woher kommt nur der Appetit auf künstliche Kühlschrankinhalte?

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Wer von seiner Lieblingsspeise nicht genug kriegt, kann sie sich auch als Möbel oder Nippes in die Wohnung stellen, hängen oder legen: Sitzsäcke, die aussehen wie Hamburger oder Tortellini, Tische und Bänke in Form von Schokoladentafeln, Eistütenlampen, Pizzakissen, Spiegeleidecken, Bierschinkenteppiche oder Blumenvasen, die als halb gepellte Banane daherkommen, lassen sich problemlos ordern.

Streusel mit Stil: Der Zuckerperlenhocker vom Leipziger Designbüro etage8. Quelle: Candy Company

Geradezu schlaraffenlandartig mutet auch das Angebot an kulinarischen Schlafstätten an: Sandwichmatratzen, Eclair-Schlafsäcke oder Pommes-Tüten-Betten versprechen Genuss ohne Reue. Mit geschmackvoller Einrichtung hat das häufig wenig zu tun. Doch es gibt auch Produkte, die durchaus ein Augenschmaus sind.

So fertigt das Leipziger Designbüro etage8 unter dem Namen "Candy Company" Kleinmöbel, die von Süßigkeiten inspiriert sind: Garderobenhaken in Form von Zuckerstangen, Lampen an Liebesperlenschnüren oder mit bunten Streuseln überzogene Hocker wecken Kindheitserinnerungen und sorgen für fröhliches Wohlfühlambiente.

Die handgefertigten Unikate sind nicht nur eine dekorative Zutat, die mit nahezu jedem Einrichtungsstil harmoniert, sondern überdies auch funktional. Die Gefahr der Überzuckerung hält sich auch aufgrund des unaufdringlichen Designs in Grenzen: "Wir interpretieren eher die Eindrücke, die uns die Welt der Süßigkeiten vermittelt. Durch Abstraktion verhindern wir direktes Abkupfern. Denn das würde schnell stumpf und kitschig wirken", sagt Designer Jonathan Geffen.  

Kissen im Aufschnittlook

Für all jene, die es eher herzhaft mögen, hat das Designlabel "Aufschnitt Berlin" jede Menge Auswahl an textilen Wurstwaren. Ein Schinkenbein als Nackenrolle oder eine Würstchenkette mit Schlüsselanhänger gehören dort ebenso zum Sortiment wie ein Rucksack in Rinderzungenoptik oder ein Kissen, das einem Kuhmagen nachempfunden ist. Mahlzeit!

Gründerin und Geschäftsführerin Silvia Wald ist gelernte "Schnittmacherin für Bekleidung" – und Vegetarierin. "Mein Bezug zu echtem Fleisch ist distanziert. Dieser Aspekt war aber genau der Motor für die ersten Promotionsartikel meines Ateliers", sagt Wald. So bekam jeder Kunde zu Anfang ein "Mini-Ansteckwürstchen" geschenkt. Im Laufe von zwölf Jahren hat sich daraus ein wahrer Wurstwarenhandel entwickelt.

Wer bei Wald in Berlin-Friedrichshain einkauft, hat entweder einen echten Fleischerladen und sucht dafür die passende Dekoration – oder aber er hat viel Humor. Genau darauf zielt Wald mit ihrem "Aufschnitt" ab: "Die Doppeldeutigkeit des Wortes und das Paradoxon zu meinen eigenen Essgewohnheiten bringen mich noch heute zum Lachen." Humor sei für sie letztlich die Quelle der Inspiration, sagt Möbelspezialistin Wald.

Herzhaft und kuschelig: Das Schinkenkissen von Aufschnitt Berlin. Quelle: Aufschnitt Berlin

Damit ist sie in prominenter Gesellschaft: Schon der Schweizer Künstler Daniel Spoerri, Begründer der "Eat Art", spielte in seinen berühmten "Fallenbildern" aus den Sechzigerjahren mit Essen und hintergründigem Witz. In der Absicht, Kunst als Teil der realen Welt einzufangen, fixierte er Reste von Mahlzeiten auf Tellern kleiner Restauranttischplatten mit Leim und Konservierungsstoffen. Geschmackssinn und das Hinterfragen von Essgewohnheiten bestimmen bis heute Spoerris Werke. Doch er ist bei Weitem nicht der Einzige, der sich damit kreativ auseinandersetzt.

Nahrungsmittel wecken wie kaum ein anderes Motiv Assoziationen und Emotionen. Gesundheit, Wirtschaft, Politik, Medien: Es gibt keinen Bereich, in dem wir nicht täglich mit dem Thema Essen und Ernährung konfrontiert sind. Essen ist – zumindest in der westlichen Welt – selbstverständlich, aber dennoch keine Nebensache. Vielmehr handelt es sich um ein "soziales Totalphänomen", wie der französische Soziologe Marcel Mauss einst feststellte. Kein Wunder also, dass Kunst und Design sich dem Thema auf vielfältige Weise widmen.

Tradition seit dem Barock

Und das nicht erst seit heute: Vor allem in der Mitte des 17. Jahrhunderts ging's um die Wurst. Es war die Blütezeit des Stilllebens, insbesondere in den Niederlanden. Die Arrangements von Fleisch, Käse, Obst, Gemüse, Wein oder Brot stecken nicht selten voller religiöser oder erotischer Anspielungen. Fast immer aber geht es um Vergänglichkeit und die Konfrontation mit Tod und Stillstand.

Im Rokoko, der Epoche des Amüsements und der Camouflage, stellte man Nahrungsmittel auf weitaus fröhlichere Weise dar: Porzellan in Gemüse- oder Obstform kam damals groß in Mode und stillte bei aller Dekadenz und Künstlichkeit vor allem die Sehnsucht nach der Einfachheit der Natur.

So fertigten Traditionsmanufakturen wie Wedgwood, KPM oder Nymphenburg Mitte des 18. Jahrhunderts Terrinen, Tassen und Teller, die unter anderem aussahen wie Artischocken, Kohlköpfe, Spargelbündel – oder eben Ananas.

Von Kerstin Hergt

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