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20:00 30.10.2015
Hose schlägt Kleid: Vor allem deutsche Frauen verzichten lieber auf vermeintlich unpraktische Garderobe.
Hose schlägt Kleid: Vor allem deutsche Frauen verzichten lieber auf vermeintlich unpraktische Garderobe. Quelle: afp
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Es ist schwarz, knielang und aus fließendem Crêpe. In seiner Wickeloptik wirkt das Kleid nicht gerade schlicht, aber auch nicht besonders extravagant. Es passt zu jedem Anlass, zu jeder Tageszeit und zu jeder Frau, von zierlich bis vollschlank, von sportlich bis damenhaft. Dieses Kleid ist gleichzeitig modern, zeitlos, sexy, elegant und in seiner Unaufgeregtheit doch ein Hingucker. Kurzum: Es ist perfekt. Selbst in preislicher Hinsicht. Denn mit 235 Dollar handelt es sich weder um einen überteuerten Luxusartikel noch um einen billigen Fetzen. Kein Wunder also, dass dieses Kleid derzeit mehr als tausend Frauen haben wollen.

Oder doch? Schließlich sind Hosen mittlerweile weitaus beliebter als Kleider. Doch für "Tory 2.0" von MM.LaFleur wird die Warteliste täglich länger. Wer jetzt ordert, kann frühestens im Januar mit der Lieferung rechnen. Den Hype um dieses Kleid bezeichnet das Label selbst auf seiner Internetseite als "jenseits von Gut und Böse". Gleichzeitig verspricht die New Yorker Online-Boutique: "Das Warten lohnt sich." Und das glaubt man gern. Zumal viele Frauen die Suche nach passenden Kleidern offenbar komplett eingestellt haben, weil es heutzutage vermeintlich leichter ist, sich in Hosen durch den Alltag zu schlagen.

Begehrtes kleines Schwarzes: Die Warteliste für das Kleid "Tory 2.0" wird täglich länger. Quelle: MM.LaFleur

Vor allem in Deutschland erfreut sich das Beinkleid bei den Frauen stetig wachsender Beliebtheit. Griffen Anfang der Achtzigerjahre noch 46 Prozent der westdeutschen Frauen regelmäßig zu Kleid oder Rock, waren es nach einer Studie des Demoskopie-Instituts Allensbach 2010 nur noch 16 Prozent. Mehr als die Hälfte aller deutschen Frauen bevorzugt Hosen. In diesem Jahr sind sie laut dem Branchenmagazin "Textilwirtschaft" besonders gefragt und gelten als "Aufsteiger in der Womanswear". Selbst im Sommer sorgt die Hose für gehörigen Umsatz: Allein von Juni bis August verzeichnete der Einzelhandel eine Zuwachsrate von 9 Prozent.

Klarer Favorit bei den Frauen ist die lässige Jeans, gefolgt von der Skinny-Form. Neue Schnitte haben es dagegen schwer. So hat sich bisher der "Textilwirtschaft" zufolge nur jede zehnte Frau die Culotte, den Herbstfavoriten der Modejournale, zugelegt. Wichtigstes Kriterium beim Hosenkauf sei neben einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis vor allem der "hohe Tragekomfort", berichtet das Fachmagazin. Bequemlichkeit ist also geradezu en vogue. Und das rund um die Uhr. Ob Job, Spielplatznachmittag, Party oder Theaterbesuch – die Hose bleibt an.

Kleid = Verkleidung

Sich auch im Alltag feminin zu kleiden, sei in Deutschland weniger eine Selbstverständlichkeit als beispielsweise in Italien oder Frankreich. "Hierzulande wird gerade das Kleid oftmals mit Verkleiden gleichgesetzt", sagt die Berliner Diplom-Psychologin und Imageberaterin Maria Richter. Außerdem werde schicke Kleidung oftmals als unpraktisch und wenig komfortabel empfunden, weiß die 53-Jährige, die gern auch die Kleiderschränke ihrer Klienten durchforstet, wenn diese an ihrem Auftreten und Aussehen etwas ändern wollen.

Kleid, Kostüm oder Rock gehören für sie zum Standard weiblicher Garderobe. Doch sich dafür zu entscheiden bedeute auch, zusätzlich auf Strumpfhose, Schuhe, Haare und gegebenenfalls Make-up zu achten. "Das ist vielen Frauen viel zu kompliziert und zeitaufwendig und es wird oftmals mit Auftakeln gleichgesetzt", sagt Richter.

Mit "How to be Parisian wherever you are – Love, Style, and Bad Habits" hat die französische Mode-Ikone und Musikproduzentin Caroline de Maigret jüngst einen handtaschentauglichen Leitfaden dafür geschrieben, wie man sich attraktiv kleidet, ohne aufgebrezelt zu wirken. Das Geheimnis: "Man darf die Mühe nicht erkennen, weil man nicht als eitel erscheinen sollte. Es ist ja nur Mode und die benötigt keinerlei geistige Anstrengung."

Bekenntnis zur Hose: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Designerin Jil Sander und die Schauspielerinnen Jasmin Tabatabei und Heike Makatsch. Quelle: afp / dpa

So weit, so schön. Doch gerade die Entscheidung für die Hose hat nicht selten etwas mit "geistiger Anstrengung" zu tun. Als Errungenschaft der Emanzipation drückt die Damenhose auch ein Statement für feministisches Selbstbewusstsein aus. Maigret selbst etwa sieht man bei ihren zahlreichen Auftritten fast nur in Hosen. Und das, obwohl (oder vielleicht auch gerade weil) die Pariser so konservativ sind, dass sie erst 2013 eine zweihundert Jahre alte Vorschrift gestrichen haben, nach der es Frauen untersagt war, "sich wie ein Mann zu kleiden", es sei denn, sie hielten "Fahrradlenker oder Pferdezügel in den Händen".

Hierzulande hat das Tragen von Hosen eher weniger etwas mit Revolte als viel mehr mit dem Prinzip des Bloß-nicht-Auffallens zu tun: "Es gibt mit der deutschen Romantik sowie der Leibfeindlichkeit der Protestanten eine lange Tradition in der Verachtung äußerer Konventionen", schreibt der Berliner Modejournalist und Beiratsvorsitzende der Stiftung der deutschen Bekleidungsindustrie Joachim Schirrmacher. Bis weit über die Nachkriegszeit hinaus sei ein durchdringendes Misstrauen gegen Mode und Stil als reine Kommerzangelegenheit vorherrschend gewesen.

Die linksalternative Bewegung der Achtzigerjahre etwa hielt jede Form von Eleganz für eine Art Sünde. Mit den aufstrebenden jungen deutschen Designern, die Deutschland modemäßig mittlerweile auch international vom Schattendasein befreit haben, mag sich einiges geändert haben. Doch der Jeans-Einheitslook im Alltag hält sich beharrlich.

Reduziert auf die Robe

Dabei ist das Interesse am Kleid nach wie vor groß, man denke nur an den Rummel um die Roben der weiblichen Stars auf roten Teppichen. Der zeigt jedoch auch, wie sehr ein Kleid die Persönlichkeit einer Frau weniger unterstreichen als vielmehr unterdrücken kann: Genervt vom ausschließlichen Interesse der Journalisten daran, was sie auf dem roten Teppich tragen, statt an den Leistungen, wofür sie möglicherweise einen Oscar oder Emmy bekommen, haben prominente Frauen wie Amy Poehler oder Reese Witherspoon sich der Kampagne "#AskHerMore" angeschlossen. Damit wollen sie verhindern, bei offiziellen Anlässen auf ihr Aussehen reduziert zu werden.

Einen der stärksten Auftritte auf einem roten Teppich hatte 2015 übrigens US-Schauspielerin Jennifer Aniston bei den Critics’ Choice Awards im Januar. Und zwar in Hosen. Sie trug einen bis zum Bauchnabel dekolletierten roten Gucci-Anzug und übertrumpfte damit sowohl outfit- als auch schlagzeilenmäßig die Frau, für die Brad Pitt sie einst verließ: Angelina Jolie stellte sich dem Duell in einem silbernen Versace-Kleid und füllte damit kaum eine Randspalte. Über Aniston schrieb indes das "People"-Magazin, man sei "besessen von diesem skandalösen Look". Mit der Hose lassen sich also eindeutig besser Schlachten schlagen.

Von Kerstin Hergt

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