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Lifestyle Reines Essen für ein reines Gewissen
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14:54 09.09.2015
Von Sophie Hilgenstock
"Clean Eater" verzichten auf alles, was das Essen langlebiger, günstiger und appetitlicher macht, aber auch künstlicher. Quelle: Fotolia
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Einkaufen mit Hannah Frey kann anstrengend sein. Sie greift nicht einfach wahllos ins Supermarktregal: hier ein Joghurt, da Nutella, dort der Bolognese-Mix. Hannah Frey lässt sich Zeit. Sie sucht, sie liest, sie dreht die Sachen um. Sie will lesen, was drinsteckt in Käse, Currysoße und Cashewcreme. Sie muss wissen, ob ein Produkt mehr als fünf Inhaltsstoffe enthält. Ob Zusatzstoffe auf der Zutatenliste stehen oder ob der Artikel frei ist von Beigaben wie dem neongelben Tartrazin (E 102), „dem Haltbarmacher“ Benzoesäure (E 210) oder „dem Würzebringer“ Natriumglutamat (E 621).

Hannah Frey ist Gesundheitswissenschaftlerin und Bloggerin, und als diese die deutsche Stimme eines Trends, der zurzeit aus Amerika zu uns herüber schwappt. „Clean Eating“ heißt die neue Ernährungsform, der sich Frey und ihre Anhänger verpflichtet haben. Die Gesundheitsbewegung hat weniger mit sauberem Besteck, gewaschenem Gemüse oder biologisch abbaubarem Geschirrspülmittel zu tun, als mit der Überzeugung, unser Essen stecke voller künstlicher Zusätze.

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„Clean Eater“ verzichten auf all die Farb- und Konservierungsstoffe, Süßungsmittel, Säureregulatoren, Emulgatoren, Geliermittel, Stabilisatoren, Rieselhilfen und Geschmacksverstärker, die unsere Lebensmittel zwar langlebiger, günstiger und appetitlicher machen, aber auch künstlicher. „Bei der industriellen Lebensmittelherstellung werden Nährstoffe zerstört und ungesunde Zusatzstoffe hinzugefügt“, sagt zumindest Hannah Frey. Egal, ob Zusatzstoffe mit E-Nummer in der Europäischen Union als unbedenklich zugelassen sind – die Hamburgerin ist davon überzeugt: „Diese Chemie im Essen macht uns krank.“ Wer sich „clean“ ernährt, hat nach Auffassung der Anhänger dagegen beste Chancen, ohne Allergien, Übergewicht, Karies und Diabetes durchs Leben zu gehen. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sei geringer, sagt Frey.

Gesundheitswissenschaftlerin Hannah Frey: "Nachdem uns lange vermittelt wurde, dass industriell hergestellte Produkte Zeit sparen, müssen wir nur ein wenig umdenken." Quelle: Franzi Schädel

Doch „Clean Eater“ müssen streng sein, besonders zu sich selbst: Sie verzichten auf Fast Food, Fertiggerichte, vorgegarte und verzehrfertige Lebensmittel. Auch raffinierter Zucker und Weißmehl sind tabu. „Wir essen möglichst naturbelassene, unverarbeitete Lebensmittel“, erklärt Frey. Das bedeutet: Vollkornprodukte, viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, idealerweise frisch vom Feld. Auch Nüsse, Samen, Kräuter, Keime, Sprossen. Verboten sind: Tütensuppen, Tiefkühlpizzen, Instantnudeln und natürlich Fertigsoßenpulver. Auch Alkohol ist verboten. „Er ist Gift für unseren Körper und enthält eine Menge Kalorien“, sagt Frey.

Das klingt nach veganer Rohkost – ist es aber nicht. „Clean Eater“ dürfen Fleisch, Fisch, Eier und Milch verzehren, am besten haben sie alles selbst erlegt, gesammelt oder gar gemolken. „Lernen Sie kochen“, fordert denn auch Tosca Reno. Wäre „Clean Eating“ eine Sekte, wäre Reno ihr Guru. Die Kanadierin vermarktet sich als Entdeckerin der „Eat-Clean Diet“. Sie hat zahlreiche Kochbücher geschrieben und zwei Millionen Ratgeber verkauft. Wer sich dem „Team Tosca“ anschließt, wird belohnt: „Du bekommst das Leben, das du verdienst. Schlanker, fitter, gesünder, glücklicher“, verspricht die 56-Jährige auf ihrer Website.

Tosca Reno hat „Clean Eating“ zu einer Marke gemacht. Erfunden hat sie das Ernährungskonzept freilich nicht. „Die Kernbotschaften sind nicht neu“, sagt Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Als Vollwertkost kenne man das Prinzip spätestens seit den Achtzigerjahren. Wer viel Gemüse und Obst, langsam verdauliche Kohlenhydrate, hochwertige Öle und Proteine aus Hülsenfrüchten, Eiern oder Fisch zu sich nehme, mache nie etwas falsch – egal, unter welchem Namen.

„Overnight Oats“ statt Fertigmüsli: „Clean Eater“ mögen’s hausgemacht. Quelle: Dort Hagenhausen Verlag

Hannah Frey mag ihre Ernährung allerdings nicht mit der schweren, altmodischen Körnerküche vergleichen. „Clean Eating ist wesentlich moderner“, sagt die 27-Jährige. „Wir greifen heute mehr zu grünen
Smoothies und Superfoods.“ Gemeint sind Lebensmittel mit besonders hoher Nährstoffdichte wie Gojibeeren, Chia-Samen, Grünkohl und Matcha. Auch Pseudogetreidesorten wie Quinoa, Amaranth oder Buchweizen kommen bei Clean Eatern häufiger auf den Teller – sie enthalten kein Gluten, sind deshalb zwar nicht backfähig, ermöglichen Allergikern dagegen aber das Müsliessen.
Omas Küche, Biokost, Slow Food, Veganismus, Paleo – Clean Eating hat von jedem etwas. Meist verfolgen die Anhänger sogar dieselben Ziele: mehr Energie, weniger Gewicht, besserer Schlaf, weniger Heißhunger, schönere Haut, bessere Verdauung, stärkeres Immunsystem, besseres Konzentrationsvermögen. Das sind jede Menge Heilsversprechen, denen auch Promis kaum widerstehen können. Gwyneth Paltrow, Jessica Alba, Angelina Jolie, Miranda Kerr – sie alle essen und trinken angeblich inzwischen „clean“.

„Nachdem uns lange vermittelt wurde, dass industriell hergestellte Produkte Zeit sparen, günstig sind und lecker sein sollen, erfordert es nur ein wenig Umdenken“, sagt Frey. Das bedeutet: lieber ein großer Einkauf pro Woche statt fünf kleine, lieber fünf kleine Mahlzeiten pro Tag statt drei große, vorbereitet essen statt spontan unterwegs. Und: Tosca Reno gönnt ihren Jüngern einen Fehltritt pro Woche. Ein bewusstes Glas Rotwein, einen wohlüberlegten Muffin. Bei den sauberen Sachen kennt sie hingegen kein Limit: Iss mehr, nicht weniger, lautet Renos Botschaft.

Der Trend passt in unsere Zeit. Nie waren wir in der Wahl unserer Lebensmittel so frei wie heute, nie waren die Diskussionen um die richtige Kost so kontrovers. Heute wird Essen danach definiert, was es nicht enthält – egal, ob das wissenschaftlich plausibel oder haltbar ist. Für alle anderen gibt Isabelle Kellner von der DGE Entwarnung: „Zusatzstoffe sind nicht zwangsläufig schlecht“, sagt Keller. „Sie dürfen in Deutschland nur verwendet werden, wenn sie zugelassen sind – und erfüllen meistens einen guten Zweck“, sagt die Expertin.

Kürbis-Quinotto mit Salbeisoße

Quelle: Fotolia

Zutaten für 2 Portionen:
200 g Quinoa
1/2 Hokkaido-Kürbis
1 rote Zwiebel
1 EL Olivenöl
1/2 l Gemüsebrühe
150 g Frischkäse
10 Salbeiblätter
3 EL Maisstärke
2 EL frisch geriebener Parmesan
Pfeffer aus der Mühle
frisch geriebene Muskatnuss
2 EL Kürbiskerne

Zubereitung:
Die Quinoa in ein Sieb geben und unter fließendem, kaltem Wasser abspülen, bis das Wasser klar bleibt. Dadurch werden die Bitterstoffe entfernt. Den Hokkaido-Kürbis waschen, entkernen und in Würfel schneiden. Die Zwiebel schälen und fein hacken. Das Olivenöl in einem Topf erhitzen. Die Zwiebel darin andünsten und die Kürbiswürfel hinzugeben. Alles 2 bis 3 Minuten dünsten, dann mit 400 ml Gemüsebrühe ablöschen und die Quinoa hinzugeben. 15 Minuten garen, dabei gelegentlich umrühren. Inzwischen in einem kleinen Topf die restliche Gemüsebrühe für die Salbeisoße aufkochen. Den Frischkäse unterrühren. Die Salbeiblätter waschen, trocken tupfen, fein hacken und unterrühren. Die Maisstärke in etwas kaltem Wasser anrühren und die Soße damit andicken. Den Parmesan unter das Quinotto rühren und mit Pfeffer und Muskatnuss abschmecken. Quinotto mit Salbeisoße und Parmesan anrichten und mit Kürbiskernen bestreuen

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