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20:01 05.08.2016
Von Dany Schrader
Nicht nur für Kinder im Trend: Der klassische Ranzen feiert ein stylishes Comeback und ersetzt Handtasche, Rucksack oder Aktentasche. Quelle: Hase Weiss
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Es passiert nicht oft, dass ein kleines Unternehmen aus Annaberg im Erzgebirge mit einem Avantgarde-Label aus Japan gemeinsame Sache macht. Im Fall von Aruzzi Taugo und dem Label Comme des Garçons aber lag die Zusammenarbeit nahe: Das japanische Modehaus ist für hochpreisige Kleidung in einer schlichten, aber klassischen Designsprache berühmt. Bei Aruzzi Taugo, wo die Geschäftsführerin noch selbst ans Telefon geht, werden Schultaschen aus Leder von einer kleinen Manufaktur gefertigt.

Die Ranzen aber sehen so elegant aus, dass man auf den ersten Blick nicht zwangsläufig an Grundschüler als Zielgruppe denkt. Das fand man offenbar auch bei Comme des Garçons: "Die haben uns einfach gefunden und bemerkt, dass unsere Schulranzen zu ihnen passen", heißt es bei Aruzzi Taugo.

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Für das Unternehmen in Annaberg war die Kooperation mit Comme des Garçons eine kleine Sensation, denn fortan hing die Kollektion aus der Kleinstadt im Erzgebirge in Flagshipstores des Labels in Großstädten wie Tokio, Paris, London und New York. Sie zeigte aber außerdem, dass man mit der Geschäftsidee auf dem richtigen Weg war: Schulranzen, die aussehen, als wären sie schon zu Großmutters Zeiten im Einsatz gewesen, sind wieder gefragt.

Schultertasche oder Ranzen? Egal, Hauptsache, man kann problemlos Dokumente im DIN-A4-Format verstauen: Modelle von Aruzzi Taugo (pink) und The Leather Satchel (Naturleder). Quelle: Hersteller

Vor knapp einem Jahr feierte der hannoversche Lederwarenspezialist Bree seinen 45. Geburtstag und erinnerte aus diesem Anlass auf seinem Firmenblog an die ersten Modelle aus Naturleder. Darunter auch der "New School Ranzen", eine Schultasche, die mittlerweile nicht nur zu den Kultklassikern zählt, sondern schon kurz nach der Markteinführung mit einem Designpreis  ausgezeichnet wurde. Ähnliche Modelle werden bis heute verkauft, und zwar nicht nur an Schüler, sondern auch an Studenten, Lehrer oder aber Geschäftsleute, die eine stilvolle Alternative zur spießigen Aktentasche suchen.

Zwei Unternehmen in Großbritannien erlebten vor wenigen Jahren einen Boom, als sie die klassische britische Lederschultasche, genannt Satchel, neu auflegten: The Cambridge Satchel Company, gegründet von Julie Deane und ihrer Mutter Freda Thomas, entwickelte sich innerhalb weniger Monate von einer Firma, die drei Schultaschen in der Woche auf dem heimischen Küchentisch fertigte, zu einem Topseller-Unternehmen mit einem Umsatz von rund 10 Millionen britischen Pfund.

Vom Schulklassiker zur It-Bag

Die Kollegen von The Leather Satchel waren damals bereits im Geschäft. Sie hatten, angeregt von der großen Nachfrage an Vintage-Kleidung und -Taschen ein preisgünstiges Modell des Ranzens neu aufgelegt. "Die Kunden wollten diese alten Taschen, aber es waren nicht genug auf dem Markt. Also fingen wir mit der Produktion an", sagt der geschäftsführende Manager Keith Hanshaw. Als ein Redakteur des Kunstmagazins "Look" später die Idee hatte, die Satchel-Bag in allen erdenklichen Farben anzubieten, avancierte das Modell vorübergehend zur It-Bag.

Mittlerweile enthält das Sortiment der Satchel-Produzenten mehr als 40 Nuancen. Zu den Kunden zählen Vertreter praktisch aller Alters- und Berufsgruppen – Teenager, die lieber in den billigen Filialketten der Hauptstraßen einkaufen, mal ausgenommen. "Die Menschen kennen die Form aus der Schulzeit oder von ihren Großeltern und Eltern. Diese Tasche hat Geschichte, die geht zu Herzen", sagt Hanshaw.

Nicht nur für Hipster: Die Ranzen von Hase Weiss aus Berlin gefallen auch Eltern, die für ihre Kinder etwas anderes als knallbuntes Plastik suchen. Quelle: Hersteller

Doch auch bei Kindern macht der gute alte Lederranzen wieder Schule: Viele Eltern statten ihre Kinder gern mit einem Design aus, das sie schon aus ihrer Kinderheit oder gar von der ihrer Eltern und Großeltern kennen. Der Trend, den man von Kinderwagen, T-Shirts und Bettwäsche kennt, erfasst nun langsam auch die Ranzen.

"Die Menschen suchen nach etwas, das handgemacht und von Dauer ist", sagt die Architektin Anna Pfeiffer, die vor einigen Jahren das Unternehmen Hase Weiss in Berlin-Charlottenburg gegründet hat. Dort verkauft sie neben nostalgischem Spielzeug und Möbeln aus eigener Herstellung auch Schulranzen aus chlorfrei gebleichtem Leder. Viele ihrer Kunden seien froh, eine Alternative zu den kreischend bunten Schultaschen aus Kunststoff zu finden.

Pfeiffers Modelle sehen dagegen aus, als hätten sie geradewegs eine Zeitreise aus der Vergangenheit hinter sich – wären sie nicht so schön neu und unberührt. Der Antrieb für Pfeiffer zur Ranzenproduktion war die Einschulung der eigenen Tochter: Damals wollte sie einen Ranzen, der klassisch-schön, leicht und extrem haltbar war. "Das kam für mich nur ein Modell aus Leder infrage", sagt sie.

Interview mit Wolfgang Braun, Brandmanager für Scout-Schulranzen

Beim Kauf eines Schulranzens kann man den Eindruck gewinnen, das Design könnte nicht bunt genug sein. Was ist denn im kommenden Schuljahr das absolute Muss?
Das ist eigentlich noch dasselbe wie schon vor 20 Jahren: Einhörner und Pferde stehen in der Gunst der Mädchen ganz oben, gefolgt von Blumen und Schmetterlingen. Bei den Schulranzen für Jungen geht es seit Jahren immer wieder um Fahrzeuge – Trecker, Rennautos oder aber auch Raketen. Aber wir wissen aus der Marktforschung, dass die Kaufentscheidung immer auch mindestens zur Hälfte von den Eltern getroffen wird. Die wiederum setzen eher auf ein Design, das Kindern möglichst auch in der dritten Klasse noch gefällt und etwas zurückhaltender ist, also etwa auch zur Kleidung passt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sicherheit: Die DIN-Norm 58124 für Ranzen schreibt Neonfarben hinten und an den Seiten vor. Auf so etwas achten dann auch die Eltern.

Was macht einen guten Ranzen aus?
Er sollte zuallererst gut sitzen und auf die Größe des Kindes und seine Bedürfnisse zugeschnitten sein. Das Modell sollte außerdem wasserfest und stabil sein und von selbst stehen können: Wenn die Taschen im Klassenraum ständig umfallen und der Inhalt herausfällt, ist das für die Lehrer ein echter Gau.

Viele Ganztagsschulen raten bereits vom Ranzenkauf ab: Die Schüler lassen ihre Bücher in der Schule. Das Pausenbrot und das Federetui passen locker in einen Rucksack. Hat das System Ranzen bald ausgedient?
Sicherlich gibt es immer mehr ganztägige Grundschulen. Dennoch müssen die Kinder oft immer noch einiges an Schulutensilien mitnehmen. Und ob sich platz- und gewichtssparende Tablets tatsächlich auch in Grundschulen durchsetzen werden, scheint mir zweifelhaft.

Das Design von Schultaschen hat sich in den vergangenen 50 Jahren immer wieder verändert. Wo führt die Entwicklung hin?
Wenn Sie den Lederranzen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren betrachten, der wie ein Kasten weit über die Schultern der Kinder ragte, lässt sich leicht erkennen, dass der erste Leichtschulranzen von Scout 1975 schon eine kleine Kulturrevolution war. Seitdem sind die Ranzen stetig ergonomischer und leichter geworden. Manche jüngeren Modelle sind sogar mit einem Hüftgurt ausgestattet, wie man es von Rucksäcken aus dem Outdoorbereich kennt. Allerdings wissen wir aus der Medizin inzwischen, dass man Schulkindern auf einem durchschnittlichem Schulweg durchaus ein gewisses Gewicht zumuten kann. Das Tragen eines Ranzen kann die Muskulatur des Rückens schließlich auch trainieren.

Was für eine Schultasche hatten Sie?
Ich gehöre noch zur Generation der Lederranzen. Den habe ich bis in die Hochschule getragen. Am Ende war er bekritzelt und bemalt – was man eben so macht in diesem Alter. Tatsächlich heben viele Schüler ihren Schulranzen auf und holen ihn dann manchmal zur Abiturfeier noch einmal aus dem Keller. So gesehen ist der Ranzen schon ein echtes Stück Kulturgut.

Interview von Dany Schrader

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