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20:00 27.05.2016
Die große Kunst der kleinen Unterhaltung: Besonders die Deutschen tun sich schwer mit Small Talk – dabei sind die Regeln einfach und die Fettnäpfchen leicht zu vermeiden. Quelle: Fotolia
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Im Zweifel ist Reden besser als Schweigen. Vor allem, wenn man sich auf einer Party nicht mit einem Mauerblümchendasein begnügen will. Doch wer den Mund aufmacht, riskiert was: schlimmstenfalls Fettnapffallen, Abfuhren oder die Gefahr, an jemanden zu geraten, der einem für die Dauer der Festivität seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Nicht umsonst wird Small Talk, also die beiläufige Konversation, als hohe Kunst gehandelt. Wer sie beherrscht, kommt nach Ansicht von Psychologen und Kommunikationsexperten besser durchs Leben, im Job und privat.

Die Erkenntnis, dass höfliche Plauderei durchaus Vorteile hat, reifte bereits vor 265 Jahren in England. Der britische Politiker, Benimmexperte und spätere Earl of Chesterfield, Philip Dormer Stanhope, erfand 1751 den Begriff Small Talk als vornehmere Form für "chit-chat", das Geschwätz.

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Small Talk, so schrieb der Earl in seinen auch in Deutschland veröffentlichten Briefen "Über die anstrengende Kunst ein Gentleman zu werden", drehe sich ausschließlich um Belanglosigkeiten, die in vielen oder wenigen Worten nichts besagten. "Er steht Hohlköpfen gut an, als Ersatz für das, was sie nicht sagen können und Männern mit Verstand, als Ersatz für das, was sie nicht sagen sollten."

Deutsche tun sich schwer

Im Kommunikationszeitalter, in dem Netzwerken groß geschrieben wird, ist der Small Talk mehr denn je gesellschaftliches Ritual. Menschen, die auf andere zugehen und locker drauflosplaudern, wird hohe Sozialkompetenz zugeschrieben. Bis heute gelten die Briten neben den Amerikanern als Small Talk-Experten. Dagegen tun sich viele Deutsche offenbar schwer mit dem freundlichen Austausch von Belanglosigkeiten. Was sage ich wann? Wie sage ich's überhaupt? Wen sollte ich ansprechen? Und wen besser nicht?

Die Nachfrage nach Ratschlägen, wie man sich locker im Fahrstuhl mit Vorgesetzten oder in der Schlange vor dem Familienfestbüfett unterhält, ist groß: Zahlreiche Workshops, Seminare und bergeweise Sachbücher behandeln das Thema Small Talk in Bezug auf alle Lebenslagen.

Warum nur werden so viele Worte um das oberflächliche Geplänkel gemacht? Die seichte Unterhaltung, die Oscar Wilde einst treffsicher als "Kunst, alles zu berühren und nichts zu vertiefen" definierte, kann anstrengender sein als ein sachlicher Informationsaustausch oder eine ernsthafte Diskussion. In beiden Fällen geht es um ein konkretes Thema. Man kann mit einem Ja oder Nein antworten oder einfach nur zuhören und nichts sagen.

Immer den Ball flach halten

Das funktioniert beim Small Talk nicht. Schweigen ist peinlich und knappe Antworten gelten als unhöflich. In einer Tischrunde mit lauter Unbekannten Belanglosigkeiten auszutauschen, verlangt Geschick und Gespür: Ähnlich wie beim Ballspiel muss man zielgerichtet zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte platzieren.

Sein Gegenüber sollte man dabei fest im Blick haben und ihm Gelegenheit geben, den Ball zurückzuspielen und auch was zu sagen. Wird einem selbst ein Stichwort zugeworfen, ist Schlagfertigkeit gefragt. Auf jeden Fall sollte der Ball schön flach und in Bewegung gehalten werden. Einwürfe, die mit Politik, Religion oder auch Kunst zu tun haben, bergen zu viele Meinungsverschiedenheiten und sind daher tabu.

Wer die lockere Unterhaltung sucht, sollte sein Gegenüber nicht als Gegner, sondern als Partner sehen. "Small Talk hat mit Respekt vor dem Gesprächspartner zu tun: Man wendet sich ihm zu, gibt sich höflich und interessiert. Daher sollte man auch tunlichst Monologe vermeiden, sondern Fragen einbauen: 'Ich liebe Grillfeste. Sie auch?'", sagt Caroline Krüll.

Auflockerung statt Tiefgang

Die Expertin für Kommunikation und Körpersprache ist Moderatorin, TV-Coach und Autorin des Ratgebers "Small Talk – Reden Sie sich zum Erfolg". Auch die Körpersprache sollte man nicht unterschätzen, rät sie. Beugt sich der Gesprächspartner beispielsweise immer wieder vor, während der andere erzählt, möchte er gern was loswerden. Und: "Ein guter Small Talk hat eine Sprechverteilung von fünfzig zu fünfzig."

Große Hemmungen vor dem kleinen Gespräch sind keine Seltenheit. Die Deutschen, denen im Vergleich mit anderen Nationen gern nachgesagt wird, sie redeten nicht gern um den heißen Brei herum, sondern wollten schnell auf den Punkt kommen, seien in der Mehrzahl Small-Talk-Muffel, meint die Berlinerin.

Gleichwohl seien oftmals die Ansprüche an eine leichte Unterhaltung ausgerechnet in Deutschland zu hoch: "Wer sich Small Talk verweigert, weil es ihm zu oberflächlich ist, hat das Prinzip nicht verstanden. Es geht nicht um Tiefgang, sondern darum, sich freundlich einander anzunähern und die Atmosphäre aufzulockern", betont Krüll.

Small Talk macht zufrieden

Letzteres kommt auch dem eigenen Wohlbefinden zugute: Psychologen der Universitäten Cambridge und British Columbia veröffentlichten im vergangenen Jahr eine Studie mit dem Ergebnis, dass Small Talk Menschen zufriedener mache. Menschen seien soziale Wesen, die generell ein Bedürfnis danach hätten, beachtet zu werden und sich eingebunden zu fühlen.

Wer sich beispielsweise im Supermarkt auf ein kleines Gespräch mit dem Kassierer einlasse, fühle sich hinterher zufriedener als Kurzangebundene, stellten die Forscher fest. Der nächste Kauf einer Kiste Wasser wäre doch mal einen Selbstversuch wert.

Von Kerstin Hergt

Nur Mut: Anleitung zum Nichtssagen

Der beste Einstieg:

Mit dem Wetter ist man immer auf der Sonnenseite. Es liefert viele Stichworte, die zu anderen Themen wie Urlaubs- oder Wochenendplanung, Freizeitaktivitäten und Hobbys überleiten.

Mitreden können auch weniger Fußballbegeisterte bei Events wie etwa der Europameisterschaft. Auch gesellschaftliche oder politische Großereignisse sind Small-Talk-tauglich, wenn sie neutraler oder positiver Natur sind.

Komplimente hört das Gegenüber gern. Wer keins zurückgeben kann, schneidet besser ein anderes Thema an. Denn "lügen geht gar nicht", sagt Small-Talk-Expertin Caroline Krüll.

Berufliches sollte nicht am Anfang stehen, ist aber grundsätzlich erlaubt.

Kinder nerven – vor allem diejenigen, die keine haben. Auf keinen Fall sollte man unter Müttern mit Bemerkungen wie "kann Ihr Kind auch dieses oder jenes?" einen Wettbewerb eröffnen, sagt Krüll.

Den Gastgeber zu kennen ist eine Gemeinsamkeit: Auf "Woher kennen Sie sich?" kann jeder antworten.

Der beste Ausstieg:

Die Frage "Wie geht's?" ist tückisch. Denn es besteht die Gefahr, dass der so Angesprochene seine Krankheitsgeschichte oder Beziehungskrise ausbreitet. Ein "Entschuldigung, ich möchte noch diesem oder jenem Gast Hallo sagen" hilft.

Plumpes Anbaggern nervt. "Entschuldigung, ich bin locker mit XY verabredet, der wartet schon", dürfte erst mal für Ruhe sorgen.

"Und was machst du so?" ist eine ungeschickte Einstiegsfrage. Wer keine Lust hat, über den Job oder gar die Jobsuche zu reden, sollte direkt, aber mit Humor abblocken. Antworten wie "Ich trinke Bier" oder "Ich feiere", stoßen nicht allzu sehr vor den Kopf.

Der Vielplauderer wird kaum so sensibel sein, dass es ihn ernsthaft stört, wenn man deutlich macht: "Ich muss dann mal weiter."

Der Allesretter auf einer Party ist das Lieblingslied. Wer sich mit "sorry, ich muss unbedingt tanzen" abrupt verabschiedet, sollte das dann auch tun – auch wenn es vielleicht nicht das Lieblingslied ist.

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