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Lifestyle Fluch der Karibik
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19:59 26.01.2018
Nicht nur die Ananas ist zurzeit auf Möbeln, Kleidung und als Dekoobjekt allgegenwärtig. Wie kommt es, dass plötzlich alles Tropische boomt? Quelle: Zalando
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Hannover

Der deutsche Winter macht es uns nicht gerade leicht. Es ist nass, kalt, und draußen viel zu lange dunkel. So gesehen ist Deutschland gerade eher so Kohlrabi oder Wirsing. Wirft man aber einen Blick auf das Design, das in Einrichtungsläden und an den Ständern der Modefilialisten zurzeit vorherrschend ist, drängt sich ein anderes Motiv auf: die Ananas. Aber nicht nur sie: Die Karibik-Ästhetik ist allgegenwärtig. Eis in Melonenform, Flamingobleistifte und natürlich mit allerlei Früchten bedruckte Shirts. Hielt es bis vor Kurzem noch jeder halbwegs ambitionierte Produzent von Konsumgütern für kreativ, ein Einhorn auf seine Artikel zu drucken, sind nun die Exoten dran.

Die Frage, warum die Karibik-Welle gerade in diesen Zeiten so über das Land schwappt, beschäftigt selbstverständlich auch Experten. “Design besteht – neben allem Neuen – immer auch aus Zitaten von früher. So ist es auch erkennbar hier der Fall“, sagt Ute Ritterfeld, Professorin für Sprache und Kommunikation an der Technischen Universität Dortmund. Die Hemden und Blusen mit farbenfrohen Blumen-, Pflanzen- und Früchtemustern erinnerten durchaus an die Hawaii-Hemden aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

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“Eskapismus gab es immer“

Doch ist die Ananas auf unserem Strickpullover tatsächlich ein Ausdruck für unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt, wie viele Modemacher behaupten? Exotische Muster und knallige Farben waren schließlich auch im Deutschland der Nachkriegszeit populär – als die Menschen Schutt und Asche, dem Grau in Grau, entfliehen wollten. “Wenn ich mit tropischen Früchten, Flamingos und Papageien visuell hausieren gehe, ist das ein Ausdruck dessen, dass ich mich mental momentan lieber in der Südsee verorte als in Köln-Ehrenfeld. Sonst könnte ich auch Kastanien-Motive tragen“, sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln.

Ritterfeld sieht das ähnlich: “Womöglich spiegelt das ein Gefühl, das heute auch wieder viele Menschen haben, obwohl wir in deutlich sichereren Zeiten leben. Die Hinwendung zum Hedonismus ist ein Statement gegen die Furcht.“Allerdings ist Forscherin Ritterfeld bei Weltflucht-Theorien wie diesen immer auch ein wenig skeptisch.

“Als Ausdruck eines besonderen Eskapismus würde ich es nicht unbedingt ansehen“, sagt sie. “Eskapismus gibt es schließlich immer, Fernweh auch.“ Oftmals treibe einfach auch ein allgegenwärtiges Angebot die Verbreitung eines bestimmten Artikels voran. “Wenn ein bestimmtes Design in allen Läden angeboten wird, sind die Kunden eher geneigt zu sagen: Dann kauf ich das eben auch.“

Bloß nicht überdosieren

Warum aber ausgerechnet Ananas und Melone? Nun, populäre Motive haben mitunter auch etwas mit Akzeptanz im Zeitgeist zu tun. “Wenn man die Vielfalt der an der Bikinifigur orientierten Ernährungsratgeber betrachtet, dann scheint die Frau im Sommer mit Melone und Ananas bei den Früchten auf Nummer sicher gehen zu können“, sagt er.

Wer vor diesem Hintergrund mit einer entsprechenden Shopping-Tour liebäugelt, sollte dennoch aufpassen, was er sich da genau zulegt. Es komme natürlich immer auf die jeweilige Person an, sagt Andreas Rose, Modeberater aus Frankfurt. Er ordnet den Exotik-Trend ebenfalls im Retro-Bereich ein. Ein komplettes Outfit dieser Art empfiehlt er nicht – lieber ein einzelnes Teil wie einen Schal oder ein Shirt. “Es kann sonst schnell billig wirken.“

Von Jonas-Erik Schmidt

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