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Lifestyle Geometriestunde im Wohnzimmer
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20:00 22.04.2016
Klare Kante: Geometrische Formen in allen Variationen sind der neueste Einrichtungstrend. Quelle: wcm1111 / CC BY-NC-ND 2.0
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Ob Dreieck, Trapez oder Parallelogramm: Geometrische Figuren finden sich nicht mehr nur auf Schultafeln, sondern zunehmend auch in den Wohnungen stilbewusster Menschen. Kissenhüllen mit Rautenmustern, Teppiche im Zick-Zack-Design, Vorhänge mit Blockstreifen, Regale in Wabenform und kubische Kerzenleuchter, die sich modulartig zu regelrechten Geometrie-Skulpturen zusammenstecken lassen: Wer in Wohnfragen die Nase vorne haben will, zeigt in den eigenen vier Wänden klare Kante.

Wirklich neu ist der Geometrietrend allerdings nicht: Schon das Bauhaus predigte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Befreiung des Wohnens von ornamentaler Überfrachtung durch die Klarheit geometrischer Formen. Etliche der Würfel-, Streifen- und Zackenmuster, die vielen aktuellen Wohntextilien ihren grafischen Look verleihen, könnten geradewegs aus den Werkstätten so bedeutender Bauhausmeisterinnen wie Gunta Stölzl oder Anni Albers stammen.

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Auch das skandinavische Design der Fünfziger- und Sechzigerjahre, das die Gestaltungsideale des Bauhauses aufgriff und ihnen durch lichte Farben und natürliche Materialien wie helles Holz, Leinen und Keramik ein wenig von ihrer Strenge nahm, stand Pate für die neue Geradlinigkeit. So wundert es nicht, dass geometrische Formen derzeit vor allem in den Kollektionen nordischer Hersteller auftauchen – etwa bei Ferm Living, Bloomingville und dem schwedischen Branchenriesen Ikea.

Abkehr von der Gemütlichkeit

Anders als zu Zeiten des Bauhauses haftet der aktuellen Geometrieoffensive kein wohnpolitisches Programm mehr an: Während die Gestalter von einst durch der Versachlichung des Designs letztlich auf entrümpeltes und alltagsgerechteres Wohnen zielten ("Die Form folgt der Funktion"), scheint der gegenwärtige Hang zu Nüchternheit letztlich nur eine weitere Einrichtungsoption, ein "Look" neben vielen anderen. Pure Dekoration also.

Der Berliner Designer Axel Venn erkennt im cleanen Geometriestil dennoch eine tiefer liegende Tendenz: die zunehmende Abkehr von biederer Gemütlichkeit. "Weil die Menschen heute sehr funktional denken, zeigt sich das auch in ihrer Einrichtung. Diese neue Sachlichkeit versprüht eine urbane Attitüde", meint der Einrichtungsexperte.

In einem entsprechend großstädtischen und innovationsfreudigen Umfeld verortet Venn den Geometrie-Look denn auch: "Er kommt aus aufstrebenden Städten wie Berlin, Hamburg oder Stuttgart, in denen weltoffene und medial aufgeklärte Menschen leben", sagt Venn.

Kühl, luftig, sachlich: Geometrische Muster sorgen für Klarheit in der Wohnung. Quelle: iStock

Längst hat der in Wohnzeitschriften mitunter auch als Scandi-Chic bezeichnete Geometrisierungstrend den Sprung aus der urbanen Designerwohnung ins Durchschnittswohnzimmer geschafft. Rechte wie spitze Winkel scheinen allgegenwärtig. Bettina Billerbeck, Chefredakteurin der Zeitschrift "Schöner Wohnen", wundert das nicht: "Wenn man einen Trend nur oft genug sieht, dann brennt er sich ins Gedächtnis ein – und gefällt einem früher oder später auch."

Flankierende Trends aus Disziplinen wie der Mode tun ihr Übriges, um den Vormarsch des Eckigen noch zu beschleunigen. So setzt der zurzeit angesagte Hippie-Stil ebenfalls auf geometrische Muster. "Oft zieht sich ein Trend durch verschiedene ästhetische Disziplinen. Was etwa in der Kunst angesagt ist, wird oft auch im Mode- und Interior-Bereich zitiert", sagt Einrichtungsexperte Steven Schneider.

Indem sie Trends folgen, signalisieren Menschen Stilwissen und zeigen, dass sie es verstehen, Teile, Farben und Muster zu kombinieren. Der Geometrietrend scheint besonders dazu geeignet, sich als "Auskenner" zu präsentieren. Denn laut Interiordesigner Schneider sind gerade die Wohnungen überdurchschnittlich designaffiner Menschen auffallend oft durchgeometrisiert. Menschen, die sowohl ästhetische Kompetenz als auch Mut besäßen, ist Schneider überzeugt: "Schließlich sind geometrische Muster nicht ganz so einfach in Szene zu setzen."

Einrichtung ist Gefühlssache

Freilich geht es beim Wohnen nicht nur darum, Trendbewusstsein und Einrichtergeschick unter Beweis zu stellen. "Man sucht sich schließlich auch instinktiv das aus, was zu einem passt", sagt "Schöner Wohnen"-Chefredakteurin Billerbeck. Denn das Zuhause sei vor allem ein Rückzugsort, der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln sollte. Deshalb sei es entscheidend, sich bei Einrichtung vor allem auf das Gefühl zu verlassen.

Auch Designer Axel Venn warnt davor, sich Moden ungeachtet eigener Vorlieben zu unterwerfen: "Der Geometrietrend kommt sicher nicht aus dem Bauch heraus. Er ist funktional, intellektuell und rational. Ich denke, das trifft auch auf die meisten Menschen zu, die sich entsprechend einrichten. Wer also eher ein romantischer Typ ist, wird sich damit kaum wohlfühlen", meint Venn.

Zum Ausprobieren: Statt teurer Möbel tut es zum Einstieg auch etwas Dekoration, etwa Kissen mit geometrischen Mustern. Quelle: Fashion for Home

Grundsätzlich rät Wohnexpertin Billerbeck zu einer eher dezenten Dosierung markanter Muster und Formen. Wenige geometriebetonte Stücke gekonnt in ein ansonsten zurückhaltendes Interieur integriert – das genüge schon.

Finanzielle Anstrengungen sind übrigens nicht erforderlich, um den eigenen vier Wänden den begehrten Look zu verpassen. "Ein cooler, mit entsprechend gemustertem Stoff bezogener Retrosessel vom Flohmarkt tut's erst mal voll und ganz", meint Interior-Designer Steven Schneider. Denn wie so viele Trendphänomene werden auch Raute, Dreieck und Wabe früher oder später wieder aus den Wohnzimmern verschwinden. Wenigstens bis zu ihrem nächsten Comeback.

Von Isabell Rollenhagen

Expertentipps zum Geometrietrend

  • Wer sich selbst als "Anfänger" in Sachen geometrischer Spielereien betrachtet, sollte es erst einmal mit Textilien versuchen, etwa Bettwäsche mit geometrischen Mustern.
  • Generell wirkt es ruhiger und klarer, wenn geometrische Elemente in Wohnaccessoires oder Wanddekoration als in Möbelstücken erscheinen.
  • Sollte man sich für Deko-Elemente wie Kissen oder Vasen mit geometrischen Mustern entscheiden, ist es wichtig, eine ungerade Zahl davon parat zu haben. Geometrische Designs können gut mit unifarbenen Dekorationselementen kombiniert werden.
  • Wer mutig ist, kann auch ein großes Möbelstücke mit geometrischem Muster in seine Einrichtung integrieren. Ein solches Keypiece duldet keine Konkurrenz und sollte nur mit einfarbigen Möbelstücken und Wohnaccessoires kombiniert werden.
  • Geometrie braucht Platz. Daher ist Minimalismus der Schlüssel zum Erfolg. Geometrische Muster und Symbole machen Freude, benötigen aber auch viel Aufmerksamkeit. Wer es also harmonisch haben möchte, muss beim Rest der Einrichtung auf Reduktion, Einfachheit und eine klare Formsprache achten.
  • Um Harmonie zu bewahren, sollte man sich auf helle und freundliche Töne beschränken. Pastellfarben passen bestens, aber auch Weiß- und helle Grautöne wirken sehr stimmig.

Von Steven Schneider

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