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Lifestyle Eine Aufforderung zum Tanz
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21:50 08.04.2016
Popmusik als Auf und Ab: Auch in der Karriere von Neil Tennant (unterwegs nach unten, rechts mit dem bunten Hut) und Chris Lowe (unterwegs nach oben, rechts mit weißen) gab es mal Durchhängezeiten.
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Das Alter ist ein unbarmherziger Feind: Schonungslos nagt es an Körper und Geist, bis der Mensch schließlich zu Staub zerfällt. Wer sich vom Alter bedroht fühlt, pfeift daher gern besonders laut. Zumindest ist das eine Aussage, die für die Musikindustrie zutreffend ist. Wenn Neil Tennant also im fortgeschrittenen Popstaralter von 61 Jahren mit seinem unverkennbaren Schmusefalsett die "Popkids" der frühen Neunzigerjahre besingt, die nächtelang zu Pophits durchfeiern, an fünf Tagen in der Woche, kann er im Gespräch noch so oft beteuern, mit diesen Worten lediglich zwei Freunde zu meinen. Doch eigentlich steht fest: Der Leadsänger der Pet Shop Boys erzählt in diesen Liedzeilen immer auch ein bisschen von sich selbst.

Mit Popmusik ist der gelernte Musikjournalist aus dem nordenglischen Northumberland berühmt geworden. Mit Popmusik brachte er es an der Seite seines Keyboarders Chris Lowe als erfolgreichstes Duo des vollsynthetischen Genres ins "Guiness-Buch der Rekorde". Und mit Popmusik hat der längst ergraute Musiker auch im Rentenalter keinerlei Probleme. Im Gegenteil: Tennent ist auf entspannte Art mit sich und seiner Karriere im Reinen. Rockmusik dagegen, auch davon singt er in "Popkids", wurde überbewertet, dessen habe man sich damals gegenseitig unablässig versichert.

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Eine klare Ansage: Das Albumcover der neuen Pet Shop Boys-Platte. Quelle: x2

Leichte Oberfläche mit gewisser Tiefe

Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres international gefeierten Debütalbums "Please" und der Hitsingle "West End Girls" ist jetzt das 33. Studiowerk der Pet Shop Boys erschienen. Das Album "Super" – das Wort steht auf dem Cover kanariengelb in einem pinkfarben leuchtenden Kreis – feiert den Zauber der Oberfläche musikalisch wie textlich in einer freudestrahlenden Bedenkenlosigkeit. So, als wäre die Welt nun doch eine Scheibe und das Wasser darauf flach wie am Ostseestrand.

"Ich mag Oberflächlichkeit", beteuert Tennant dazu arglos wie ein Grundschüler im Süßwarenladen, schränkt dann allerdings vorsorglich ein: "Aber nur, wenn unter der leichten Oberfläche eine gewisse Tiefe steckt." Nur, um diese Tiefe zu entdecken, dafür bedarf es auch dieses Mal einer empfindlichen Sensorik. Schon der Auftaktsong "Happiness" stellt in gefälligem Lady-Gaga-Rhythmus keine weiteren Fragen als jene, wie man ohne weitere Umwege am besten zum Istzustand des Titelnamens kommt.

Einfach nur tanzen

Und in exakt dieser Harmlosigkeit geht es elf Stücke lang weiter: Mal mehr, mal weniger nostalgisch grasen die Pet Shop Boys das eigene Lebenswerk vom frühen Synthiepop über den Eurodance ihrer ausklingenden Glanzzeit bis hin zum technisch erweiterten Klangspektrum der digitalisierten Gegenwart ab. Wer dabei ganz genau hinhöre, sagt Tennant, spürte zwischen den Zeilen schon mal kleinere Brüche. Man dürfe aber zu der Musik auch einfach nur tanzen. Zumindest die deutschen Fans, und das wissen die Pet Shop Boys wohl selbst am besten, hören, zumindest, was den Text betrifft, ohnehin nicht so genau hin.

Und sie überhören somit, wenn die Pet Shop Boys in "Twentysomething" auf ihre Gegenwart schauen, wo sie angsterfüllte Millenniumskinder "in einer dekadenten Stadt in einer Zeit der Gier" finden. Oder wenn sie im preussisch stampfenden "The Dictator Decides" einen müden Tyrannen heraufbeschwören, der seine Ablösung herbeisehnt. In der Welt der neuen Lieder ist beileibe nicht alles "super", unter den Aufforderungen zum Tanz entdeckt man auch kluge Vierminutenerzählungen, die über das gewöhnliche "I love You"-Schubidu für Diskotheken hinausreichen. Produziert hat das aktuelle Album – wie schon den Vorgänger "Electric" von 2013 – Stuart Price, Keyboarder der Synthpopband Zoot Woman. Er ist ein Pet-Shop-Boys-Fan der ersten Stunde.

Dem Stil unbeirrbar treu geblieben

Gegründet in einem Londoner Plattenladen Anfang der Achtzigerjahre, als die elektronische Musik noch in den Kinderschuhen steckte und der Pop eingeklemmt war zwischen Disco und Rock, wollten die Pet Shop Boys nie etwas anderes, als digital aufgemotzte Marschmusik für Bauch, Beine, Po zu machen. Das gelang ihnen so versiert, so spielerisch und heiter, dass der breiten Masse selten die musikalische Komplexität auffiel, selbst wenn diese offenkundig war. Ihr erster Hit "West End Girls" etwa mag putzmunter die britische Klassengesellschaft von damals verarbeitet haben, das Village-People-Cover "Go West" den Fall der Mauer kommentiert und so manches Stück die Homosexualität beider Bandmitglieder thematisiert haben – im Ohr blieben meist nur Tanzbodenhymnen, so eingängig, dass sie es bis in die homophobsten Fußballkurven geschafft haben.

Das war schon immer der Fluch der beiden Gleichberechtigungsaktivisten, deren hedonistische Wucht auch als Statement gegen die bleiernen Thatcher-Jahre zu verstehen war. Es ist aber bis heute auch der Segen zweier Profis, die ihrem Stil selbst nach all den Charthits in den Neunzigerjahren unbeirrbar treu geblieben sind. Eine hochkulturelle Respektsbekundung war vor fünf Jahren auch die Bitte, Sergei Eisensteins legendären Stummfilm "Panzerkreuzer Potemkin" mit dem Dresdner Symphonieorchester neu zu vertonen. Und nun dürfen die Boys ihr neues Album live im feudalen Royal Opera House zu London darbieten, mindestens vier Abende lang.

Alles bleibt so, wie es ist

Das ist doch ein Ritterschlag, oder? "Ich war jetzt kurz davor, zu sagen, dass es für das Opera House einer wäre", sagt Tennant in einem viel raueren Ton, als es seine helle Gesangsstimme vermuten ließe, und lacht laut. Aber dann korrigiert er sich: Schließlich biete das noble Haus für beide Seiten die Chance, neues Publikum anzuziehen. Statt großer Oper also digitaler Minimalismus mit maximaler Wirkung. Seinen unverwechselbaren Sound komponiert Neil Tennant übrigens seit Jahren an seinem Zweitwohnsitz Berlin. Dort ist auch sein Alterswerk "Super" entstanden, das zu modern klingt, um bloß nostalgisch zu sein, und zu nostalgisch, um die Pet Shop Boys neu zu erfinden. Alles bleibt also, wie es ist.

Auf ein Wort

"Heute kann jeder zu Hause Techno machen"

Herr Tennant, hätten Sie sich nach dem Debütalbum der Pet Shop Boys träumen lassen, 30 Jahre später Interviews über die 13. Platte zu geben?
Nein. Aber weniger, weil wir nicht an uns geglaubt hätten, sondern nie sonderlich weit im Voraus dachten. Als wir angefangen haben, bestand unser Ehrgeiz allein darin, eine Platte in einem bestimmten Londoner Plattenladen stehen zu haben. Als das geschafft war, ging es uns darum, das zu wiederholen, und zwar möglichst mit einem guten Plattenvertrag.

Den es dann ziemlich schnell gab.
Und zwar für sieben Platten. Damals war ich mir sicher, nie so viele zustande zu kriegen. Wir waren ja nicht mehr die Jüngsten, aber auch Realisten, was die Chancen langfristigen Erfolgs im Popgeschäft betrifft.

Haben sich die Pet Shop Boys seit ihrer Gründung im Jahr 1981 verändert?
Im Grunde nicht, wir sind uns sowohl musikalisch als auch textlich treu geblieben. Was sich allerdings radikal verändert hat, ist die Technologie. Bis tief in die Neunziger war elektronische Musik extrem kompliziert herzustellen, heute kann jeder zu Hause Techno machen.

Was auch nach 35 Jahren Pet Shop Boys auffällt: Ihre Stimme hat sich kaum verändert.
Also mir wurde mal gesagt, sie sei mit den Jahren kräftiger geworden.

Wie halten Sie sie bloß derart in Form?
Wissen Sie was? Indem ich überhaupt nichts damit tue.

Nicht die kleinste elektronische Hilfe?
Na ja, manchmal ein Doppler drauf, das war’s. Das passt wunderbar zum Pop.

Von Jan Freitag

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