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Lifestyle Kampf ums Handgelenk
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20:00 23.10.2015
Von Daniel Behrendt
Foto: Mechanisches Uhrwerk
Weg von der Massenware: Zunehmend entwickeln Uhrenmarken wieder eigene mechanische Kaliber, anstatt Fremdwerke einzuschalen. Das Bild zeigt das Kaliber ATM13 der Schweizer Manufaktur Armin Strom. Quelle: Armin Strom
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Wie spät ist es? Es ist noch gar nicht so lange her, dass die meisten Menschen diese Frage mit einem flüchtigen Blick auf das Zeigerpaar einer klassischen Armbanduhr quittierten. Heute kramen sie immer häufiger aus Jacken-, Hosen-, Hand- oder Schultertaschen ihr Smartphone hervor. Jenes Gerät, das alle anderen in sich vereint – und vom Schminkspiegel über den Fotoapparat bis hin zur Armbanduhr zunehmend etliche aus Analogzeiten vertraute Alltagsbegleiter ins Abseits schiebt. Fällt der Blick dennoch einmal aufs Handgelenk, trifft er immer häufiger auf eine Smartwatch, einen Kleinstcomputer, der zwar auch die Uhrzeit anzeigt, aber eigentlich gekauft wird, weil er weitaus mehr kann: Schritte zählen, das Schlafverhalten analysieren, Kurznachrichten versenden.

Einmal mehr ist es die Apfelmarke aus dem kalifornischen Cupertino, die einen Markt umkrempelt. Wie der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg kürzlich meldete, müssen die traditionellen Uhrenhersteller in den USA und auf den asiatischen Märkten den größten Umsatzrückgang seit 2008 verdauen. Einbußen, die laut Bloomberg maßgeblich auf das Konto der Apple Watch gehen. Mehr als vier Millionen der im Frühjahr auf den Markt gekommenen Geräte soll der Konzern bislang verkauft haben – was 75 Prozent aller in diesem Zeitraum abgesetzten Smartwatches entspricht.

Für Betuchte: Mit einer Edition aus 18-karätigem Gold (ab 11 000 Euro) will Apple traditionelle Luxusuhren-Kundschaft für die Smartwatch begeistern. Quelle: Apple

Luxusuhren werden smart

Kein Wunder, dass selbst die Baselworld, altehrwürdige Leitmesse der Uhrenindustrie, in diesem Jahr nicht am Trend zur smarten Uhr vorbeikam. Branchenklassiker wie Breitling oder Montblanc präsentierten Entwürfe, die Digitalfeatures wie Smartphone-Anbindung, Wetterstation oder Passwort-Tresor recht diskret in analog anmutende Gehäuse verpacken. Bei vielen dieser Uhren ist es allerdings kaum mehr als die elegante Schale, die der großen feinmechanischen Tradition dieser Marken ihre Reverenz erweist. Ihr Kern hingegen ist kaum weniger computerisiert als bei der Apple Watch.

Derartige Brückenschläge ins Digitalzeitalter mögen jene ansprechen, deren Lebensstil von Smartphone, Social Media und Fitnesstrackern geprägt ist. Ein Anhänger traditionellen Uhrmacherhandwerks wie Walter Castillo hat für elektronische Mätzchen indes kaum mehr übrig als ein mattes Lächeln. Für Castillo, Sammler feinster Zeitmesser und Betreiber eines Internetforums für Liebhaber alter Fliegerchronografen, sind Uhren eine Passion, ja eine Philosophie. Entfacht wurde seine Leidenschaft bereits als junger Mann durch eine Omega Seamaster.

"Dieser Uhrenklassiker gehörte meinem Vater. Eine gute Uhr und eine Lederjacke – diese beiden Dinge hat er mir vermacht", sagt Castillo. Von der kunstvollen Komplexität eines mechanischen Werks – bisweilen bestehen sie aus weit mehr als 100 Einzelteilen – lässt sich der Uhrenexperte schon mal zu tiefsinnigen Gedanken hinreißen: "Wenn ich die präzise Fertigung und das makellose Zusammenspiel all dieser Elemente betrachte, dann ergibt das Wort ,Deus ex machina‘ – der Gott aus der Maschine – für mich erst richtig Sinn", schwärmt Castillo. "Ich glaube, so etwas wie Vollkommenheit zeigt sich in einer sinnlich erfahrbaren Mechanik weitaus eindrucksvoller als in abstrakten Algorithmen."

Massenware im Nobelgewand

Auch Maik Sieglar, Uhrenexperte bei der auf die Reparatur und Wartung von Armbanduhren spezialisierten Firma Rewa Timecheck, kann sich dem Charme der Uhrenklassiker kaum entziehen. "Eine mechanische Armbanduhr ist ästhetisch betrachtet ein absolut zeitloses Statement und bei entsprechender Pflege und Wartung eine Anschaffung fürs Leben", sagt Sieglar. Schon für einige hundert Euro gebe es mechanisch zuverlässige Einsteigermodelle. "Man kann ebenso einen vier-, fünf- oder sogar sechsstelligen Betrag hinblättern. Doch teurer heißt nicht zwangsläufig besser", erklärt Sieglar.

Denn etliche, teils prestigeträchtige Marken verbauen Fremdwerke in viele ihrer Luxusgehäuse – zumeist jene des zur Swatch-Gruppe zählenden Herstellers ETA. "Das sind durchaus hervorragende, langlebige Schweizer Uhrwerke", stellt Sieglar klar, "aber dennoch Massenware, die man mitunter zu teuer bezahlt." Inzwischen jedoch hat sich das Bewusstsein vieler Hersteller gewandelt. Notgedrungen, denn Marktführer ETA beliefert seit einigen Jahren kaum noch Hersteller außerhalb des 17 Marken umfassenden Swatch-Universums, zu dem so weltberühmte Namen wie Blancpain, Omega und Breguet zählen.

Swatchs Knapphaltetaktik hat viele Traditionsmarken dazu gezwungen, sich auf ihr feinmechanisches Erbe zu besinnen und wie früher eigene Werke zu entwickeln. "Der Innovationskraft und Eigenständigkeit der einzelnen Marken ist das nur förderlich", meint Uhrenexperte Castillo, schränkt jedoch ein: "Allerdings kann diese neuen Manufakturwerke kaum jemand reparieren, weil die Hersteller bewusst keine Ersatzteile an Fremdfirmen ausliefern." Den Kunden so legendärer Produzenten wie Rolex, Patek Philippe oder Jaeger-LeCoultre bleibt daher nichts anderes übrig, als ihre Zeitmesser zur Wartung und Reparatur direkt an den Hersteller zu schicken, der mangels Konkurrenz das Preismonopol hält. "Unter diesen Voraussetzungen", kritisiert Castillo, "kann man natürlich nahezu jeden x-beliebigen Preis verlangen."

Die Rolex Daytona "Paul Newman" gehört zu den begehrtesten Uhrenklassikern. Ein Modell in Stahlausführung erzielte 2013 bei Christie’s sagenhafte 1,1 Millionen Dollar. Quelle: Rolex

Aber auch eine mechanische Uhr mit Standardwerk verursacht nicht unerhebliche Folgekosten: "Viele Kunden machen sich beim Kauf nicht klar, dass ein mechanisches Werk alle fünf bis zehn Jahre zur Revision muss, eine Generalüberholung, bei der das Uhrwerk in seine Einzelteile zerlegt und gereinigt wird", sagt Sieglar. Die regelmäßige Revision, die mit mehreren Hundert Euro zu Buche schlägt, ist erforderlich, damit das Werk weiterhin wie geschmiert läuft und seine Ganggenauigkeit behält.

Doch selbst bei gewissenhaftester Uhrenpflege hinkt ein mechanisches Werk dem bei Digitaluhren weitverbreiteten Zeitabgleich über Funk oder das Internet hinterher. Selbst Modelle, die sich Chronometer nennen dürfen und damit die höchsten Anforderungen an Messpräzision erfüllen, gehen stets nur relativ genau. Ahnungslosen mag das wie blanker Hohn erscheinen: Tausende Euro für ein Gadget, das nur eine Fähigkeit beherrscht – und die noch nicht einmal perfekt? Wahre Liebhaber wie Walter Castillo haben hingegen auch dafür allenfalls ein mattes Lächeln übrig: "Die genaueste Uhr der Welt nützt nichts, wenn ihr Besitzer unpünktlich ist", weiß der Uhrenkenner.

Stephan Fuhrer 23.10.2015
16.10.2015
16.10.2015