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Lifestyle Probier’s mal mit Gemütlichkeit
Mehr Lifestyle Probier’s mal mit Gemütlichkeit
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21:58 21.08.2015
Von Dany Schrader
Quelle: dpa
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Mit dem Turnschuh fing es an. Er ist schon lange nicht mehr nur auf Sportplätzen unterwegs, sondern auch auf der Straße – ein ehemals funktionsgebundenes Kleidungsstück, das allgegenwärtig geworden ist. Man schaue sich nur um: Sneakers sind wirklich überall, es ist nicht einmal mehr ein Affront, sie zum Hosenanzug zu tragen.

Nun also die Jogginghose. Sie hat ebenfalls den Weg in den Alltag gefunden. Man trägt sie zum Blazer und zu Pumps. Jogginghosen und Yogapants haben, aufgehübscht als Lounge-Pant oder Jog-Pant, sogar die Laufstege der großen Modewochen erobert. Und sie kommen in Begleitung: Sportkleidung ist salonfähig.

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"Mehr Dynamik und Drive"

Der neue Trend ist ein Symbol dafür, wie sich Männer und Frauen heutzutage am liebsten kleiden: entspannt und athletisch. "Die ganze Welle von Gesundheit, von Fitness, Sport und ewiger Jugend hat seit einigen Jahren einen unglaublichen Einfluss auf die Mode", sagt Michael Werner von der Fachzeitschrift "Textilwirtschaft". "Alles soll nach ein bisschen mehr Dynamik und Drive aussehen."

Modeexperten wie Werner sehen in diesem Bedürfnis weit mehr als einen kurzlebigen Trend. Vielmehr messen sie diesem Phänomen so viel Bedeutung bei, dass sie einen eigenen Begriff dafür geschaffen haben: Athleisure. Die Kombination der englischen Ausdrücke Athletics (Sport) und Leisure (Freizeit) steht für die Verschmelzung von Sportkleidung und Freizeitmode. Der Begriff ist gerade mal ein Jahr alt – und doch erwägt die Redaktion des bedeutenden US-amerikanischen Wörterbuchs Merriam-Webster bereits, ihn in den festen Bestand der Enzyklopädie aufzunehmen.

Ersatz für den Anzug

Tatsächlich sind Wachstumsraten und Gewinne in keinem Segment des Marktes höher als in der Sportmode. Gleichzeitig ist den Herstellern bewusst, dass nicht einmal die Hälfte der Kleidung tatsächlich beim Work-out, sondern vielmehr im Alltag getragen wird. Marktführer wie Adidas und Nike haben sich längst darauf eingestellt und entwerfen ganze Kollektionen, die bewusst für die Straße gemacht sind. Im vergangenen Jahr eröffneten die Macher des Designeronlineshops Net-a-porter.com einen eigenen Ableger für Sportswear: Net-a-Sporter. Filialketten wie Top Shop und H&M haben längst Sportlinien ins Programm genommen.

Und auch die Designer hochwertiger Luxuslabels lassen sich mehr und mehr von der Welt des Sports inspirieren. Auf der stilprägenden Männermodemesse "Pitti Uomo" in Mailand sieht man Trackpants mit Tunnelzug und schlanke Cargohosen in Wollstoffqualitäten – und zwar durchaus als Ersatz für den Anzug.

Lässig als Luxus

Ähnliche Interpretationen des Zeitgeists gibt es bei Tom Ford, DKNY und Tommy Hilfiger und sogar Chanel: Für die fast schon legendäre Winterkollektion 2014/2015 des französischen Couturehauses ließ Karl Lagerfeld Models in Jogginghosen, Leggings und Turnschuhen auftreten. In diesem Zusammenhang hat der viel zitierte Ausspruch des Modezars aus dem Jahr 2012 an Wirkung verloren. Damals sagte Lagerfeld: "Wer die Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Und blickt man zurück, war es tatsächlich wieder einmal Coco Chanel, die vor Jahrzehnten einen der frühesten Impulse zur Athleisure gab: In den Zwanzigerjahren war die Designerin die Erste, die, angeregt durch die bequeme Kleidung der Fischer und Matrosen, eine weich fließende Damenmode schuf. Nach den vielen Jahren in Korsetts und uniformähnlichen Anzügen zählte es zum ersten Mal als Luxus, sich in lässiger Kleidung zu bewegen, ohne dabei Sport zu treiben.

"Sehnsucht nach Behaglichkeit"

Ganz ähnlich ist es heute: Das Deutsche Modeinstitut (DMI) in Köln spricht in seinem Trendbericht für die Herbstsaison von lässiger Eleganz gepaart mit urbaner Sportlichkeit als zentrale Strömungen. "Der hybride Charakter der Mode rührt auch daher, dass wir uns in unserem Lifestyle zwischen den Welten bewegen", sagt Präsident Gerd Müller-Thomkins. Je hektischer unser Leben wird, desto größer ist das Bedürfnis, auch die entsprechende Bewegungsfreiheit zu haben.

Deshalb sieht man inzwischen nicht mehr nur Funktionsjacken und parallel dazu smarte Sakkos. Jetzt gibt es konfektionierte Outdoor-Sakkos aus Funktionsmaterial. Klassische Budapesterschuhe aus Leder bekommen eine sportliche Sneakersohle.

Ausdruck von Macht

Markt und Mode entsprechen damit dem Zeitgeist. "Es gibt eine gewisse Sehnsucht nach Behaglichkeit, nach bequemen Stoffen, nach etwas mehr Tiefe, Wärme und Charakter", sagt Michael Werner von der Fachzeitschrift "Textilwirtschaft".

Körperliche Fitness gilt als Statussymbol und auch als Ausdruck von Macht: Wer in edlen Wollpants oder im Kaschmirpulli im Büro erscheint, hat es nicht nötig, sich konservativen Dress­codes zu unterwerfen. Wer Athleisure trägt, zeigt, dass er sich leisten kann, auf den Anzug zu verzichten.

Allerdings gilt auch hier das ewige Gesetz: Man muss es tragen können. Petra Schreiber, Präsidentin des Bundesverbandes Farbe Stil Image, sagte es in einem Interview so: "Wer eine Jogginghose bei offiziellen Anlässen trägt, braucht sicherlich ein gesundes Selbstbewusstsein." Auch heute noch.

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