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Lifestyle Tunesisches Design ganz ohne Kamele
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22:16 08.04.2016
Adam Jabeur ist stolzer Unternehmer – und trägt die Brille gern auch ohne Glas. Quelle: Vakay
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Adam Jabeur mag es, wenn sich die Menschen auf der Straße nach ihm umdrehen. Nicht, dass er besonders eitel wäre. Adam Jabeur ist einfach nur ein cleverer Geschäftsmann. Warum sonst sollte er eine Brille ohne Gläser tragen? "Wenn das die Menschen bemerken, sprechen sie mich darauf an", sagt der Tunesier. Und dann kann er von seiner kleinen Firma erzählen. Von Vakay, dem ersten tunesischen Produzenten von handgefertigten Sonnenbrillen. Weltweit sind die Modelle aus Holz inzwischen im Handel, seit einigen Tagen auch in Deutschland. Es ist ein sonniger Nachmittag in der tunesischen Hafenstadt Sfax, 270 Kilometer südlich von Tunis. Adam Jabeur ist hier geboren und aufgewachsen, er hat hier später Buchhaltung studiert. "Die Idee mit der Brille ohne Gläser hatte ich eines Nachts vor dem Einschlafen. Gut, oder?", sagt der 27-Jährige, als er durch seinen Betrieb führt. Von seinem Schreibtisch aus hat er alles im Blick: das kleine Holzlager, die Maschinen und die große Tafel, auf der die Firmenchronik mit bunter Kreide geschrieben steht.

Wie alles begann? Jabeur lacht, dann beginnt er zu erzählen. "Vor drei Jahren habe ich im Internet eine Sonnenbrille aus Holz gesehen. Die wollte ich unbedingt haben. Allerdings konnte ich mir das Modell nicht leisten." Also ging er am nächsten Tag zu seinem Kumpel Solaiman Ghorbel, einem Designer, und bat ihn, ihm eine ähnliche Brille zu entwerfen. Weil Solaiman Ghorbel aber nicht das richtige Werkzeug hatte, ging er zu seinem Cousin Magdi Ghorbel, einem Ingenieur, der ihm die nötigen Maschinen baute. "Am Anfang sollte das bloß eine Brille für mich werden", sagt Jabeur. "Aber dann wollten meine Freunde auch eine haben. Also dachte ich mir: Hey, so kann ich mein Taschengeld aufbessern." Aus einer Sonnenbrille wurden 30, ein lokaler Radiosender berichtete. "Plötzlich hatten wir etliche Anfragen." Aber es gab immer noch keinen Namen für die Sonnenbrillen. Also fragten sie ihren Freund Ashraf Chichini, einen Künstler. So kam eins zum anderen, und die vier Freunde gründeten Vakay (vietnamesisch – weil es so schön klang – für "mit Holz").

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In zwei Tagen vom Stück Holz zum Schmuckstück

Zwei Jahre ist es nun her, dass die vier ihr Geschäft eröffnet haben. Mittlerweile beschäftigt Vakay acht Mitarbeiter. 400 Sonnenbrillen produziert das Unternehmen pro Monat, sie alle sind handgemacht. Zwei Tage dauert der Prozess vom Stück Holz zum holzigen Schmuckstück. Der große Aufwand hat seinen Preis: Bis zu 700 tunesische Dinar kostet ein Exemplar, umgerechnet sind das knapp 310 Euro. "Günstiger wird es kaum gehen", sagt Kerstin Kruschinski vom Kuratorium Gutes Sehen. "Holzbrillen können nicht billig hergestellt werden."

Nichtsdestotrotz, sagt die Expertin, habe das Material inzwischen eine Nische auf dem Weltmarkt gebildet. Man muss nur einmal einen Blick in die schicken Designerläden in Berlin-Mitte werfen und kann sehen, dass Brillen aus Echtholz dem Zeitgeist entsprechen. Auch in London, New York und Paris haben modebewusste Brillenträger die ursprünglich in den Alpen begründete Tradition der Vollrandfassungen aus Holz längst wiederentdeckt. "Viele Menschen leben heute naturbewusster, nicht nur in Bezug auf Lebensmittel und Kleidung. Deshalb tragen sie lieber Brillen aus Naturmaterial, das recycelt werden kann", sagt Kruschinski.

"Das Design ist international gefragt"

Was aber unterscheidet die Vakay-Modelle von anderen Fassungen, etwa denen aus Europa? Adam Jabeur glaubt, die Antwort darauf zu kennen: "Wir haben Wert auf einen tunesischen Touch gelegt." Der Bezug zur Heimat beginnt schon beim Material. Vakay verwendet ausschließlich afrikanisches Holz, insgesamt sechs Arten, darunter Bubinga und Zebraholz. Auch das Design ist tunesisch. "Aber ohne Klischees zu bedienen", wie Jabeur sagt. Keine Kamele, keine Palmen. "Stattdessen haben wir uns die Muster aus dem alten Karthago abgeschaut", sagt Jabeur. "Das Design ist international gefragt." Erst recht, seit Fußballprofi Dani Alves vom FC Barcelona im vergangenen Jahr mit einer Vakay-Brille im Internet posierte. In den Tagen darauf seien die Bestellungen in die Höhe geschnellt.

Etliche Gründerpreise hat Vakay inzwischen gewonnen. Das Unternehmen steht stellvertretend für eine junge, kreative Generation, die Tunesien nach Jahrzehnten der Unterdrückung wieder voranbringen will. Auch wenn der Weg lang ist. Unter Präsident Zine el-Abidine Ben Ali, der das Land bis zur Revolution im Winter 2010/2011 autokratisch regiert hatte, waren Firmengründungen praktisch unmöglich. Der Ben-Ali-Clan hatte die Wirtschaft des Landes fest im Griff, Tunesien wurde vom Weltmarkt abgeschnitten. "Es ist noch immer sehr schwierig, in Tunesien ein Unternehmen zu gründen", sagt Jabeur. "Man muss unendlich viel Papierkram erledigen. Aber wir haben uns nicht aufhalten lassen." Auch nicht, als die tunesischen Banken dem Start-up keinen Kredit gewährten. Der Tunesier hat sogar Verständnis dafür. Das Bankenwesen des Landes liegt wie die tunesische Wirtschaft am Boden. Industrie und Handel leiden auch fünf Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings unter den Folgen der jahrzehntelangen Ausbeutung.

Unternehmnensgründung war nur durch Spenden möglich

Jabeur und seine Geschäftspartner aber hatten großes Glück. Freunde und Bekannte spendeten Geld, Unternehmer aus Sfax stellten Material und Maschinen zur Verfügung. Dieses Vertrauen wollen die vier nun zurückzahlen. Einen Teil des Erlöses spendet Vakay nach eigenen Angaben für gemeinnützige Projekte, unter anderem um den Erhalt der "Star Wars"-Kulissen im Süden Tunesiens zu fördern. Außerdem hofft Jabeur, dass in naher Zukunft weitere Handwerksbetriebe in Sfax gegründet werden. "Tunesien hat eine lange Tradition, wenn es ums Handwerk geht", sagt er. "Aber heute kommt fast alles, was auf unseren Märkten verkauft wird, aus Asien. Wir wollen zeigen: Unser Land kann mehr als Tourismus. Wir können hochwertige Produkte gestalten, herstellen und vermarkten."

Solange das nicht jeder im Land verstanden hat, sagt Adam Jabeur, wird er weiter auf den Straßen von Sfax um Aufmerksamkeit kämpfen – und dafür eine Brille ohne Gläser tragen.

Von Patrick Hoffmann

Unser Autor hat sich mit Unterstützung der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung in Tunesien und Ägypten auf die Spuren des Arabischen Frühlings begeben und dabei auch diese Geschichte recherchiert.

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