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20:01 30.09.2016
Von Sophie Hilgenstock
Brillen haben sich vom ungeliebten "Nasenfahrrad" zum Trendaccessoire Nummer eins gewandelt. Sogar Clip-Ons sind wieder da – und machen diese Mykita-Brille im Handumdrehen zur Sonnenbrille. Quelle: Mykita
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Wie so viele Menschen hat auch Jérôme Boateng seine Brille als Kind gehasst. Morgens, auf dem Schulweg, habe er sie heimlich im Briefkasten versenkt, verriet der deutsche Fußballnationalspieler kürzlich. Dennoch wurde Boateng das "Nasenfahrrad" ab seinem siebten Lebensjahr nicht mehr los. Diagnose: Kurzsichtigkeit.

Heute sieht Jérôme Boateng kaum besser, greift aber nur dann zu Kontaktlinsen, wenn er als Profifußballer auf den Platz muss. Ansonsten trägt er Brille – mit Vorliebe großrahmige und kräftige Modelle, die niemand übersieht. Gründe dafür gibt es mehrere: Erstens ist Boateng inzwischen 28 Jahre alt und als Fußballweltmeister mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet, an dem jegliche Hänselei abperlt.

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Zweitens gestaltet der Innenverteidiger seine Sehhilfen neuerdings selbst. Und dann hat die Brille im Lauf der vergangenen Jahre einen deutlichen Imagewandel durchgemacht: War sie lange als hässlicher Nasenquetscher verschrien, tragen sie jetzt sogar Menschen, die eigentlich gar keine brauchen – mit Fensterglas.

Jérôme Boateng war als Kind gar nicht begeistert davon, dass er eine Brille tragen musste. Heute liebt er auffällige, stylishe Gestelle und designt sie sogar selbst. Quelle: Edel-Optics

"Brillen sind Mode, nicht mehr nur Sehhilfe oder Sonnenschutz", sagt der Designer Christian Roth aus Miami. Er hat Anfang der Achtzigerjahre in New York sein eigenes Brillenlabel gegründet. Tausende Modelle hat er seither entworfen, auch für Modegrößen wie Karl Lagerfeld und Michael Kors. Zahlreiche Trends und Entwicklungen hat Roth miterlebt. "Früher wollte man seine Sehschwäche verstecken, deshalb waren möglichst dezente, unscheinbare Modelle gefragt", sagt der 57-Jährige.

Heute ist das Gegenteil der Fall: "Man will seine Brille zeigen." Zierliche, randlose Modelle dürfe man den Brillenträgern deshalb zurzeit nicht mehr anbieten. Kräftig, dominant müsse die Brille jetzt sein, mit übergroßen Gläsern und markanten Fassungen, sagt Roth. Häufig werden Brillen als persönliches Markenzeichen, Identifikationsobjekt oder Statussymbol aufgesetzt.

"Die Menschen haben erkannt, dass man mit Brillen eine Menge gestalten und ausdrücken kann", erklärt Kerstin Kruschinski vom Kuratorium Gutes Sehen (KGS) in Berlin. Eine Brille verleihe Stil, Charakter, Seriosität und Kompetenz, sagt die Expertin. Die Bezeichnung "Intelligenzprothese" kommt dabei nicht von ungefähr: Wie aus einer aktuellen GfK-Umfrage hervorgeht, findet ein Drittel der deutschen Männer (32,8 Prozent) Frauen mit Brille "klug und sexy". Drei von zehn Frauen (29,1 Prozent) wiederum meinen, dass eine Brille einen Mann "schlau und attraktiv" mache.

Immer neue Brillenmanufakturen

Im Jahr 1958 urteilten die Deutschen dagegen ganz anders: Damals hielt die Hälfte der Bevölkerung Brillen für einen Makel – auf jeden Fall für etwas, das weder einem Maurer noch einer Kellnerin steht. Das zumindest ergab eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Heute hat sich die Brille vom reinen Akademikeraccessoire entfernt. 63,5 Prozent der Deutschen tragen sie regelmäßig, der Anteil der Brillenträger unter 30 wächst, gleichzeitig steigt die Zahl der Brillenhersteller. Ob in Amsterdam, Berlin oder New York – fast täglich, so beobachtet es Christian Roth, komme eine neue Manufaktur oder Marke hinzu. "Der Markt hat sich vervielfacht." Junge Firmen wie Mykita, Ace and Tate oder das italienische Label Retrosuperfuture, das sich mit Promikunden wie Kanye West, Lady Gaga oder Yoko Ono rühmt, machen den Branchenriesen zusehends Konkurrenz.

Zwar verkaufen Marktführer wie Fielmann, Rodenstock und andere nach wie vor massenhaft Brillen, doch wer mit seiner Sehhilfe die persönliche Individualität und Coolness unterstreichen will und es sich noch dazu leisten kann, schaut meist beim Nischenlabel vorbei.

Auffällig, aber nicht wuchtig

Das Unternehmen Mykita, im Jahr 2003 in Berlin gegründet, ist so ein Beispiel. Das Label setzt auf puristische Designs, heimische Produktion und leichte Materialien. Gerade hat die Firma ihren 13. Standort in Los Angeles eröffnet. Verkauft werden die Mykita-Modelle auch im Internet, wo der Brillenkonsum generell eine immer größere Rolle spielt. Die holländische Manufaktur Ace and Tate etwa veräußert ihre Brillen fast ausschließlich im Netz. Meist kann der Kunde fünf Modelle nach Hause bestellen und fünf Tage lang Probe tragen, dafür muss er dann aber auch auf die fachkundige Beratung eines Optikers bei der Auswahl des Modells verzichten.

Das Wichtigste ist eigentlich, dass eine Brille perfekt sitzt und lange hält. Trotzdem, das geht aus einer weiteren GfK-Umfrage hervor, legt knapp die Hälfte der Brillenträger besonderen Wert auf das Design der Sehhilfe. Jérôme Boateng liegt also mit seiner Begeisterung für auffällige Brillen voll im Trend. Und wie sieht der in der Zukunft aus?

"Große Gläser sind weiterhin modern, die Rahmen werden allerdings filigraner, außerdem lösen runde Formen die harten Kastenformen ab", sagt Sabine Stief vom Zentralverband der Augenoptiker (ZVA). Die sogenannte Nerd-Brille habe mit all ihrer Wuchtigkeit ausgedient, Blickfänge mussten die Fassungen aber trotzdem bleiben. "Gefragt sind jetzt beispielsweise Brillen aus natürlichen Materialien wie Holz, Büffelhorn, Papier oder sogar Stein", sagt die Augenoptikerin.

Hauptsache, auffällig (von oben): Brillen mit kreisrunden Fassungen (Mykita), in Katzenaugenform (Christian Roth Eyewear) oder in Naturtönen (Ace and Tate). Quelle: Hersteller

Farblich dominieren erdige, dunkle Naturtöne, gefolgt von goldglänzenden Metallrahmen und knalligen Kunststofffassungen in Froschgrün, Kornblumenblau oder Senfgelb. In der Sonnenbrillenmode geht man sogar einen Schritt weiter, hier kommt die Farbe selbst auf die Gläser. Türkis, grün oder rosa verspiegelte Scheiben, am besten kreisrund à la John Lennon, sind derzeit der letzte Schrei. Auch mit Katzenaugengläsern, tief sitzenden Nasenstegen und der immerwährenden Pilotenform mache man als Sonnenbrillenträger aktuell nichts falsch, sagt Kerstin Kruschinski. "Formen der Siebziger- und Achtzigerjahre sind sehr gefragt."

Das hat offenbar auch Jérôme Boateng erkannt. In seiner Sonnen- und Korrektionsbrillenkollektion, die er für den Hamburger Optiker Edel-Optics entworfen hat, gibt es Modelle mit Doppelstegen wie im Gesicht von Fernsehkommissar Derrick und kantigen Fassungen, die an frühere Kassengestelle erinnern. Besonders stolz dürfte der Fußballer jedoch auf das Modell "Rio" sein: Es ist eine schöne Kinderbrille.

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