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Meinungen Andrea Nahles wurde eiskalt abgesägt
Mehr Meinungen Andrea Nahles wurde eiskalt abgesägt
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19:01 02.06.2019
Von Christian Longardt
Christian Longardt im Leitartikel über Andrea Nahles: Sie musste scheitern, weil sie schon die erste Lektion eines Spitzenpolitikers nicht beherrschte. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Vorwärts immer, rückwärts nimmer – dass die neue SPD-Landesvorsitzende Serpil Midyatli am Abend der Europawahl in Kiel ausgerechnet ein Zitat des unbelehrbaren Erich Honecker bemühte, war in doppelter Hinsicht ein Missgriff. Erstens, weil die DDR wenige Woche nach der Rede des greisen Staatschefs kollabiert ist; zweitens, weil es für die SPD derzeit eben überhaupt nicht mehr vorwärts geht, ganz im Gegenteil.

Der Rücktritt von Andrea Nahles markiert einen neuen Tiefpunkt in der Geschichte der Sozialdemokratie, und die Katastrophe für die Partei liegt darin, dass sie nicht den Eindruck macht, als habe irgendjemand einen Plan, wie man den freien Fall aufhalten kann.

Schiebt man einmal alle Emotionen beiseite, die bei dieser selbst für Berliner Verhältnisse besonders hässlichen Darbietung entstanden sind, dann ist zu konstatieren, dass Andrea Nahles ihrer Rolle einfach nicht gewachsen war.

Die SPD aufzurichten, ihr neues Selbstbewusstsein und programmatisch ein neues Fundament zu geben; zugleich ein verlässlicher Koalitionspartner in der Bundesregierung zu sein und das eigene Profil zu schärfen; und dabei die Partei auch noch nach außen so zu repräsentieren, dass sich die Wähler wieder wohl mit ihr fühlen – an dieser Herkules-Aufgabe wären viele gescheitert.

Andrea Nahles erreichte Menschen nicht

Nahles musste scheitern, weil sie schon die erste Lektion eines Spitzenpolitikers nicht beherrschte. Sie hat es nicht verstanden, die Menschen zu erreichen. Weder die in ihrer eigenen Partei noch diejenigen, die diese Partei wählen sollen.

Andrea Nahles wird im Gedächtnis bleiben als Vorsitzende, derer sich sogar die eigenen Leute schämten. Peinlich waren schlussendlich auch die Wahlergebnisse. Bremen ging verloren, die Europawahl war eine weitere Ohrfeige. Unmittelbar danach die Machtfrage zu stellen, war Nahles’ letzter großer Fehler. Es war politischer Selbstmord.

Umgang mit Nahles war unanständig

Doch bei aller berechtigten Kritik: Wie die SPD am Ende mit ihrer Chefin umgegangen ist, war unanständig. Ausgerechnet die Partei, die den menschlichen Umgang im Arbeitsleben als ihren Markenkern begreift, hat ihre Vorsitzende übel gemobbt und eiskalt abgesägt. Den Vogel schoss Sigmar Gabriel ab, der Nahles noch am Wahlabend zum Abschuss freigab und sich am Sonntag allen Ernstes traute, für die Zukunft mehr Solidarität anzumahnen.

Die Folgen der Nahles-Demission sind unabsehbar. Für die Koalition in Berlin, deren Fortbestand die Spitzen von CDU und CSU am Sonntag fast trotzig beschworen, weil ihnen die Grünen im Nacken sitzen. Für Deutschland insgesamt, dem nach der mühevollen Regierungsbildung eine Phase der Stabilität gut getan hätte. Und für die SPD erst recht, deren Richtungsstreit nun neu entflammen dürfte und die sich bei den anstehenden Wahlen im Osten auf weitere Demütigungen gefasst machen darf. Frei nach Erich Honecker: vorwärts nimmer, rückwärts immer.

Erst lief alles gut. Es gab ausführliche Bürgerinformationen in den Gemeinden, prima Kommunikation, einen guten Shuttle-Service, der immer wieder angepasst wurde.

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