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Meinungen Christian Longardt zum Schleierstreit
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10:00 19.02.2019
Von Christian Longardt
Foto: Christian Longardt kommentiert den Schleierstreit an der Kieler Uni.
Christian Longardt kommentiert den Schleierstreit an der Kieler Uni. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Auf meiner Jogging-Runde in Kiel begegnet mir morgens ab und zu eine Burka-Trägerin, die ihr Kind wohl zur Kita bringt. In meinem Stadtteil grüßt man sich gewöhnlich, so allein auf dem Wanderweg allemal. Ehrlich gesagt: Bei der Muslima tue ich mich mit dem Grüßen schwer - die Verschleierung kommt als Signal der Abgrenzung an. Die Botschaft: Da will jemand gar nicht kommunizieren.

Katharina K., die zum Islam konvertierte Studentin, hat auf Fragen unserer Redaktion erklärt, in der Uni hätten die meisten Professoren mit dem Schleier überhaupt kein Problem. Das mag man kaum glauben, beruht doch das Miteinander in einer Bildungseinrichtung ganz wesentlich auf Kommunikation. In einer offenen Gesellschaft begegnen sich Menschen mit offenem Visier, das ist eine Grundregel unseres Zusammenlebens, die für alle gelten sollte. Oder doch nicht für alle?

Katharina K. stellt diese offene Gesellschaft auf die Probe, wenn sie sich weigert, die Niqab im Studienbetrieb abzulegen. Der Konflikt wird längst bundesweit diskutiert. Nicht etwa, weil die Hörsäle hierzulande voll wären mit komplett verschleierten Frauen. Sondern weil dieser Fall auf zugespitzte Weise die Frage stellt, wie weit die Toleranz der Mehrheitsgesellschaft eigentlich gehen muss.

Ist es wirklich islamfeindlich, darauf zu bestehen, dass man sich in einer deutschen Hochschule ins Gesicht schaut? Widerspricht es wirklich der Religionsfreiheit, wenn die Uni Mindestanforderungen an die Gemeinschaft in Forschung und Lehre definiert?

Das Argument, eine deutsche Studentin dürfe in Teheran auch nicht mit einem Mini-Rock zur Vorlesung gehen, kommt aus dem Bauch, führt aber in die Irre. Eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft, die liberal und tolerant sein will, muss sich an den eigenen Ansprüchen messen – nicht an den rigiden Moralvorschriften einer islamischen Republik.

Und doch liegen Kritiker wie der Grünen-Landtagsabgeordnete Lasse Petersdotter falsch, der meint, es würden Grundrechte ausgehebelt, wenn das Tragen religiöser Symbole untersagt werde. Ihm sei einmal der Kontakt zu Lehrkräften an Brennpunktschulen empfohlen, die versuchen, Gespräche mit Burka tragenden Müttern zu führen. Aus guten Gründen gibt es schon heute Lebensbereiche, in denen Vollschleier tabu sind: bei Beamtinnen etwa, im Pass-Amt oder am Auto-Lenkrad. Unis und Schulen sollten folgen. Weitgehende Burka-Verbote in Belgien und Frankreich hielten im Übrigen selbst vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte stand.

Faktisch bedeutet die Kieler Richtlinie einen Studienausschluss: ohne Prüfung kein Abschluss. Dass sich K. juristisch wehrt, ist ihr verbrieftes Recht. Doch selbst wenn ein Gericht der Konvertitin folgen sollte, darf man nach ihren Berufschancen fragen: Welcher Arbeitgeber stellt schon eine Ernährungswissenschaftlerin ein, die sich dauerhaft vermummt?

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