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Kiel: Kontroverse um Corona-Zahlen - Leserbriefe zum Thema

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18:07 12.04.2021
Von Susanne Färber
Über insgesamt 362 Intensivbetten verfügt das Universitätsklinikum an seinen Standorten in Kiel und Lübeck. Zurzeit sind nur wenige mit Covid-19-Patienten belegt.
Über insgesamt 362 Intensivbetten verfügt das Universitätsklinikum an seinen Standorten in Kiel und Lübeck. Zurzeit sind nur wenige mit Covid-19-Patienten belegt. Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa (Symbolbild)
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Kiel

Viel Kritik für die Aussagen der beiden Ärzte aus Altenholz zu Corona, aber teilweise auch Zuspruch: Das sind die Reaktionen unserer Leser auf die These der Ärzte Dr. Kai Ehrhardt und Dennis John Hülsberg, dass das „Mantra des drohenden intensivmedizinischen Kollapses“ nicht nachvollziehbar sei.

Es geht nicht nur um Selbstschutz, sondern auch um den Schutz der Nächsten
In der Tat sind die Fallzahlen der Region Kiel aufgrund der großen Disziplin der Bevölkerung niedrig. Das allein ist der Grund für die gottlob geringe Belastung unserer Intensivstationen mit schweren Covid-Fällen. Daraus auf die Harmlosigkeit des Virus zu schließen, wäre allerdings fahrlässig. Berichte von Überlebenden wochenlanger Beatmungen stehen in scharfem Kontrast zu solchen Äußerungen. Den Kollegen Dr. Erhardt und Hülsberg sowie allen Zweiflern seien dringend die Dokuserien „Charite intensiv“ in der ARD-Mediathek sowie vom SWR über die Uniklinik Freiburg empfohlen. Man muss sich also noch nicht einmal die desaströsen Zustände in New York 2020, Großbritannien, Italien sowie aktuell in Brasilien vergegenwärtigen. Zu denken sollte aber geben, dass mit Ausnahme Brasiliens alle Ländern mit besonders hohen Todeszahlen anschließend extrem viel in die Bekämpfung der Pandemie intensiviert haben. Auch Boris Johnson hat sich nach überstandener Erkrankung vom Saulus zum Paulus gewandelt.

Zum Thema Empfindlichkeit der PCR-Tests ist zu sagen, dass diese in der Tat sehr genau messen und der Nachweis asymptomatischer Verlaufsformen die Folge ist. Aus unseren Praxen kennen wir alte, risikobehaftete Menschen mit günstigem Covid-Verlauf. Aber auch junge Patienten mit schweren neurologischen Symptomen und solche, die infolge eines schweren Verlaufes auf der Intensivstation beatmet werden mussten. Manche müssen mit massiven Einschränkungen nach überstandener Erkrankung leben. Niemand wird vorhersagen können, wie schwer ein Infektionsverlauf werden wird. Das hängt allein von den spezifischen Gegebenheiten des individuellen Immunsystems ab. Wir wünschen den Kollegen Dr. Erhardt und Hülsberg und allen Corona-Skeptikern alles Gute, würden aber dringend zur Anwendung der Schutzmaßnahmen raten und nicht im Falle einer Infektion auf einen asymptomatischen Verlauf wetten. Dabei geht es nicht nur um Selbstschutz, sondern auch um den Schutz der Nächsten, insbesondere der anvertrauten Patienten.

Dres. Dania & Matthias Böhm, Dr. Andreas Fiedler, Dr. Inga Grimm, Dr. Dirk Hartig, Dr. Henrik Jacobsen, Dr. Ulrike Jentsch, Petra Jessen, Jan Kaitschick, Dennis Kramkowski, Dr. Jörn Leiendecker, Julia Lück, Stefan Miklik, Christoph Ochs, Dr. Sonja Sassen, Dr. Marion Schäfer, Dr. Robert Schoch, Dr. Dörte Schuldt, Dr. Jan Simon-Holtorf, Dr. Martin Sommer

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Endlich mal klare Worte sprechen

Ich bin den beiden Ärzten sehr dankbar für ihren Artikel und die klaren Worte. Ich hoffe, es wird an den richtigen Stellen gelesen und wir können endlich mal klare Worte sprechen. Es gibt leider zu viele Menschen, die Angst haben, ihre Meinung zu sagen.

Dorothea Paulsen, per Mail

Dahinter stehen Einzelschicksale

Die Konsequenz aus dem Gesagten der Kollegen ist für mich nicht nachvollziehbar! Würde es bedeuten, positiv getestete, aber symptomlose Mitmenschen nicht behördlich zu erfassen und nicht in Quarantäne zu isolieren? Herrn Hülsberg und Herrn Dr. Ehrhardt müsste als Medizinern eigentlich auch klar sein, dass der PCR-Test und die Impfung unsere einzigen Werkzeug sind, vulnerable Bevölkerungsgruppen und uns selbst zu schützen.

Ja, die Statistiken sind beängstigend und schüren vielleicht auch Ängste, aber hinter der Zahl von fast 80000 Corona-Opfern in unserem Land stehen Einzelschicksale und eine eigene Dramatik. Ich habe es im engsten Freundeskreis schmerzhaft selbst erlebt! Dieses als Ärzte zu verhindern, ist neben der Aufklärung, auch der Entscheidungsträger, unsere wichtigste Aufgabe, sei es durch Tests oder Impfung.

Dr. med. Gunther Fischer, Kiel

Klartext im Getümmel

Endlich einmal ein Artikel, der im täglichen Stakkato sich teilweise widersprechender Horrormeldungen durchatmen lässt und einen sachlichen Blick auf die Corona-Lage in unserem Bundesland eröffnet: Alles im grünen Bereich. So verfügt das UKSH zurzeit über eine Reserve von circa 25 Prozent freier Intensivbetten, und das, obwohl sich die Anzahl der Intensivpatienten mit Covid-19 deutschlandweit seit Beginn der dritten Welle verdoppelt habe. Das ergibt für das UKSH zurzeit elf Patienten. Und wie wir erfahren, war es nie wirklich dramatisch, denn ein Spitzenwert von 24 seit Ausbruch der Corona-Hysterie nimmt sich im Vergleich zu einer Gesamtzahl an Intensivbetten von 362 immer noch geradezu bescheiden aus. In anderen Kliniken unseres Bundeslandes zeigt sich ein ähnliches Bild. Das nenne ich objektive, datenbasierte Berichterstattung. Klartext im Getümmel, bitte mehr davon!

Helmut Burmeister, per Mail

Reicht auch das Personal?

Es klingt beruhigend, dass in Schleswig-Holstein mit vergleichsweise niedrigen Inzidenzwerten noch viele freie Intensivbetten verfügbar sind. Aber steht auch das Fachpersonal zur Verfügung, das die schwerstkranken Covid-Patienten betreuen kann? Der Fachkräftemangel im Pflegebereich ist bekannt, und Fachgesellschaften warnen vor einem weiteren „Exodus“, wenn die Belastung der Intensivpflegenden in der Pandemie weiter ausgereizt wird. Daher ist jede Verharmlosung der Infektionsgefahr eine Zumutung zu Lasten des Pflegepersonals.

Jutta Busch, Kiel

Wasser auf die Mühlen aller Skeptiker

Wie kann man selbsternannten „Experten“, die nicht über den Tellerrand ihres suburbanen Mikrokosmos mit seiner heilen Welt hinausblicken können oder wollen, so ein Forum bieten? Schon wenige Kilometer oder ein paar Stadtteile weiter sieht die Situation seit über einem Jahr massiv anders aus. Wie kann man angesichts zum großen Teil komplett ausgelasteter Intensivstationen und 78402 Toten deutschlandweit (Stand 11. April) von einer harmlosen Erkrankung sprechen und damit Wasser auf die Mühlen aller Skeptiker kippen? Wie absurd ist es, eine pandemisch auftretende Erkrankung aufgrund lokoregionärer Einzelerfahrungen und mit Verweis auf hier noch nicht ausgelastete Klinikkapazitäten beurteilen zu wollen? Sicher dürfen auch von der großen Mehrheit aller Ärzte abweichende Meinungen diskutiert werden, aber dann bitte ausgewogen.

Dr. Volker Voß, Dr. Lutz Ruhnke, per Mail

Ein Weckruf an die Menschen

Meinen herzlichen Dank an die beiden Kieler Ärzte Dennis John Hülsberg und Dr. med. Kai Ehrhardt. Das Statement der beiden Ärzte bringt es auf den Punkt, aus meiner Sicht ist es ein Weckruf an die Menschen, kritisch zu bleiben, den wissenschaftlichen Diskurs einzufordern.

Irke Döring, Kiel

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Die hier veröffentlichten Zuschriften sind Ausdruck der persönlichen Meinung der Einsendenden und nicht der Redaktion. Auswahl und Kürzung behält sich die Redaktion vor.

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Florian Hanauer 12.04.2021
Marco Nehmer 11.04.2021
Tilmann Post 10.04.2021