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Hamburg Bericht aus einer anderen Welt
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09:10 16.05.2013
Von Heike Stüben
Innenminister Andreas Breitner (Mitte) informierte sich bei David Siedke, Tabea Brenner, Merle Goßing und Frederik Doktor über die Situation syrischer Flüchtlinge. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Vier Tage sind sieben SHLer in Jordanien gewesen. Wenig Zeit. Dennoch ist es ein sehr differenziertes Bild, das Tabea Brenner (19), Merle Goßing (18) und David Sidke von dem Lager vermitteln: Vor zehn Monaten für 70000 Flüchtlinge angelegt, ist es heute mit 170000 Bewohnern viertgrößte „Stadt“ Jordaniens – mitten im Wüstensand, auf engstem Raum. Jeder Zweite ein Kind oder Jugendlicher. Viele allein auf sich gestellt, weil die Eltern auf der Flucht von ihnen getrennt wurden oder starben.

 Tabea Brenner berichtet von alleinerziehenden Frauen, die sich nicht trauen, sich zu waschen, weil sie Übergriffe befürchten müssen. Von 13-jährigen Mädchen, die morgens „verheiratet“ werden, dann Männern zur Verfügung stehen müssen und abends „geschieden“ und weggeschickt werden. Von Menschen, die zu Tode kommen, weil die Mindestabstände der Zelte nicht eingehalten werden und sich der Stoff an den Gaskochern entzündet. Von dem Kampf der Menschen, den Sand aus den Zelten zu halten. Und von dem Versuch, sich und den Seinen etwas mehr zu sichern als das Zelt, die Matratze, das tägliche Brot und die Zwei-Wochen-Ration Reis, Mehl, Nudeln.

 Doch die SHLer betonen auch, mit welch persönlichem Engagement die Hilfsorganisationen und vor allem die Freiwilligen aus Jordanien im Camp so weit wie möglich einen humanen Alltag organisieren. „Nach ein paar Monaten müssen sie ausgewechselt werden, weil man diesen emotionalen Druck und die Diskrepanz zwischen dem eigenen Leben und dem der Flüchtlinge nicht auf Dauer erträgt“, sagt David Sidke. Und Merle Goßing betont, wie schwer es fällt, mit all diesen Bilder und Begegnungen zurechtzukommen.

 Der Innenminister hört aufmerksam zu, hakt nach. Ob die Jugendlichen das Lager als Durchgangsstation sehen und wenn wohin? „Viele sind in einem Schwebezustand, haben noch gar nicht realisiert, dass sie nicht in ein paar Wochen zurück in ihre Schule können, weil die längst zerstört ist. Aber sie hängen an ihrem alten Leben“, sagt Tabea Brenner.

 „Dass die Menschen irgendwann in ihre Heimat zurückkönnen, hoffen wir auch, weil sie dort für den Wiederaufbau gebraucht werden. Dennoch ist es unsere humanitäre Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen“, erklärt Breitner. Schleswig-Holstein habe sich nicht nur selbst dazu bereit erklärt, sondern auch auf Bundesebene Druck gemacht. Mit Erfolg: Deutschland will nun weitere 5000 syrische Flüchtlinge aufnehmen. Die ersten kommen im Juli – 160 davon nach Schleswig-Holstein auf.

 Die Schüler-Organisation hilft seit April mit einem 50000-Euro-Projekt in zwei Flüchtlingslagern in Jordanien: Jugendliche lernen Fertigkeiten, die ihnen später helfen sollen, aber auch friedliche Konfliktlösungen. Und wenn viele Schüler sich am 13. Juni am Sozialen Tag beteiligen, soll das Projekt verlängert werden.

 Breitners Fazit nach über einer Stunde: „Das war sehr eindrücklich und sehr hilfreich. Denn auf der Innenministerkonferenz nächste Woche geht es auch um syrische Flüchtlinge.“