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Hamburg Der Geist vom Brahmsee
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17:50 22.02.2012
Von Ralph Böttcher
Stefan Kaempfert ist Enkel des Musikers Bert Kaempfert. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

Gleich links neben der Terrassentür stand das Klavier. Da hat er Spanish Eyes komponiert. In einer stürmischen Nacht im Februar.

 Es mag ja kitschig klingen, was Stefan Kaempfert von seinem Großvater erzählt – aber diese Geschichten kann niemand erfinden. Wir stehen am Ufer des Brahmsees. Vor uns das Holzhaus, in dem einst Bert Kaempfert Erholung fand von anstrengenden Tourneen. Enkel Stefan, seine Schwester und die Mutter waren fast jedes Wochenende dabei.

 Woran er sich vor allem erinnert? „Wir haben mit Opa immer lange ausgeschlafen“, sagt Stefan Kaempfert. Und dann sind sie zum Angeln rausgefahren. Dort, wo sich Brahmsee und Wardersee treffen, waren die besten Fanggründe. Vor allem für Hechte. Abends gingen sie oft ins Restaurant Kiautschau in Borgdorf, zum Skat mit den Nachbarn. Da war Stefan 12, 13 Jahre. „Die haben mich immer akzeptiert, wohl, weil ich kein Besserwisser war.“ Auch Loki und Helmut Schmidt lernte er kennen. Fasziniert war er stets von den Sicherheitskräften, die in die beschauliche Welt rund um den Brahmsee einfielen, wenn der Altkanzler dort seine Wochenenden verbrachte.

 Zum Beispiel mit Segeln, was auch für Stefan damals das Größte war. Zusammen mit Jean Hempelmann, dessen Familie noch heute das Nachbargrundstück in der Straße Am Hammer besitzt, fuhr er jahrelang Piratenregatten. Triumphierend weist er auf einen alten Segelmast, der neben dem Haus vor sich hin modert. „Ich war immer Vorschoter, weil ich so leicht war“, sagt Kaempfert. Sein Freund Hempelmann betreibt heute einen Stickladen in der Gneisenaustraße in Kiel.

 Zwei Stunden zuvor, im Restaurant Zum Assmus in Warder, hat der 46-Jährige uns über sein Leben nach dem Tod Bert Kaempferts erzählt. Stefan ist 14, als sein Opa am 21. Juni 1980 im Alter von 56 Jahren stirbt. Zwei Tage nach einem Auftritt in der Royal Albert Hall in London erleidet er in seinem Ferienhaus auf Mallorca einen Schlaganfall.

 Für die Familie ist das ein Schock. Stefan Kaempfert lebt zu der Zeit mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester in Hamburg. Mutter Marion Kaempfert ist selbst studierte Musikerin, Vater Klaus Haake, der bei Hoffmann und Campe Verlagswesen gelernt hat, macht den Manager seines Schwiegervaters. Alle haben das Musikerleben von Bert Kaempfert stets hautnah begleitet; in Zug in der Schweiz wohnten sie zehn Jahre Haus an Haus. „Schon als Fünfjähriger war ich bei Konzerten dabei, genau wie meine Schwester, die drei Jahre jünger ist als ich“, erzählt Stefan Kaempfert. Nach dem Abitur gibt es für ihn, der mit neun Jahren bereits die erste Trompete geschenkt bekam, nur ein Ziel: Er will dieses Instrument studieren, das sein Großvater so meisterlich beherrschte.

 In Hilversum besucht er das Konservatorium und lernt bei Ack van Rooyen. Mit Ende 20 lernt er seine spätere Frau kennen, eine Holländerin, die zwei Töchter (2 und 12 Jahre) mit in die Ehe bringt. Die beiden bekommen ein weiteres Kind – wieder ein Mädchen. Um die Familie ernähren zu können, arbeitet Kaempfert in der IT- und Multimediabranche. Die Trompete ist für einige Jahre kein Thema. Aber sie lässt ihn nicht los. 2004 beginnt er wieder zu spielen, in verschiedenen Bands in den Niederlanden, später bei Peter Herbolzheimer. Für Stefan Kaempfert neigt sich die Waage immer mehr zurück zur Musik. „Trompete spielen verlangt Disziplin“, sagt er. „Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich das selbst. Wenn ich zwei Tage nicht übe, merken das die Kenner. Beim dritten Tag merkt es jeder.“

 2010 stirbt auch sein Mentor Herbolzheimer. Kurz zuvor hat Stefan Kaempfert ein ehrgeiziges Projekt begonnen. Zusammen mit dem Bert Kaempfert Orchestra, jenen Musikern also, die schon seinen Großvater begleitet haben, will er dessen legendäre Musik noch einmal aufnehmen. „Nicht besser, aber technisch anders.“ Spanish Eyes, Strangers in the Night, Danke schön – Meilensteine des „Easy Listening“, die wir mit Namen wie Frank Sinatra, Dean Martin oder Caterina Valente verbinden und von denen 150 Millionen Tonträger verkauft wurden. Tony Fisher (70), der Lead-Trompeter und Bandleader von damals, ist mit von der Partie. Die Idee zu dem Album haben Mutter Marion Kaempfert und ihr zweiter Ehemann, der dänische Jazztrompeter Allan Botschinsky. Im Dezember 2011 erscheint Kaempfert plays Kaempfert bei Edel Records.

 „Timing ist alles“, sagt Stefan Kaempfert. Der richtige Ton im falschen Moment könne alles kaputtmachen. „Aber ein falscher Ton im richtigen Moment – wenn du gut drauf bist, verzeiht dir das jeder.“ Stefan Kaempfert steht vor dem Haus seines Opas am See und sinniert. „Meine Eltern waren im Sommer oft hier. Ich bin im Januar geboren. Ich bin wahrscheinlich ein Brahmseekind.“

 Spanish Eyes hat Bert Kaempfert übrigens zunächst als Instrumental für sein Orchester komponiert. Den Text schrieb er später für Freddy Quinn. Der durfte es aber nicht singen, jedenfalls nicht auf Schallplatte, weil er bei einer anderen Plattenfirma unter Vertrag stand. So kam Al Martino in den Genuss dieses Welterfolgs, der in einer stürmischen Nacht im Februar 1965 am Ufer des Brahmsees entstand.